RUBRIKEN
Home
Polemik/Aktuelles
Literatur
Philosophie/Psycho
Über den Autor
Summaries &
Translations
SK König Plauen
Mehr Philosophie:
seidel.jaiden.de
LITERATUR
12. Mai 2003

Schach und Bond, James Bond

 

Zwei anfängliche Einschränkungen werden notwendig sein, um Missverständnisse auszuschließen. Wenn nachfolgend die legendäre Figur des James Bond besprochen und hinsichtlich seiner Beziehungen zum Schachspiel untersucht wird, dann meint das ausschließlich den 007 Ian Flemings. Nicht in Betracht gezogen werden – allein schon aus Gründen der Originalität - die Filme, die, das soll nicht verheimlicht werden, wesentlich für den phänomenalen Erfolg der Bücher verantwortlich sind, und nicht in Betracht gezogen werden die zahlreichen James-Bond-Bücher, die nach Flemings Tod 1964 erschienen und ebenfalls bemerkenswerte Erfolge feiern konnten. Bereits ein Jahr darauf erschien Robert Markhams (Pseudonym für Sir Kingsley Amis) "Colonel Sun" und seither produzierten Autoren wie Raymond Benson, John Gardner, Christopher Wood, John Vincent bis in die heutigen Tage hinein Thriller unter dem James-Bond-Label. Einige davon dienten als Filmvorlagen oder aber sind diesen nachempfunden worden.

Der Verzicht auf die Filme mag einigen Lesern schwerer fallen, nicht zuletzt weil weit mehr Menschen (Bond) schauen als lesen, vor allem aber weil die Figur Bonds unweigerlich mit der Person Sean Connerys (oder Roger Moores und Pierce Brosnans) verbunden ist. Connerys markantes Gesicht hat das Bild des englischen Geheimagenten (wie auch das William von Baskervilles) irreparabel beeinträchtigt. Um an den wirklichen Bond heranzukommen, sollte zumindest versucht werden, diese aufoktroyierten Bilder loszuwerden. Wiewohl die Bond-Filme – wie übrigens auch "Der Name der Rose" – einen eigenen kultur- und filmhistorischen Wert besitzen, bleiben sie doch hinsichtlich der Tiefendimensionen weit hinter ihren literarischen Vorlagen zurück und sind im Falle Bonds ohnehin oftmals nur sehr vage daran angelehnt.

Eingeschlossen in die nachfolgende Argumentation wird hingegen Ian Fleming selbst, nicht nur, weil dessen biographische Erfahrung oft sehr direkt in die Handlungen einfloss. Vor allem repräsentiert er exemplarisch einen Typus des modernen Menschen und nur als solcher interessiert er hier [1]. Bei den zu besprechenden Werken handelt es sich in chronologischer Reihenfolge um die Bond-Romane:

  • Casino Royale (nachfolgend abgekürzt: CR)
  • Live and Let Die (Live)
  • Moonraker (MR)
  • Diamonds Are Forever (Diamonds)
  • From Russia, With Love (Russia)
  • Dr. No
  • Goldfinger (GF)
  • For Your Eyes Only (Eyes)
  • Thunderball (TB)
  • The Spy Who Loved Me (Spy)
  • On Her Majesty`s Secret Service (Majesty)
  • You Only Live Twice (Twice)
  • The Man With The Golden Gun (Gun)
  • Octopussy (And The Living Daylights)

Auf den ersten Blick mag ein Schachbezug im Werke Flemings konstruiert erscheinen. Wesentlich einfacher hätte man es, über Bond und das Glücksspiel zu schreiben oder über Fleming und Bridge und Golf. Tatsächlich begegnet uns in Bond ein leidenschaftlicher Spieler im weitesten Sinne; wir sehen ihn verschiedentlich im Casino, am Roulettetisch, sehen ihn beim Gambling, Pokern, Baccara und Canasta spielen oder beim Bridge, Blackjack, er wettet auf Pferde oder spielt Golf zu unsinnig hohen Einsätzen usw. Bond wird regelrecht als Spieler literarisch eingeführt; noch bevor wir alles andere von ihm erfahren, seine Spionagetätigkeit, die Lizenz zum Töten, den Umgang mit Frauen, die Vorliebe für diverse Getränke und Zigaretten und all das, wissen wir, dass er ein leidenschaftlicher und erfahrener Spieler ist. All dies packt Fleming in seine berühmten ersten Sätze:

"The scent and smoke and sweat of a casino are nauseating at three in the morning. Then the soul-erosion produced by high gambling – a compost of greed and fear and nervous tension – becomes unbearable and the senses awake and revolt from it” (CR, 7).

Mehr noch, "Casino Royal” scheint viel eher ein "Spiel-Buch” denn ein Spionagethriller zu sein. Mehr als die Hälfte des Bandes wird der legendären Baccara-Partie mit Le Chiffre gewidmet, allein 40 Seiten, ein Viertel, dem reinen Spiel, der vielleicht berühmtesten Bondszene überhaupt. Hierin liegt ohnehin Flemings schriftstellerische Stärke: in der einzigartigen Beschreibung von Spielszenen (ausführlich und berühmt sind außerdem die ebenfalls überportionierte Golfpartie mit Goldfinger und das Kartenspiel mit Largo in "Thunderball"). Wohl keinem Autor des Genres ist es gelungen, Spannung und Ernst des Spiels – meist um hohe Einsätze – derart überzeugend darzustellen. Hier und nur hier, wächst Fleming zur quasi-Proustschen Größe - auf seinem Gebiet - heran. Man hätte es schließlich auch in nur einen Satz bringen können:

"Bond has always been a gambler" (CR, 47) und:

"He’s a very serious gambler" (CR, 71).

Diese berühmte Eingangsszene beruht übrigens auf einem tatsächlichen Erlebnis Flemings, der 1941 im Dienste der Naval Intelligence Division, des britischen Marinegeheimdienstes, in Estoril/Portugal (wo 1946 Aljechin starb) weilte und im dortigen Casino auf die Idee kam, gegen drei Nazioffiziere zu spielen:

"Fleming whispered to Godfrey (seinem Vorgesetzten), ‚Just suppose these fellows were German agents – what a coup it would be if we cleaned them out entirely!’" [2].

Realität und Fiktion sind im Spiel freilich verschiedene Dinge und während Bond nach anfänglichen Niederlagen und mit rettender Finanzspritze des CIA im letzten Spiel gegen Le Chiffre alles gewinnt, spielte Fleming "ein langes und erfolgloses Spiel, solange bis er pleite war" (132) [3]. Das tat seiner Spielleidenschaft keinen Abbruch; Fleming galt ein Leben lang als leidenschaftlicher Spieler und Sportler, dem es vor allem Golf und Bridge, aber auch Backgammon, Charade, Blackjack, Roulette und andere Glücks- und Casinospiele angetan hatten. Seine Leidenschaft für Bridge war so enorm, dass einer seiner Biographen schreiben konnte: "…his social life largely centred around the game of bridge" [4] (er spielte regelmäßig z.B. mit Somerset Maugham), und die für Golf war so groß, dass er es selbst nach seinem schweren Herzinfarkt und gegen den Rat der Ärzte nicht aufgab:

"At golf and at cards Fleming liked to concentrate on the game and was impatient with anyone who talked about trivialities not concerned with the game they were playing. This abruptness sometimes showed itself to a stranger, who didn't take the round or the hand so seriously, and the old label of unsociability was hung on Fleming again” [5].

Dabei, so wird berichtet, war sein Spiel keineswegs hervorragend; trotzdem er jede Menge Zeit in Bridge und Golf investierte, brachte er es nie zur Meisterschaft. Worin also liegen Motiv und Grund für Flemings Spielwut und gleichzeitig Mediokrität? Im Ziel des Spielens, im "excitement". Fleming spielte für den "Kick", er liebte Gefahr, die zugleich keine zu große sein durfte, er liebte das Risiko vor gesichertem Hintergrund und diese einzigartige Kombination bietet nur eines: das Spiel!

