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1. LANDESKLASSE St. B – Saison 2008/2009
 

Auf den Spuren von Schwindel und Zeit
oder wenn Augen und Hände einschlafen


"Der Zeiger, der über das Zifferblatt der Uhr vorrückt, rückt auch in den Seelen vor." (Victor Hugo, "Die Elenden")

"Man muss erkennen, wann man nicht mehr dran ist." (Bettina Emtmann)


Die letzten Züge wurden in einer Geschwindigkeit ausgeführt, bei der einem durchaus schwindlig werden konnte. Ein weißer und ein schwarzer Turm fegten in kantigen Bewegungen hektisch über das beinahe leere Brett, während das Schrittmaß der restlichen Figuren eher knapp ausfiel. Der einzig übrig gebliebene Bauer, ein bis auf h3 vorgerückter Randbauer, hatte sich schon seit einigen Zügen nicht mehr von seinem Feld bewegt, weil ihm der eigene, zudem eingesperrte König auf dem Umwandlungsfeld in der Brettecke den weiteren Vorwärtsdrang verstellte, und also nicht ermöglichte. Als Schiedsrichter Ralf Wadewitz aber gerade diesen gehemmten Freibauern als Unterschied ausmachte, und zwar als entscheidenden, so dass es lediglich ausreichte, diesem Randbauern die Gabe zum Sieg zu unterstellen, ohne dass es noch eines weiteren Nachweises bedurfte, mochte manch ein Beobachter, der mit seinem Blick nur die Schlussstellung fixiert hatte, verblüfft gewesen sein oder gar an eine Schwindelei geglaubt haben. Dass die Entscheidung hier nicht mehr auf dem Schachbrett fiel, sondern ein kleines, aber plötzlich ganz bedeutsames Stückchen neben der h-Reihe, weil sich das Geschehen nun außerhalb der Bedenkzeit zutrug, überraschte einige. In der Partie der 2. Bundesliga zwischen den beiden Großmeistern Tomasz Markowski und Petr Velicka war beim Passauer Gast, kurz nachdem er beim Schiedsrichter das Remis beantragt hatte, das Blättchen gefallen. Der 50-Züge-Regel kam danach nicht mal mehr eine Nachrangigkeit zu.

Im Nebenraum des Hotels Alexandra, zweieinhalb Spielklassen entfernt, ging es vor allem schnelllebig zu, und also war dort längst schon alles geschehen. Und was diese Schnelllebigkeit betrifft, da können vor allem die Gäste aus Leipzig-Gohlis auf jahrzehntelange Erfahrung verweisen, dank der vielen kleinen Existenzfallen im Braunkohlerevier des Leipziger Umlands. Bei manchem Auswärtsspiel in früherer Zeit stellte sich nämlich erst auf der Hinfahrt heraus, dass es den Spielort gar nicht mehr gab, weil er inzwischen, seiner Bestimmung entsprechend, naturgemäß auf die konsequenteste Art und Weise erst eingeebnet, dann ausgehoben und zuletzt umgegraben wurde.

Bei Christian Hörr wurde nicht all zu viel in der Landschaft gewildert. Ein paar Züge, ein schnelles Remis gegen Bernd Dietze zum Auftakt. Aber er war sehr zufrieden damit, weil sein noch junges sizilianisches Forschungsprojekt mit einem weiteren halben Punkt belohnt wurde. Ein gut gelauntes Unentschieden erreichte kurz darauf auch Mathias Paul. Offensichtlich hatte sein Gegenüber, Friedrich Beckel, gar nicht erst mit einem knappen Mannschaftsresultat spekuliert, als er trotz Mehrqualität die Punkteteilung bevorzugte. (Beim 6:2 in der vergangenen Saison kam es ja auch nicht so genau auf einen halben Punkt mehr oder weniger an.) Mit der Eröffnungswahl und einem frühen Bauernopfer überraschte Christof Beyer seinen Gegner, der in der häuslichen Vorbereitung eine ganz andere Variante erwartet hatte, also zu sehr auf die konservierten Partien in der Datenbank setzte. Dirk Seilers Qualitätsopfer in die weiße Stellung, nur ein paar Züge später, war bereits nicht mehr als eine ohnmächtige Verzweiflungstat, vom unaufhaltsamen Mattangriff auf den Not leidenden König abzulenken. Ein schöner Angriffssieg gelang auch Olaf Hilbig. Sein bis auf die sechste Reihe vorgerückter a-Bauer und der gewaltige Druck im Zentrum bescherten ihm im Endspiel eine Mehrfigur und danach den nächsten vollen Punkt für den SK König. Den dritten Weißsieg holte an diesem Tag Etienne Engelhardt, der zunächst das gegnerische Remisgebot ausschlug und danach Dr. Gerd Asperger am Königsflügel sehr kräftig überspielte. 4:1 für die Plauener Könige. Nur ein halbes Pünktchen fehlte noch zum nächsten Saisonsieg, zum bereits sechsten in Folge.

