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Auf den Spuren von Schwindel und Zeit
oder wenn Augen und Hände einschlafen
"Der Zeiger, der über das Zifferblatt
der Uhr vorrückt, rückt auch in den Seelen
vor." (Victor Hugo, "Die Elenden")
"Man muss erkennen, wann man nicht
mehr dran ist." (Bettina Emtmann)

Die letzten Züge wurden in einer
Geschwindigkeit ausgeführt, bei der einem durchaus
schwindlig werden konnte. Ein weißer und
ein schwarzer Turm fegten in kantigen Bewegungen hektisch
über das beinahe leere Brett, während das
Schrittmaß der restlichen Figuren eher knapp ausfiel.
Der einzig übrig gebliebene Bauer, ein bis auf
h3 vorgerückter Randbauer, hatte sich schon seit
einigen Zügen nicht mehr von seinem Feld bewegt,
weil ihm der eigene, zudem eingesperrte König auf
dem Umwandlungsfeld in der Brettecke den weiteren Vorwärtsdrang
verstellte, und also nicht ermöglichte. Als Schiedsrichter
Ralf Wadewitz aber gerade diesen gehemmten Freibauern
als Unterschied ausmachte, und zwar als entscheidenden,
so dass es lediglich ausreichte, diesem Randbauern die
Gabe zum Sieg zu unterstellen, ohne dass es noch
eines weiteren Nachweises bedurfte, mochte manch ein
Beobachter, der mit seinem Blick nur die Schlussstellung
fixiert hatte, verblüfft gewesen sein oder gar
an eine Schwindelei geglaubt haben. Dass die Entscheidung
hier nicht mehr auf dem Schachbrett fiel, sondern
ein kleines, aber plötzlich ganz bedeutsames Stückchen
neben der h-Reihe, weil sich das Geschehen nun
außerhalb der Bedenkzeit zutrug, überraschte
einige. In der Partie der 2. Bundesliga zwischen den
beiden Großmeistern Tomasz Markowski und Petr
Velicka war beim Passauer Gast, kurz nachdem er beim
Schiedsrichter das Remis beantragt hatte, das Blättchen
gefallen. Der 50-Züge-Regel kam danach nicht mal
mehr eine Nachrangigkeit zu.
Im Nebenraum des Hotels Alexandra, zweieinhalb
Spielklassen entfernt, ging es vor allem schnelllebig
zu, und also war dort längst schon alles geschehen.
Und was diese Schnelllebigkeit betrifft, da können
vor allem die Gäste aus Leipzig-Gohlis auf jahrzehntelange
Erfahrung verweisen, dank der vielen kleinen Existenzfallen
im Braunkohlerevier des Leipziger Umlands. Bei manchem
Auswärtsspiel in früherer Zeit stellte sich
nämlich erst auf der Hinfahrt heraus, dass es den
Spielort gar nicht mehr gab, weil er inzwischen, seiner
Bestimmung entsprechend, naturgemäß auf die
konsequenteste Art und Weise erst eingeebnet, dann ausgehoben
und zuletzt umgegraben wurde.
Bei Christian Hörr wurde nicht all
zu viel in der Landschaft gewildert. Ein paar Züge,
ein schnelles Remis gegen Bernd Dietze zum Auftakt.
Aber er war sehr zufrieden damit, weil sein noch junges
sizilianisches Forschungsprojekt mit einem weiteren
halben Punkt belohnt wurde. Ein gut gelauntes Unentschieden
erreichte kurz darauf auch Mathias Paul. Offensichtlich
hatte sein Gegenüber, Friedrich Beckel, gar nicht
erst mit einem knappen Mannschaftsresultat spekuliert,
als er trotz Mehrqualität die Punkteteilung bevorzugte.
(Beim 6:2 in der vergangenen Saison kam es ja auch nicht
so genau auf einen halben Punkt mehr oder weniger
an.) Mit der Eröffnungswahl und einem frühen
Bauernopfer überraschte Christof Beyer seinen Gegner,
der in der häuslichen Vorbereitung eine ganz andere
Variante erwartet hatte, also zu sehr auf die konservierten
Partien in der Datenbank setzte. Dirk Seilers Qualitätsopfer
in die weiße Stellung, nur ein paar Züge
später, war bereits nicht mehr als eine ohnmächtige
Verzweiflungstat, vom unaufhaltsamen Mattangriff auf
den Not leidenden König abzulenken. Ein schöner
Angriffssieg gelang auch Olaf Hilbig. Sein bis auf die
sechste Reihe vorgerückter a-Bauer und der gewaltige
Druck im Zentrum bescherten ihm im Endspiel eine Mehrfigur
und danach den nächsten vollen Punkt für den
SK König. Den dritten Weißsieg holte an diesem
Tag Etienne Engelhardt, der zunächst das gegnerische
Remisgebot ausschlug und danach Dr. Gerd Asperger am
Königsflügel sehr kräftig überspielte.
4:1 für die Plauener Könige. Nur ein halbes
Pünktchen fehlte noch zum nächsten Saisonsieg,
zum bereits sechsten in Folge.