"His bridge", sagte einer seiner langjährigen Spielpartner, "was erratic and unconventional. He played well but he would always take too many risks to be a really reliable partner. He was not a sophisticated player of either game”.

Sein Biograph schließt daraus:

"What he wanted was simple schoolboy excitement” [6].

Lycett schloss sich dem Urteil an:

"Ian was not a natural gambler – most stories tell of him playing for lowish stakes – but he liked the excitement of the green baize gaming room and he was fascinated by the precision and cool intelligence…” [7]

Aber er liebte auch die archaische Auseinandersetzung "Mann gegen Mann" –

"Team games held little fascination for Ian" [8]

oder die oft schmerzhafte Selbstüberwindung (berühmt-berüchtigt sind die ausgiebigen Folterszenen in vielen Titeln). Man kann schon an diesem frühem Punkt konstatieren: Was Bond liebt, wurde zuvor von Fleming geliebt.

Schach allerdings spielte auf dieser primären Ebene im Leben Flemings offensichtlich überhaupt keine Rolle!

Und ähnlich verhält es sich mit Flemings literarischer Kreation: Bond ist, wie wir bereits sahen, ein Spieler durch und durch und es gibt kein einziges Buch, in dem keine Spielszene enthalten wäre. Gelegentlich bekennt sich Bond selbst zu seiner Schwäche:

"…he was always interested in anything to do with cards"(GF, 20).

Allerdings kennt auch diese Liebe eine Grenze, die des Alltags, der auf Bond immer abschreckend und lähmend wirkt. Als ihm die schöne Miss Goodnight verführerisch das paradiesische Leben [9] an ihrer Seite verspricht –

"And James, it’s not far from the Liguanea Club and you can go there and play bridge, and golf when you get better. There’ll be plenty of people for you to talk to. And then of course I can cook and sew buttons on for you and so on.” (190)

- da lehnt er ab, denn mehr als jedes Spiel braucht der Typus Bond die Abwechslung des Spiels. Das gerade macht ihn zum modernen Menschen.

Bond ist übrigens nicht immer der tadellose Spieler, der er auf den ersten Blick zu sein scheint. Er ist durchaus bereit zu betrügen, wenn er selbst betrogen wird. Goldfinger wird gleich zweimal sein Opfer, sowohl beim Canasta mit Du Pont als auch bei der legendären Golfpartie:

"If it needed one cheat by Bond to rectify the score-sheet that was only poetic justice. And besides, there was more to this than a game of golf" (90).

Auch weiß Bond sehr wohl psychologische Tricks zu nutzen; sein Spielverhalten ist meist auf den Gegner orientiert, diesen zu entnerven. Ein ganz wesentlicher physischer Vorteil ist ihm dabei behilflich, und natürlich auch im Ernstfall:

"But in Bond’s case, Goldfinger could not have known that high tension was Bond’s natural way of life and that pressure and danger relaxed him" (94) [10].

Mit einer einzigen Ausnahme wird man das Schachspiel als Spiel vergebens suchen, zumindest auf der ersten Handlungsebene und man kann James Bond nirgendwo Schach spielen sehen. Es bedarf eines tieferen Zugangs um die Bedeutung des Schachspiels ausfindig zu machen. Dann wird man es auf mindestens drei Ebenen wahrnehmen, mit jeweils unterschiedlicher Signifikanz:

  1. Verwendung des Schachvokabulars oder der Schachgeschichte
  2. Verwendung der Schachmetaphorik; Schach als Charakteristikum
  3. "die als Partie verstandene Handlung" [11]

Dies alles läuft auf einer vierten, einer Metaebene zusammen.

 

1. Verwendung des Schachvokabulars oder der Schachgeschichte

Das wohl am häufigsten verwendete Wort aus dem Spielvokabular ist "gamble" und erst mit gewissem Abstand folgt "gambit". Ein Gambit im Schachkontext ist gekennzeichnet durch einen Zug (meist in der Eröffnung), der ein (zwischenzeitlich) materielles Opfer zugunsten anderer Vorteile (Zeit, Angriff, Position, Öffnung des Spiels etc.) anbietet und in der Regel zu verschärftem Spiel mit erhöhtem Risiko führt. Die englische Sprache nutzt den Begriff in weiterem Sinne auch als einen anfänglichen Zug in anderen Situationen, insbesondere dann, wenn er ein Element der Trickserei enthält.

In "For Your Eyes Only" spricht Fleming von einem Gambit, als die letzte Partei eines konspirativen Treffens von Gangstern erscheint: "…and the gambit was complete" (117). Gambit umschreibt hier die Ausgangssituation allgemein. Der indirekte Schachbezug wird trotzdem aus den vorherigen Zeilen deutlich:

"Phase by phase, in a series of minute moves, an exercise that had long been perfected was then smoothly put into effect. The man near the caisse munched his spaghetti and critically observed each step in the operation as if it had been a fast game of chess".

In "From Russia, With Love” analysiert Bond, der soeben in Istanbul ankam und in einem Hotel ein Zimmer mietete, welches vom Personal unter scheinheiligen Gründen gewechselt wurde, ob dies ein Eröffnungszug der Gegenseite sein könnte:

"The game, whatever it was, had to be played out. If the change of rooms had been the opening gambit, so much the better. The game had to begin somewhere” (109).

Der Gambitbegriff wird hier durchaus im strengen Schachsinne verwandt, denn die Gegnerseite opfert durch den (Um)Zug ihre Tarnung, um einen anderen Vorteil zu erringen, in diesem Falle die Beobachtbarkeit des englischen Superspions, da es sich bei dem großen Spiegel in der neuen Suite um einen Einwegspiegel handelt.

"On Her Majesty`s Secret Service" kennt sogar als Überschrift das "Gambit of shame", in dem Bond nach clever gespielter Gewinnserie im Casino der geheimnisvollen und offensichtlich verzweifelten Frau aus der Patsche hilft, die mehr setzte als sie besaß, verliert und nicht bezahlen kann. Es ist dieselbe Frau, welche Bond anfänglich mit dem Wagen überholte und die der Held später heiraten wird: "The gambit – der Eröffnungszug der Bekanntschaft – succeded" (34). Von Beginn an war klar, dass die beiden Protagonisten zueinander finden mussten; Gambit heißt hier also auch: Schicksal!

Vivien Michel, die Ich-Erzählerin in der vollkommen untypischen Story "The Spy Who Loved Me" – offensichtlich Flemings vergeblicher Versuch aus den Zwängen Bonds zu entkommen – beschreibt das Arrangement ihrer Abtreibung als Gambit und meint damit die geheime und rechtswidrige Aktion und deren Planung: "…the gambit had been thought out beforehand" (65). Man kann den Begriff hier auch mit "Plot" übersetzen.

Schließlich, damit soll die Reihe der Beispiele beendet werden, wird in "The Man With The Golden Gun" ein erweiterter Gambitbegriff eingeführt, der bereits auf die zweite Ebene verweist. Scaramanga und andere Bösewichter diskutieren im Beisein Bonds den teuflischen Plan, die jamaikanische Zuckerernte zu vernichten, um von interessierter Seite bezahlt zu werden: "For my money, the most interested party for such a gambit would be Soviet Russia" (104).

Ähnlich ambivalent werden andere Schachbegriffe genutzt, wie "Stalemate" (Eyes,81: Bond gibt während einer Schießerei seine geschützte Stellung auf, um die professionellen Killer endlich zur Strecke zu bringen), "counter move" (Spy, 90: Vivien denkt darüber nach, wie sie ihren beiden Peinigern entkommen könnte) oder "move" (116), end game ("Now there was unfinished business. The cards had only been reshuffled. The end game had still to be played”, Gun 156) und "drawn game" (Twice, 117: Bond berichtet, wie er zum ersten mal Blofeld begegnet und ihm wird instinktiv und antizipierend klar: "When I saw this man’s face, it was as if someone had walked over my grave… It will not be a drawn game").