In den letzten drei noch ausstehenden Partien befand sich nur Sergej Lozovoy in ernsthaften Schwierigkeiten, denen er schließlich hoffnungslos zum Opfer fiel. Dieser Partieverlust sollte aber die einzige Ergebnisbremse bleiben. Andreas Götz hatte dagegen in seiner Partie, naturgemäß mit Schwarz, wieder die Initiative übernommen, und er sorgte auch für die kreativen Spielideen im Damenbauernspiel, immer wieder diese kleinen renitenten Nadelstiche, wie der Bauernvorstoß auf c4, der dem Weißen schrittweise den Bewegungsspielraum nahm, oder eben der finale Angriff auf die zum Gartenzaun formierten Bauern am Königsflügel. Das alles und noch viel mehr kostete Dr. Thomas Prause sehr viel Zeit, und da er selbst nicht viel auf dem Brett anstellte, glaubte er auch, dass sich Andreas Götz ebenso die ganze Partie über verhalten hätte. Als sich die Zeitnot immer tiefer in die seelenlose weiße Stellung einbrannte, entstand aus einem scheinbar ausgeglichenen Kräfteverhältnis und einer scheinbar sicheren Verteidigungsfestung eine totale Dominanz der schwarzen Figuren, die in nur wenigen Zügen den weißen König ins Mattnetz trieb. "Stell dir mal vor, was mein Gegner zu mir gesagt hat", begann Andreas Götz, aufgebracht nach seiner Partie, seinem sechsten Schwarzsieg hintereinander, zu berichten, und dann weiter, dass alles angeblich nur Schwindel gewesen sei und es nur an der Zeit gelegen habe. "Da hab' ich zu ihm gesagt: Deshalb spielen wir ja mit der Uhr, damit's net so lange dauert." Und weil die Zeit eine wichtige, aber so oft unterschätzte Rolle im Schach spielt, sollte man nicht glauben, sich in jeder Situation einer Schachpartie etwas Neues ausdenken zu müssen. Manchmal genügt es einfach, sich lediglich an Motive zu erinnern, die noch nicht so lange zurückliegen. Andreas Götz richtet in solchen Fällen den Blick gern zurück, gerade wenn es sich um besonders schöne Mattbilder handelt, denn erst beim letzten Heimspiel hatte er den gegnerischen König auf e3 ins Matt gelockt. Nachdem Dr. Bernd Weber am ersten Brett einen schweren Positionsfehler beging, im Mittelspiel ganz unverständlich seine g-Linie aufriss, bekam Lion Pfeufer sehr bequemes Spiel und die Gelegenheit, dem gegnerischen König auf den Pelz zu rücken. Der Weg bis zum möglichen Partiegewinn wäre nach der Zeitkontrolle allerdings noch sehr mühsam gewesen, und Mühsamkeit hatte tatsächlich nichts an diesem Sonntag zu suchen, so dass sich Lion Pfeufer in Anbetracht der 5:2-Führung mit einem mühelosen Unentschieden begnügte.

Schwindelgefühl und Wahrnehmungsmangel in der Brettmitte.
28. … Dg3+ 29. Kg1 - Sf4 (Mattdrohung auf g2) 30. Sh1 - Sxh3+
31. Kf1 - Dh2 32. gxh3 - Dxh1+ 33. Ke2 - Dg2+ 34. Ke3 - Txe4+!
Matt im nächsten Zug. 0-1

"Heute haben wir wieder eine dran gekriegt." Diese Einschätzung der Gohliser kurz vor dem Verlassen des Hotels Alexandra war nicht geschwindelt. Und was die Zeit betrifft: Es hatte sich alles ganz, ganz schnell abgespielt. Ein Zuschauer fragte sogar, ob die Zweite heute überhaupt gespielt habe, weil der leere Spielraum offenbar verschwieg, was sich drinnen in aller Kürze zugetragen hatte. An das brisante Turmendspiel nebenan, am Brett von Tomasz Markowski, war da jedenfalls noch lange nicht zu denken.

Die Plauener Könige führen drei Spieltage vor dem Saisonende jetzt sogar schon mit vier Mannschaftspunkten Vorsprung vor dem Verfolger - oder präziser beobachtet: vor dem Zweitplatzierten - Turm Leipzig die Tabelle an. Kein Grund, ab jetzt eine ruhige Kugel zu schieben, sondern die Zeit ist lediglich dafür reif, das nächste Mal einen ganz feinen Ball zu spielen. Einen Matchball zum Aufstieg in die Sachsenliga.

 

SK König Plauen II
SC Leipzig-Gohlis III
:
Pfeufer, Lion
2035
Dr. Weber, Bernd
2097
½
:
½
Paul, Mathias
2139
Beckel, Friedrich
2040
½
:
½
Lozovoy, Sergej
2007
Starke, Burkhard
2001
0
:
1
Beyer, Christof
2049
Seiler, Dirk
1993
1
:
0
Götz, Andreas
2066
Dr. Prause, Thomas
1893
1
:
0
Hilbig, Olaf
2013
Piekarz, Peter
1929
1
:
0
Hörr, Christian
1858
Dietze, Bernd
1847
½
:
½
Engelhardt, Etienne
1860
Dr. Asperger, Gerd
1866
1
:
0

 

Copyright © 2001- 2010 by Christian Hörr
letzte Änderung: 17.02.2009