In den letzten drei noch ausstehenden
Partien befand sich nur Sergej Lozovoy in ernsthaften
Schwierigkeiten, denen er schließlich hoffnungslos
zum Opfer fiel. Dieser Partieverlust sollte aber die
einzige Ergebnisbremse bleiben. Andreas Götz hatte
dagegen in seiner Partie, naturgemäß mit
Schwarz, wieder die Initiative übernommen, und
er sorgte auch für die kreativen Spielideen im
Damenbauernspiel, immer wieder diese kleinen renitenten
Nadelstiche, wie der Bauernvorstoß auf c4, der
dem Weißen schrittweise den Bewegungsspielraum
nahm, oder eben der finale Angriff auf die zum Gartenzaun
formierten Bauern am Königsflügel. Das alles
und noch viel mehr kostete Dr. Thomas Prause sehr viel
Zeit, und da er selbst nicht viel auf dem Brett anstellte,
glaubte er auch, dass sich Andreas Götz ebenso
die ganze Partie über verhalten hätte. Als
sich die Zeitnot immer tiefer in die seelenlose weiße
Stellung einbrannte, entstand aus einem scheinbar
ausgeglichenen Kräfteverhältnis und einer
scheinbar sicheren Verteidigungsfestung eine
totale Dominanz der schwarzen Figuren, die in nur wenigen
Zügen den weißen König ins Mattnetz
trieb. "Stell dir mal vor, was mein Gegner zu mir
gesagt hat", begann Andreas Götz, aufgebracht
nach seiner Partie, seinem sechsten Schwarzsieg hintereinander,
zu berichten, und dann weiter, dass alles angeblich
nur Schwindel gewesen sei und es nur an der Zeit gelegen
habe. "Da hab' ich zu ihm gesagt: Deshalb spielen
wir ja mit der Uhr, damit's net so lange dauert."
Und weil die Zeit eine wichtige, aber so oft
unterschätzte Rolle im Schach spielt, sollte man
nicht glauben, sich in jeder Situation einer Schachpartie
etwas Neues ausdenken zu müssen. Manchmal genügt
es einfach, sich lediglich an Motive zu erinnern, die
noch nicht so lange zurückliegen. Andreas Götz
richtet in solchen Fällen den Blick gern zurück,
gerade wenn es sich um besonders schöne Mattbilder
handelt, denn erst beim letzten Heimspiel hatte er den
gegnerischen König auf e3 ins Matt gelockt. Nachdem
Dr. Bernd Weber am ersten Brett einen schweren Positionsfehler
beging, im Mittelspiel ganz unverständlich seine
g-Linie aufriss, bekam Lion Pfeufer sehr bequemes Spiel
und die Gelegenheit, dem gegnerischen König auf
den Pelz zu rücken. Der Weg bis zum möglichen
Partiegewinn wäre nach der Zeitkontrolle allerdings
noch sehr mühsam gewesen, und Mühsamkeit hatte
tatsächlich nichts an diesem Sonntag zu suchen,
so dass sich Lion Pfeufer in Anbetracht der 5:2-Führung
mit einem mühelosen Unentschieden begnügte.

Schwindelgefühl
und Wahrnehmungsmangel in der Brettmitte.
28.
Dg3+ 29. Kg1 - Sf4 (Mattdrohung auf g2)
30. Sh1 - Sxh3+
31. Kf1 - Dh2 32. gxh3 - Dxh1+ 33. Ke2 - Dg2+ 34. Ke3
- Txe4+!
Matt im nächsten Zug. 0-1
"Heute haben wir wieder eine
dran gekriegt." Diese Einschätzung der
Gohliser kurz vor dem Verlassen des Hotels Alexandra
war nicht geschwindelt. Und was die Zeit betrifft:
Es hatte sich alles ganz, ganz schnell abgespielt. Ein
Zuschauer fragte sogar, ob die Zweite heute überhaupt
gespielt habe, weil der leere Spielraum offenbar verschwieg,
was sich drinnen in aller Kürze zugetragen
hatte. An das brisante Turmendspiel nebenan, am Brett
von Tomasz Markowski, war da jedenfalls noch lange nicht
zu denken.
Die Plauener Könige führen
drei Spieltage vor dem Saisonende jetzt sogar schon
mit vier Mannschaftspunkten Vorsprung vor dem Verfolger
- oder präziser beobachtet: vor dem Zweitplatzierten
- Turm Leipzig die Tabelle an. Kein Grund, ab jetzt
eine ruhige Kugel zu schieben, sondern die Zeit ist
lediglich dafür reif, das nächste Mal einen
ganz feinen Ball zu spielen. Einen Matchball zum Aufstieg
in die Sachsenliga.
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SK König Plauen II
|
|
SC Leipzig-Gohlis III
|
5½
|
:
|
2½
|
| Pfeufer,
Lion |
2035
|
|
Dr.
Weber, Bernd |
2097
|
½
|
:
|
½
|
| Paul,
Mathias |
2139
|
|
Beckel,
Friedrich |
2040
|
½
|
:
|
½
|
| Lozovoy,
Sergej |
2007
|
|
Starke,
Burkhard |
2001
|
0
|
:
|
1
|
| Beyer,
Christof |
2049
|
|
Seiler,
Dirk |
1993
|
1
|
:
|
0
|
| Götz,
Andreas |
2066
|
|
Dr.
Prause, Thomas |
1893
|
1
|
:
|
0
|
| Hilbig,
Olaf |
2013
|
|
Piekarz,
Peter |
1929
|
1
|
:
|
0
|
| Hörr,
Christian |
1858
|
|
Dietze,
Bernd |
1847
|
½
|
:
|
½
|
| Engelhardt,
Etienne |
1860
|
|
Dr.
Asperger, Gerd |
1866
|
1
|
:
|
0
|
|
|