 

Dies alles sind nur Indizien, da diese Begriffe sehr wohl losgelöst vom eigentlichen Schachspiel oder Spiel generell verwendbar sind. Deutlicher liegt der Fall in Bonds einziger Referenz auf die Schachgeschichte! In "Moonraker" sieht man Bond erneut beim Kartenspiel mit seinem späteren megalomanischen Widersacher, mit Drax. Während der Vorbereitung auf das prestigeträchtige Duell werden Bond einige Mitspieler vorgestellt, unter ihnen Duff Sutherland als ein "absolute Killer… Nice chap. Wonderful card manners. Used to play chess for England" (42). Es kommt zum bekannten Showdown, hohe Einsätze, alles hängt davon ab, welche Karte Bond nun legen wird und vor allem, wie!:

"Morphy, the great chess player, had a terrible habit. He would never raise his eyes from the game until he knew his opponent could not escape defeat. Then he would slowly lift his great head and gaze curiously at the man across the board. His opponent would feel the gaze and would slowly, humbly raise his eyes to meet Morphy’s. At the moment he would know that it was no good continuing the game. The eyes of Morphy said so. There was nothing left but surrender.

Now, like Morphy, Bond lifted his head and looked straight into Drax’s eyes. Then he slowly drew out the queen of diamonds and placed it on the table. … Then he spoke. ‘That’s all, Drax,’ he said quietly, and sat slowly back in his chair” (56).

Dies ist, was die Person Bonds betrifft, der einzige und direkte Bezug zum Schach! Man wird ihn nie spielen sehen. Weshalb das so ist und sein muss, wird zu zeigen sein. Eines zumindest scheint die Szene zu belegen: sowohl Fleming als auch Bond war das Schach und Teile seiner Geschichte bekannt.

 

2. Verwendung der Schachmetaphorik; Schach als Charakteristikum

Die Verwendung des Spielvokabulars im allgemeinen und des Schachvokabulars im besonderen ist nun nicht auf eine sprachliche Armut Flemings zurückzuführen, auch wenn man seine Bücher aus bestimmten literaturästhetischem- und wissenschaftlichem Winkel als ärmlich bezeichnen kann, als "funktional wie ein billiges Serienmöbel", als Prosa, die über "das Niveau von Werbeanzeigen" [12] nicht hinauskommt, sondern hat Methode, ganz gleich, ob dies nun bewusst oder unbewusst eingesetzt wurde. Der formalen Sprache des Spielers entspricht nämlich das Denken des Spielers Bond-Fleming (Fleming als Autor) und sprengt damit den Rahmen der Liebe zum Spiel. Dieses Denken strebt an, komplexe Situationen in Spielstrukturen aufzulösen, natürlich mit dem Ziel, besagte Situation spielend und spielerisch zu bewältigen. Die Bond-Stories bieten nun zahlreiche Beispiele dieses Denkens von denen hier lediglich einige schachmetaphorische angeführt werden sollen. Der mögliche Ausgangsgedanke ist dabei die Unterstellung, dass Verhalten im Spiel, im Schach, charakterisiert, eine fixe Idee übrigens, die in der Schachwelt fest verankert ist, ohne je bewiesen worden zu sein. Zeige mir, wie du spielst und ich sage dir, wer du bist. Im Falle Bonds auch: Zeige mir, was du spielst…Bereits am Beispiel Duff Sutherlands hatten wir die charakterisierende Kraft des Schachs gesehen, wobei es sich um einen seltenen Fall der positiven Charakterisierung handelt. Mit welch einfachen Schlussfolgerungen Bond spielt, zeigt seine Einschätzung Goldfingers, den er soeben beim Betrug während des Canastaspiels ertappte:

"If Goldfinger cheated at cards, although he didn’t need the money, it was certain that he had also made himself rich by cheating or sharp practice on a much bigger scale" (24).

Und natürlich findet Bond diese scharfsinnige Konklusion später bestätigt.

Gewöhnlich dient das Schachspiel zur Kennzeichnung einer andern "Spezies", derjenigen, die zu Bonds Glanzzeiten das Schach weltweit beherrschte: "die Russen". Es gehört zum reichen Repertoire von Klischees, die Fleming oft den Vorwurf des "Rassismus" und der "Diskriminierung von Minderheiten" einbrachten. Opfer dieser inhärenten Minderwertigkeitstheorie sind u.a. die Bulgaren und andere Balkanvölker, die Koreaner, die "Neger", die Slawen, die Deutschen, die Italiener, die Juden, die Türken, die Homosexuellen, die Frauen usw. Flemings Bösewichter sind meist Mischlinge, in irgendeiner Form behindert, kleinwüchsig oder mit physischen Abnormalitäten (ohne Ohrläppchen, mit dritter Brustwarze, Prothesen u.ä.), sie haben einen feuchten Händedruck, könnten eine Dusche vertragen etc. oder aber – spielen Schach! Dieses freilich bleibt ausschließlich den eiskalten Russen vorbehalten, als ein nationaler Stereotyp. Man könnte darin auch eine distanzierte Form von Anerkennung sehen, eine Form der Ernstnahme des Gegners, der zwar die hohe Schule des Spiels, des Spiels mit der Freiheit und dem Glück nicht beherrscht, aber doch immerhin zum engeren Kreis zählt. In "Diamonds Are Forever" beobachtet Bond zwei ihm fremde Männer mit dem Fernglas, die er nun zu kategorisieren und abzuschätzen versucht:

"What did these people amount to? Bond remembered cold, dedicated, chess-playing Russians; brilliant, neurotic Germans; silent, deadly, anonymous men from Central Europe…" (82).

Die alten PAN-Klassiker machten Bond berühmt

Ähnlich glaubt Kerim in ("From Russia, With Love”), der türkische hünenhafte Freund aus Istanbul während seiner letzten Reise im "Orient Express" und im Gespräch mit Bond, der trügerischen Ruhe nicht trauen zu können und begründet dies:

"These Russians are great chess players. When they wish to execute a plot, they execute it brilliantly. The game is planned minutely, the gambits of the enemy are provided for. They are foreseen and countered” (168).

Der eigentliche Angriff steht also noch bevor und Kassandra Kerim wird das erste Opfer sein. Tatsächlich ist der "mastermind" des teuflischen Plans, in dem Bond spektakulär und zugleich ehrabschneidend und propagandawirksam exekutiert werden soll, ein russischer Schachgroßmeister. Die Idee dieses Bezugs Schach-Kaltblütigkeit-Berechnend-Russe schien Fleming äußerst attraktiv und einleuchtend zu sein. Noch im Nachlass fand man den Beginn einer Kurzgeschichte, in der Bonds Gesprächspartner noch einmal dieselben Töne anschlägt:

"The Russians are chess players. They are mathematicians. Cold machines. But they are also mad. The mad ones forsake the chess and the mathematicians and become gamblers" [13].

Hier verrät sich ein weiterer und offensichtlicher Bezug: Schachspieler/Russen sind nicht nur kalt, gefühllos, berechnend, sondern gambler (Typus Bond) sind nichts anderes als verrückte Schachspieler. Wie oft verweist Fleming auf die kalten Augen Bonds? Aber nirgendwo sonst macht er diesen feinen Unterschied deutlicher. Tatsächlich, so scheint er sagen zu wollen, ist Bond keinen Deut besser als die Russen, er steht lediglich auf der richtigen Seite und hat die Freiheit zur Verrücktheit; doch ist diese nicht selbstverdient. In denjenigen Momenten, in denen sich Bond dieser Freiheit bewusst wird, begreift er auch die Verrücktheit und damit die Zufälligkeit seiner Position. In diesen Momenten zweifelt er aufrichtig an seiner Mission, ja er ist sogar bereit unter umgekehrtem Vorzeichen – freilich nach einer Gehirnwäsche durch die Russen -, M, die Vaterfigur zu töten (Gun). Unter "normalen Umständen" jedoch gerät er in eine Identifikationskrise, die gewöhnlich dann eintritt, wenn er nichts zu tun hat, in spielfreien Zeiten also, oder aber anonyme und geschichtslose Killeraufträge ausführen muss, die ihm den Kontakt zum Opfer verwehren (Überhaupt muss Bond seine Gegner persönlich kennen und hassen gelernt haben, bevor er sie ruhigen Gewissens auslöschen kann, und auch dieses Zögern begreift er als Bestandteil des Spiels: statt Scaramanga auftragsgemäß und unspektakulär zu töten und die gute Gelegenheit zu nutzen, tritt er in dessen Dienste ein und verursacht damit den Tod mehrer Menschen sowie die eigenen Qualen:

"Well, clearly, he must make the gamble. In so many respects it was a chance in a million" (Gun 76);

so etwa nach der Erschießung eines ihm unbekannten Mexikaners (GF 7f.) und während der Exekution eines russischen Scharfschützen (Octopussy 93) oder nachdem der große und würdige Gegner ausgeschaltet wurde; das berühmte "Loch" nach getaner Arbeit. Diese Krisen sind wesentlicher Bestandteil der Bondschen Persönlichkeit. Sie begegnen uns schon in "Casino Royal", wo er für einen kurzen Moment sich tatsächlich verrückt glaubt: "I’ve been thinking about these things and I’m wondering whose side I ought to be on" (144). Die Unsicherheiten lassen sich am besten aus der Spielauffassung erklären, denn dort, wo Identitäten spielerisch, wie Weiß und Schwarz, gewechselt werden können, fällt es schwer, im anderen nur den Feind zu sehen, der an sich böse sei. Man kann den anderen nicht dafür verdammen, dass das Schicksal ihm die schwarzen Steine in die Hand gab. Um so mehr, wenn man weiß, dass auch die Gegenseite alles nur als Spiel begreift, wie es exemplarisch der russische General G. ausdrückt:

"The Intelligence services would also have to pull their weight in this great game that was being played on their behalf" (Russia 32).

Bond steht dem nicht nach. Für ihn und die seinen stellt sich das politische Geschäft als Spiel, oft als Schachspiel dar, indem er lediglich die Rolle eines Bauern gibt. So begegnen dem Leser immer wieder Schach- und Spielmetaphoriken, wenn es um große oder kleine Politik geht. Miss Goodnight etwa erklärt dem soeben in Jamaika eingetroffenen Helden in "The Man With The Golden Gun" in groben Zügen die Lage im internationalen Zuckergeschäft:

"Apparently there’s a tremendous chess game going on all over the world in sugar…" (55).

In "For Your Eyes Only" wird Bond nachdenklich darüber, wie wenig er doch von den großen politischen Zusammenhängen weiß, in die er nachhaltig eingreift:

"And yet, Bond had reflected that evening, how many small dramas such as the affair of the Castro rebels must the Governor have witnessed or even privy to! How much he would know about the chequerboard of the small-power politics…” (87).

Und wenn es nicht Schach ist, unter dessen Regeln sich die Komplexität subsumieren lässt, dann eben ein anderes Spiel: "…America, Russia and China. That was the big poker game and no other country had either the chips or the cards to come into it" (Eyes 179). Ähnlich in "Dr. No”, als dieser Bond mitteilt:

"Perhaps Communist China will pay more. Who knows? I already have my feelers out.",

und Bond sich folgende Gedanken macht:

"Bond lifted his eyes. He looked thoughtfully at Doctor No. So he had been right. There had been more, much more, in all this than met the eye. This was a big game, a game that explained everything, a game that was certainly, in the international espionage market, well worth the candle. Well, well! Now the pieces in the puzzle fell firmly into place” (144).

Deutlich jedenfalls wird, dass das, was Bond nicht versteht und verstehen kann, vereinfachend in Spielsituationen und schachbrettartige Muster übersetzt wird.

Aber die Spiel- und Schachmetaphorik muss größere Ausdehnungen ertragen. Sie umfasst die Geheimdienstarbeit selbst. Bond persönlich bringt alles auf einen Nenner, wenn er Vivien in "The Spy Who Loved Me" im Oberlehrerton die Erklärung gibt:

"Do you understand? It’s nothing but a complicated game, really. But then so’s international politics, diplomacy – all the trappings of nationalism and the power complex that goes on between countries. Nobody will stop playing the game. It’s like the hunting instinct” (118).

Es ist wert darauf hinzuweisen, dass Bond an dieser Stelle versucht, den schicksalhaften Charakter des Spiels zu unterstreichen. Als 007 in ruhiger Mission auf einer Auktion nur durch genaue Beobachtung den russischen Doppelagenten aufspürt, kann der Erzähler das Resultat genüsslich in folgendem Bilde resümieren:

"In the grim chess game that is secret service work, the Russians would have lost a queen. It would have been a very satisfactory visit to the auction rooms" (Octopussy 88).

Teilbereiche der eigenen Arbeit, und mögen sie noch so unangenehm sein, werden ebenfalls in den metaphorischen Rahmen gepresst. Sogar als sein Kollege und Freund Campbell grausam gefoltert wird und Bond jeden Moment damit rechnen muss, von Blofeld enttarnt zu werden, kalkuliert der nervenstarke Spieler: "…if he is a tough man spiritually, can keep the ‚game’ alive for hours by minor admissions…” (Majesty 145). Sollte sich in den überraschenden Anführungsstrichen die Sorge um die Unangebrachtheit des Terminus auf die Situation aussprechen?

Nach all dem kann es schließlich nicht wundern, wenn andere in Bond den Typus des Schachspielers konfiguriert sehen, eine Wahrnehmung, die er schwerlich als Kompliment verstehen kann. Daher kann der Lapsus auch nur Michel Vivien passieren, für die Bond eine plötzliche und rettende Erscheinung ist, die so schnell verschwindet, wie sie überraschend auftauchte, und die nichts Wirkliches von ihm weiß:

"But this James Bond didn’t seem worried. He just seemed to be weighing them up, like a chess player. There was a certitude of power, of superiority, in his eyes that worried me” (Spy 117).

Alle andern, wie etwas Felix Leiter, der Freund vom CIA, wissen derartige "Komplimente” in den richtigen Kontext zu rücken: Sein "You certainly think things out” (CR 52) ist ausschließlich aufs Spiel gemünzt, in der Tat der einzige Lebensbereich Bonds, in dem man das mit Fug und Recht sagen kann. In fast allen anderen Lagen ist er viel mehr – nach einer treffenden Bemerkung Fausto Antoninis [14] – ein behavioristischer (funktioniert nach dem Reiz-Reaktions-Schema) und kybernetischer Held. Alles, so könnte man zusammenfassend sagen, verkommt – aufgrund der Eindimensionalität kann man einen optimistischeren Begriff kaum verwenden –, alles verkommt in Bonds Augen zum – Spiel.

 

3. Die als Partie verstandene Handlung

Bis hierher sind wir lediglich an jenem inhaltlichen Punkt angelangt, von dem Umberto Eco aus in seinem kurzen, aber prägnanten Artikel "Die erzählerischen Strukturen im Werk Ian Flemings" seine Argumentation beginnt. Aufgrund seiner strukturorientierten Herangehensweise konnte er auf diesen Teil verzichten, während uns dies vom kasuistischen Interesse her nicht gestattet war. Für uns liest sich das als Zusammenfassung: "Es ist überflüssig´, an den Vorgang zu erinnern, den die Spielsituationen im wahren Wortsinn, die konventionellen Glücksspiele, in jedem Buch von Fleming haben. Bond spielt immer, siegreich, mit dem Bösewicht oder einer seiner Mittlerfiguren" (287f.). Eco macht in seiner Analyse einen nur leicht variierten Festbestand von "Charakter- und Wertgegensätzen aus, die sich, in einer "ars combinatoria mit ziemlich elementaren Spielregeln", immer in diversen, doch strukturell monotonen Spielsituationen verwirklichen und dazu führen, die Wesensbestandteile der Handlung als Partie zu verstehen. "Diese Darstellung der Handlung in einer Terminologie des Spiels beruht nicht auf Zufall. Flemings Bücher sind von einigen Schlüsselsituationen bestimmt, die wir ’Spielsituationen’ nennen werden" (288). Eco konstatiert hier, mit anderen Worten, eine relative und strukturelle Handlungsarmut und kommt zu dem scheinbar paradoxen Schluss, dass dieser Mangel an Reichtum Grund für den Erfolg der Bücher sei. Der Leser erfährt nichts Neues, sondern, einmal mit dem Aufbau vertraut, wiederholt nur immer wieder dieselben Züge und kann sich daher an den Nebenzügen, den Varianten erfreuen. Der Vergleich mit einem Fußballspiel oder mit einer Basketballpartie (vgl. 295) liegt auf der Hand, aber er hätte noch treffender sein können – um im Bilde zu bleiben -, wenn Eco eine Schachpartie herangezogen hätte, oder besser noch, die Eröffnungsvorbereitung, in der der Spieler stets die gleichen Züge wiederholt, um sich an den Abweichungen und Nebenvarianten zu erhitzen.

Genüsslich lesen "Bondianer" immer wieder aufs Neue, welche Menüs sich Bond zusammenstellt, welche Getränke er wählt, welche Kosmetika, Zigaretten usw., Dinge, die innerhalb eines Romans eigentlich Langeweile erzeugen müssten (sofern sie nicht kunstvoll dargestellt werden, was hier nicht der Fall ist), aber als farbige Ingredienzien in einer eher monotonen Erzählreihe plötzlich Eigenbedeutung erlangen und bald zum Kult wurden (insbesondere nach den Filmen haben bestimmte Marken tatsächlich signifikante Umsatzsteigerungen erfahren [15]). Dabei wird ein guter Geschmack vorgegaukelt, den Bond in Wirklichkeit gar nicht besitzt, der sich in der Wahl der Speisen und Getränke oft vergreift: "ihm fehlt die Kennerschaft und die wahre Liebe" [16]. Spannung entsteht ja nicht aus der Frage, ob Bond siegen und überleben wird, sondern lediglich wie. Welche Frauen wird er haben, welchen Luxus, aber auch, welche Qualen? Dies sind die Dinge, die Fleming gekonnt auszumalen weiß und die, so Eco, modernen massenmedialen Mechanismen entsprechen. Bond ist ein Vorreiter der Serie und ein Werbevertreter. "In den Romanen Flemings wird also auf exemplarische Weise jenes Element des absehbaren Spiels und des absoluten Überflusses gefeiert, das typisch ist für die Evasionsmechanismen, die im Rahmen der Massenkommunikation funktionieren" (Eco 295).

Wir sprechen also nicht von Literatur im strengen Sinne, daran ändert auch die 2002 erfolgte Aufnahme der Titel in die legendären "Penguin Classics", wo sie nun neben Fitzgerald und Flaubert stehen.

Die neuen Penguin Classics (amerikanische Ausgabe)

Klassisch sind die Bond Romane lediglich als Erfolg, aber nicht als Kunst. Fleming ist kein Künstler. Es ehrt ihn, dass er sich dessen, selbst in Zeiten des Welterfolgs, bewusst war:

"If one has a grain of intelligence it is difficult to go on being serious about a character like James Bond. …my books are straight pillow fantasies of the bang-bang, kiss-kiss variety" [17].

Alle diese "Nebensächlichkeiten sind nur Teil der "Partie”. Eco führt dies am Beispiel der Bewegungsmittel (vor allem des Kultgegenstandes "Auto") und der Mahlzeiten vor: "Genauso sind Zug und Auto Elemente eines mit dem Gegner eingegangenen Wettspiels – bevor die Reise beendet ist, hat einer der beiden seine Trümpfe ausgespielt und Schach matt geboten. …; hier sei hervorgehoben, dass, wenn diese Partien einen so breiten Raum beanspruchen, der Grund der ist, dass sie als reduzierte und formalisierte Modelle jener allgemeineren Spielsituation figurieren, die der ganze Roman ist. Nachdem einmal die Kombinationsregeln der Gegensatzpaare gegeben sind, stellt sich der Roman als eine Folge von – dem Kode gehorchenden – ‚Zügen’ dar, und er setzt sich nach einem perfekt gefeilten Schema zusammen.

  1. M erteilt Bond Auftrag
  2. Bösewicht erscheint vor Bond (eventuell vertreten durch eine Mittlerfigur)
  3. Bond erteilt Bösewicht erste Lektion
  4. Frau präsentiert sich Bond
  5. Bond besitzt Frau oder beginnt sie zu verführen
  6. Bösewicht nimmt Bond gefangen (mit oder ohne Frau, und in verschiedenen Augenblicken)
  7. Bösewicht foltert Bond (mit oder ohne Frau)
  8. Bond schlägt Bösewicht (tötet ihn oder seinen Mittler oder ist Zeuge seines Todes)
  9. Bond erholt sich und spricht mit der Frau, die er dann verliert

Das Schema ist insofern gleichbleibend, als alle seine Elemente in jedem Roman auftauchen (so dass man behaupten könnte, die fundamentale Spielregel lautet so: ‚Bond zieht aus und schlägt in acht Zügen’…" (288f).

Eine Struktur, die man vom englischen Klassiker "Through the Looking-Glass and what Alice found there" her kennt, wo die kleine Alice als Bauer das Schachbrett der traumhaften Ereignisse betritt, zur Königin wird und in 11 Zügen gewinnt. Wir wissen, dass Bond die Geschichten von Lewis Carroll kennt (Diamonds 165).

Fleming macht nichts anderes, als um ein mehr oder weniger festes Gerüst immer wieder neue Personen, Bilder und Geschichten zu weben, er besitzt ein gewisses Repertoire an Konstanten, die durch nebensächliche Variablen nur äußerlich und scheinbar veränderlich erscheinen, nicht anders, als der serielle Kitschroman, der in großem Stile regelrecht produziert. Beispiele solcher Konstanten sind: Frau, Schmerz, Essen, Trinken, Sauberkeit, Bewegung, Auto, England, "Rassismus", nationale Klischees… und das Spiel!

From Russia, With Love

Bevor wir zur vierten und abschließenden Ebene gelangen, sollen anhand des Schachtitels unter den Bond-Romanen, anhand von "From Russia, With Love", einige Zwischenergebnisse verifiziert werden. Fleming betrachtete sein fünftes Buch als sein bestes [18]:

"Personally I think From Russia, With Love was, in many respects, my best book, but the great thing is that each one of the books seems to have been a favourite with one or another section of the public and none has yet been completely damned" [19].

Und der Erfolg scheint ihm Recht zu geben, denn es ist bis heute auch das erfolgreichste [20]. Gern wird wiederholt, dass J. F. Kennedy es in die persönliche Hitliste seiner zehn Lieblingsbücher aufnahm, die er im Falle einer Atomkatastrophe gerettet haben würde [21]. Es mag die ungewöhnlich vielfältig gezeichnete attraktive Gestalt der Tatiana sein, die Fleming einer tatsächlichen Bekanntschaft während der journalistischen Teilnahme an einem Moskauer Schauprozess 1938 nachempfand [22] und die Bonds übliche Klischeefrauen durch Natürlichkeit aussticht; es mag der langsame, aber wirkungsvoll gesteigerte Aufbau des Romans sein, in dem Bond erst spät in Erscheinung tritt; es mag die Buntheit und Abwechslung der Bilder sein (Moskau, Istanbul, Katakomben, Zigeunerwelt, Orient Express usw.), aber ich glaube, dass es auch das leitmotivische Unikat des Schachs ist, welches ausgerechnet diesem Buch so viel Erfolg bescherte.

Um die Schachszene im 7. Kapitel einzuführen, findet Fleming sogar ein überaus gelungenes Bild in literarisch ansprechendem Ton:

"The two faces of the double clock in the shiny, domed case looked out across the chessboard like the eyes of some huge sea monster that had peered over the edge of the table to watch the game" (48).

Es sitzen sich, so erfährt man nachfolgend, Kronsteen und Makharov gegenüber, im letzten Spiel der Moskauer Meisterschaft, dessen Ausgang über die Teilnahme an der nationalen Meisterschaft entscheidet. Wir befinden uns in der Zeitnotphase: den zwanzig Minuten auf Kronsteens Uhr stehen nur noch fünf auf der seines Opponenten gegenüber. Wenn ersterer jetzt in besserer Stellung einen wirklich starken Zug findet, dann muss die Partie entschieden sein. Er spielt: Te8!: "That must be the kill". Kronsteen wird zum dritten Mal in Folge Moskauer Meister werden, wenn auch nach enormen Anstrengungen:

"He had sweated away a pound of weight in the last two hours and ten minutes, and the spectre of a false move still had one hand at his throat" (48).

Fleming offenbart mit dieser Insideraussage gewisse Kenntnisse über das Schach, auch wenn er von der "Meran Variation of the Queen’s Gambit Declined" [23] schreibt. Man kann davon ausgehen, dass er sich – wie bei so vielen Spezialthemen in anderen Büchern: Waffen, Karate, Giftpflanzen, Fort Knox, Haikus, Gold, Diamanten etc. – fachlich kundig machte. [35] Es ist interessant zu sehen, wie Fleming die Schachsituation nutzt um die handelnden Personen und den politischen Hintergrund zu charakterisieren. Kronsteen wird uns als "The Wizard of Ice" beschrieben, der "motionless and erect, as malevolently inscrutable as a parrot" sitzt, keine Miene verzieht, keine Emotionen zeigt, als ein Spieler, "whose game had been compared to a man eating fish. First he stripped of the skin, then he picked out the bones, then he ate the fish”, ein Mann, der in Stille genießt, den Gegner sich peinvoll winden zu sehen, "in agony like an eel pierced with a spear". Fleming achtete peinlich auf die Konsistenz der Analogien; drei Mal bringt er Fische und Unterseewelt als Vergleich, was sich leicht aus seiner Liebe zum Tauchen biographisch erklären ließe.

"Makharov, Champion of Georgia. Well tomorrow Comrade Makharov could go back to Georgia and stay there. At any rate this year he would not be moving with his family up to Moscow” (49).

Damit wird nicht nur der sadistische Charakter Kronsteens gekennzeichnet, sondern auch dessen linientreue Russophilie und das sowjetische System als Ganzes, in dem eine Vielzahl von Völkern (hier Georgier) unterdrückt werden und auch Schachmeister bei ungenügenden sportlichen Leistungen mit Strafen rechnen müssen (Fleming ist hier seiner Zeit voraus: die Fälle Taimanow, Spassky, Kortschnoi sollten das in Zukunft bestätigen). Mit wenigen Bildern und Sätzen gelingt es dem Autor über das Schach die politische Grundsituation und die Charaktereigenschaften eines Protagonisten aufzuzeigen und den Leser gegen die Person Kronsteens und das hinter ihm stehende System zu stimmen. Schach ist der ideale Gegenstand, exakt diese Kälte und Berechnung zu symbolisieren.

Doch dann geschieht etwas Unvorhergesehenes. Während Makharov wie ein in die Enge getriebenes Tier fieberhaft nach einem Ausweg grübelt – es bleiben ihm noch ganze drei Minuten – wird Kronsteen eine Nachricht zugesteckt. Der Schiedsrichter unterbricht die Partie für drei Minuten (wertvolle Minuten für Makharov) und jedem im Saal wird klar, dass diese Botschaft nur von "ganz oben" kommen kann. Sie lautet:

"YOU ARE REQUIRED THIS INSTANT: No signature and no address".

Was für ein tyrannisches Regime muss das sein, wenn es eine solche Partie, vor Hunderten von Zuschauern einfach abbrechen kann um einen Spieler abzurufen. Kronsteen, mit gewonnener Stellung und vom Siege ganze drei Minuten entfernt, weigert sich den Befehl auszuführen – die zweite Ungeheuerlichkeit. Er riskiert viel, aber er kalkuliert richtig.

"After all, he was Head of the Planning Departement of SMERSH, with the honorary rank of a full Colonel. And his brain was worth diamonds to the organization” (51).

Und überhaupt zeigt es uns die Stupidität der Betonköpfe. Wir lernen ihn also als durchaus selbständigen Kopf kennen. Er wird es sein, der die Exekution Bonds logistisch plant und schon viele andere zuvor erfolgreich durchführte:

"He knew all these cases. He had handled the planning of most of them and they were filed away in his memory like so many chess gambits. …. To him all people were chess pieces. He was only interested in their reactions to the movements of other pieces" (53).

Auf der rezeptiven Seite wird dies von empfindsamen Seelen ebenso wahrgenommen. Kerim bemüht das gleiche Bild, als er die vertrackte Situation im Orient Express überdenkt. Beide wissen, dass was am Laufen ist, aber weder die beteiligten Personen noch die Ziele der Russen sind bekannt, weder können sie sich in den Denkprozess versetzen noch die nächsten Züge vorausahnen:

"These Russians are great chess players. When they wish to execute a plot, they execute it brilliantly. The game is planned minutely, the gambits of the enemy are provided for. They are foreseen and countered. … I have a feeling that you and I and this girl are pawns on a very big board – that we are being allowed our moves because they do not interfere with the Russian game" (168f.).

Kronsteen im Film "From Russia, With Love”, wo die Partie Spassky - Bronstein (Leningrad 1960) [24] als Vorlage diente. Hier sieht man Kronsteen beim 22. Zug: Sxe5 mit Abzugsschach

Im beiderseitigen Einverständnis spinnt sich die Metapher fort, denn "Metaphern dirigieren, führen und verführen" [25], und Bond greift sie schließlich wieder auf, um letztlich den fundamentalen Unterschied zwischen ihm und den Fachkollegen deutlich zu machen:

"’On your chess analogy, that is possible. But you still get back to the question of what it’s all in aid of.’ Bond’s voice hardened. ‘And, if you want to know, all I ask is to go on with the game until we find out’”,

worauf Kerim in ironischem Ton antwortet – die Antwort ist wesentlich! –:

"This is not a game to me. It is business. For you it is different. You are a gambler" (169).

Das Gespräch wird nun anhand der Billardmetapher fortgesetzt, aber die wesentliche Aussage ist gefallen, Kerims Analyse ist vollkommen korrekt und er wird wenig später deren Wahrheit als seinen eigenen Tod bestätigt finden. Der Spieler, nur der Spieler kann auf lange Sicht das Spiel überleben, dem Businessmann hingegen fehlt die Leichtigkeit, Flexibilität und die Fähigkeit, auch mit dem eigenen Leben – "dicing with death" [26] – zu spielen. Selbst als Bauer auf einem großen Schachbrett, dessen Rand er nicht überblicken kann, retten Bond die Würfel, die seine Züge, vor allem die unorthodoxen, unberechenbar machen. Deswegen fällt er immer wieder durchs Netz selbst der perfektesten Planung, des genialsten Geistes.

Kronsteen der Großmeister ist zugleich der Großdenker. Bond wird diese wichtige Information von jenem Manne erhalten, der ihn töten soll, einem blöden und blutrünstigen Instrument des russischen Apparates:

"You see, old man, we’ve got quite a planner in SMERSH. Man called Kronsteen. Great chess player" (191).

Wiederholt werden Schach und Planungsfähigkeiten und Skrupellosigkeit gekoppelt. Und wie wir bereits sahen, fungiert die Spielmetapher als leitfadenähnliches Gerüst an das immer wieder direkt erinnert wird (38, 89, 103, 109, 110, 161, 168). Interessant ist die Austauschbarkeit: Beide Seiten begreifen sich als im Spiel begriffen; Kronsteen plant den Coup wie die Eröffnungsvorbereitung vor einem wichtigen Spiel (76) und M/Bond/Kerim sinnen nach Gegenzügen, als hätte man sich tatsächlich zu einer Partie verabredet.

 

4. Metaebene

Im letzten Anlauf wollen wir nun die zusammengetragenen Beispiele und Ideen zu abstrakteren Schlussfolgerungen führen.

Trotzdem ein vielfältiges Interesse Flemings bezüglich des Schachs konstatiert und dessen Verwendung auf mehreren Ebenen nachgewiesen wurde – als Vokabular, Metapher, Charakterisierung und Handlungsstruktur – darf nicht der Eindruck entstehen, Fleming/Bond hätte ein tatsächlich substantielles Interesse am Königlichen Spiel. Vielmehr darf man von einem Missbrauch des Spiels sprechen, insofern es, von einer einzigen Szene abgesehen, lediglich in seinen destruktiven Komponenten Anwendung findet. Die eigentliche Frage ist also nicht, was das Interesse erklärt, sondern im Gegenteil: Wie ist das Desinteresse zu begreifen? Warum ist das Schach als Spiel wesentlich abwesend in einer Romanreihe, die sich wie eine Enzyklopädie von Spielsituationen liest, in der das Spiel an sich eine fundamentale Rolle spielt? Und wenn man genauer hinschaut, dann kann man das Abstraktionsniveau der Frage erhöhen: Bonds Spiele – die, denen er vor allem frönt – sind ausschließlich Glücks- oder Geschicklichkeitsspiele. Was also ist der Reiz des Glücksspiels und was schreckt Bond/Fleming vor Spielen, die den Zufallsfaktor eliminieren, zurück, lässt sie stattdessen im negativen Licht erscheinen? Es ist die Liebe zum Zufall, die Liebe zum Schicksal, der amor fati! Deswegen ist Bond ein Gambler, am Spieltisch ebenso wie als Lebensmaxime und deswegen ist er als Typus von allgemeinerem Interesse, denn diese Liebe zum Schicksal ist nun keine, die aus einer Gelassenheit heraus sich gründet, sondern aus Fatalismus. Jener wiederum lässt sich aus der existentiellen Langeweile erklären, die Bond flieht, aus einer inneren Leere, die seinem Leben keinen intrinsischen Sinn mehr geben kann. Das Unvorhergesehene, das Plötzliche, der Zufall muss dann zum Lebenselixier werden und denkerische Durchdringung wird durch motorische Fähigkeiten ersetzt. Bond verhält sich tatsächlich wie ein konditioniertes Tier, ein Zirkuspferd, dem es freilich nicht genügt allabendlich seine Runden zu drehen – das wäre wieder Langeweile -, für den, gleich dem modernen Touristen, vielmehr gilt: The world is not enough. Bond ist 007, er trägt diese Nummer nicht nur. Daher Bonds depressive Phasen und daher auch der Lokomotionsdrang und damit verbunden die Liebe zu Verkehrsmitteln. Tritt während eines Auftrages, einer Aktion, ein Moment der Ruhe ein – "peace was killing him" (Russia 78) -, dann muss das Spiel kompensatorisch eingreifen: im Casino oder mit der Frau. Die Frau selbst fungiert sowohl als Spieleinsatz [27] als auch als Spielzeug:

"And as for playing, as you call it, I’d rather play with you than anyone in the world" (Dr. No 119),

spricht Bond in eindeutiger Absicht zu Honey.

Und Solitaire, bevor sie sich ihm hingibt, sieht dies ähnlich:

"It is fun for me to be able to tease such a strong silent man. You burn with such an an-gry flame. It is the only game I have to play with you and I shan’t be able to play it for long” (Live 114).

Accessoires wie Kleidung, Mahlzeiten, Getränke, Luxusartikel, Kosmetika, auch Waffen etc. werden als Spielvorbereitung verstanden, um in allen Eventualitäten den perfekten Spieler abzugeben. Ihre Rechtfertigung ergibt sich aus der zu erwartenden Spannung. Dass Bond stets bestrebt ist, alle Lebenssituationen in Spielsituationen zu übersetzen, haben wir bereits gesehen. Es ist Fleming damit gelungen, einen Menschentypus zu skizzieren, mehr noch, zu antizipieren, dessen millionenfache Klonung erst in unseren Tagen ihren Höhepunkt erreicht und der weiteren Höhepunkten entgegenstrebt. Das Leben wird, deutet man die Zeichen richtig, in immer stärkerem Maße als Spiel entworfen werden. Hier können wir den Grund für Bonds Dauererfolg sehen, der andere Helden des Genres, die ihm oberflächlich betrachtet gleichen mögen (z.B. Mike Hammer), längst in den Bereich der Gattungsgeschichte verweist, während er noch immer virulenter Teil der Entwicklung ist. Es ist daher auch falsch, in ihm einen triebhaften Sadisten sehen zu wollen, dem der Akt des Tötens Befriedigung bereiten würde. Der Reiz, die Doppelnummer tragen zu dürfen, die "Lizenz zum Töten", liegt für ihn nicht im Töten selbst, aber in der Möglichkeit, dass Zufall oder Notwendigkeit dies verlangen könnten. Bond wurde diesbezüglich oft missverstanden, obwohl Fleming ein ganzes Arsenal von Belegen dafür bereitstellt, dass nicht das Töten den Genuss bereitet, sondern die Lizenz diesen garantiert bzw. bis an die letzten Grenzen steigert, weil das Spiel mit dem allerhöchsten Einsatz – das Spiel mit dem Leben, auch dem eigenen – den höchsten Genuss verspricht. Dabei muss die Mischung stimmen, um Bond zufrieden zu stellen:

"He admitted to himself that this adventure excited him. It had the right ingredients – physical exertion, mystery, and a ruthless enemy. He had a good companion. His cause was just” (Dr. No 62).

Bond tötet nach Pflicht, es ist nicht Sinn seines Tuns:

"It was part of his profession to kill people. He had never liked doing it and when he had to kill he did it as well as he knew how and forgot about it. As a secret agent who held the rare double-O prefix – the licence to kill in the secret Service – it was his duty to be as cool about death as a surgeon. If it happened, it happened. Regret was unprofessional – worse, it was death-watch beetle in the soul” (GF 7).

Fleming und Bond werden nicht müde zu wiederholen, dass Bond keine Freude aus dem Töten zieht, was ihn mitunter sogar in gefährliche Situationen bringt:

"’Why didn’t you just shoot them down?’ … He said curtly, ‚Never been able to in cold blood. But at least I ought to have been able to blast that man’s foot off. Must have just nicked it, and now he’s still in the game’” (Spy 144).

Töten kann im Sinne des Allgemeinwohls mitunter Pflicht werden:

"Bond did not like what he was going to do, and all the way from England he had to keep on reminding himself what sort of men these were. …. But for Bond it was differ-ent. He had no personal motives against them. This was merely his job – as it was the job of a pest control officer to kill rats. He was the public executioner appointed by M to represent the community” (Eyes 76).

Ja, Bond kann sogar Gewissensbisse haben, einen Fisch – solange er nicht gefährlich ist – zu töten, er glaubt, dessen Schmerzensschreie hören zu können:

"I’ve heard them scream when they’re hurt … Fidele Barbey had spent his life killing animals and fish. While he, Bond, had sometimes not hesitated to kill men. What was he fussing about? He hadn’t minded killing the sting-ray. Yes, but that was an enemy fish. These down here were friendly people. People? The pathetic fallacy!” (Eyes 175).

Auch M wird uns als dem Schicksal ergeben vorgestellt; Bond erscheint hier sogar von seiner altruistischen Seite, wenn er den blutigen Auftrag annimmt, um andere davor zu bewahren:

"He didn’t like the job, but on a whole he’d rather have it himself than have the respon-sibility of ordering someone else to go and do it" (Octopussy 101).

Noch einmal: nicht das Töten garantiert die Erregung, sondern lediglich dessen Möglichkeit. Und diese Möglichkeit wird von der Notwendigkeit diktiert. Bond interpretiert Notwendigkeit aber als Schicksal oder Zufall. Als natürlicher Gambler zwingt er den Zufall nie zur Notwendigkeit, sondern lässt sich von ihm zur Notwendigkeit führen. Was ihn auszeichnet ist die Geduld auf das Fatum zu warten. Daher sieht man ihn oft in Entscheidungssituationen "würfeln", in das Schicksal ausweichen. Er wählt die Passivität um im allerletzten Moment, den er für den besten und einzigen hält, aktiv zu werden, dann nämlich, wenn mit Notwendigkeit alle Möglichkeiten ausgespielt wurden:

"I’d better play it the way the cards fall" (GF 60).

"Well, he would just have to see which way the card fell" (Gun 51).

"You take a wrong step, play the wrong card in Fate’s name, and you are in it and lost" (Spy 96).

Ist der Gegner gleichwertig, so teilt er diese Sicht, wie im Falle Goldfingers:

"Well, Mr Bond. So fate wished us to play the game out" (212).

Der Faktor der Geduld ist dabei der allerentscheidendste, nicht nur, um die Lesespannung auf den Höhepunkt zu treiben. Bond ist nämlich ganz und gar nicht der Superman, den "ideologische" Gegner und Film aus ihm machen [28], er ist vielmehr ein Verlierertyp, ein Loser, mit der Gabe, Niederlagen so lange stoisch einzustecken, bis die letzte Gelegenheit herankommt, die er dann unweigerlich nutzt. Bis dahin häuft sich Niederlage auf Niederlage, die schließlich, in einer Art Negation der Negation, zum Gewinn führt: durch Irrtum zum Ziel. Man kann diese Form der Geduld in vielen Fällen auch als pragmatische Dummheit beschreiben. Bond jedenfalls ist nicht unbesiegbar, "seine Siege sind die eines Unbesiegten, nicht Unbesiegbaren" [29]. Aber es hätte auch anders kommen können, wie der sterbende Scaramanga glaubt:

"It’s the luck of the game. If my bullet had been an inch, mebbe two inches, to the right, it’d be you that’s dead in place of me. Right?” (Gun 169f.).

Hätte es? Oder ist dieses Glück im Spiel selber notwendig? Fleming hat die programmatischen Gedanken bereits in "Casino Royal" festgehalten:

"Above all, he liked it that everything was one’s own fault. There was only oneself to praise or blame. Luck was a servant and not a master. Luck had to be accepted with a shrug or taken advantage of up the hilt. But it had to be understood and recognized for what it was and not confused with a faulty appreciation of the odds, for, at gambling, the deadly sin is to mistake bad play for bad luck. And luck in all its moods had to be loved and not feared. Bond saw luck as a woman, to be softly wooed or brutally rav-aged, never pandered to or pursued" (48).

Luck was a servant, not a master, und: Luck had to be loved and not feared. Es ist diese quasi-Nietzscheanische Grundidee, die Bond allen anderen überlegen macht. Er ist, wenn man so will und wenn die Blasphemie gestattet sei, der säkularisierte Nietzschesche Übermensch, der von den Inhalten und Verantwortungen befreite Übermensch.

"Whenever he had a job of work to do he would take infinite pain beforehand and leave as little as possible to chance. Then if something went wrong it was the unforeseeable. For that he accepted no responsibility” (Moonraker 41).

Sein intellektueller Nachteil ist sein größter Vorteil. Er weiß nichts von seiner nachmetaphysischen Mission, ebenso wenig wie seine Gegenspieler, Verbündeten (und vermutlich auch sein Schöpfer). Was er tut, interpretiert er in seinem kindlichen Verstand als

"playing Red Indians" (Majesty 226), oder: " Before Le Chiffre began, he used a phrase which stuck in my mind…’playing Red Indians’. He said that’s what I had been doing. Well, I suddenly thought he might be right"(CR 141).

Wenn das Spiel stets zukunftsoffen ist, wenn es also immer wieder verloren werden kann und in der Tat zigfach von Bond verloren wird, wenn Glück der Diener, nicht der Meister ist, dann erhält das Spiel einen vom zufälligen Ausgang relativ unabhängigen Charakter. Nicht dieser entscheidet über das Schicksal Bonds – wäre es so, er wäre und hätte jedes Mal unwiderruflich verloren -, sondern die Bereitschaft, den Zufall, das Schicksal immer wieder von neuem herauszufordern, das Spiel immer wieder von neuem zu spielen; entscheidend für Bond ist das Wagnis zum Unbekannten. Im einführenden Kapitel von "You Only Live Twice" entwickelt Fleming diesen Gedanken parabelhaft. Bond wetteifert mit Tiger Tanaka beim Fingerspiel "Scissors cut paper"; beim Gleichstand steht er nun vor dem Dilemma, das letzte und entscheidende Spiel absichtsvoll zu verlieren, um die japanische Gastfreundschaft und den sozialen Unterschied zu achten und evtl. das große dahinter sich verbergende Spiel zu gewinnen (denn für Tanaka ist dies offensichtlich ein Test Bonds) oder aber konsequent auf Sieg zu spielen und damit die gesamte Mission zu gefährden. Kurz: diese Runde entscheidet über Bonds Schicksal und sein Gefühl rät ihm zur Niederlage.

"It was just as difficult to lose on purpose as to win. And anyway did it really matter? Unfortunately, on the curious assignment in which James Bond was involved, he had that nasty feeling that even this idiotic little gambit had significance towards success or failure. … My dear Tiger, there is no point in playing a game unless you try to win” (14f. ).

Bond entscheidet sich für das Spiel und gewinnt.

"Last game! The two contestants looked at each other. Bond’s smile was bland, rather mocking. A glint of red shone in the depths of Tiger’s eyes. Bond saw it and said to himself, ‘I would be wise to lose. Or would I?’ He won the game in two straight goes…” (17).

Er zeigt damit, dass er in jeder Situation zu gewinnen gewillt ist, unerachtet der Hindernisse und bekommt deswegen erst den Auftrag Tigers, Blofeld zu eliminieren. Die Liebe zum Zufall, der Wille zum Spiel mit dem Glück führt Bond zum Sieg. Ein determiniertes und intellektuelles Spiel wie das Schach muss wie das Gegenteil dieser Idee erscheinen und wird von Bond/Fleming gemieden. Schachspieler mögen die anderen sein, es ist sogar Teil der Alienierung, aber auch sie werden dem Schicksal nicht entgehen! Allerdings sind sie ihm weniger gewachsen, denn das Leben ist zu reich, als dass es kalkulierbar wäre.

Gerade in England musste eine solche Herangehensweise früher oder später Aufsehen erregen, war der klassische englische Kriminalroman doch durch die "Schachbrettsituation" gekennzeichnet. Von Wilkie Collins über Conan Doyle bis hin zu Agatha Christie waren die Detektive Denk- und Kombinationsgenies, die einen Kriminalfall im Stile einer Schachaufgabe lösten; rein intellektuell mit so wenig wie möglich physischem Aufwand. Fleming konnte an dieser Form des Genres nichts Reizhaftes finden:

"he had no patience with the conventional English detective story, with everything worked out on a chess board, no fighting, only the nicest of mating and all the charac-ters conveniently assembled fort he inevitable denouement. …If he had to pick a detec-tive writer of the chess game school it would have been Dorothy L. Sayers, because he admired her writing quite outside the context of the crime solving” [30].

Selbst auf stilistischer Ebene versuchte sich Fleming vom Schachimage des Krimis und Thrillers zu befreien. Trotzdem entkommt er ihm nicht vollkommen.

Zumindest in einer weiteren Hinsicht ist Bond dem Schach strukturell verhaftet, auch diese hängt von seinem Spielerstatus ab. Es ist seine Geschichtslosigkeit. Auch wenn sich alle Ereignisse in Bonds Leben und Wirken historisch zurückverfolgen lassen, so ist er doch, wie ein aufmerksamer Kritiker bemerkte, ein geschichtsloses Wesen, jemand für den das Vergangene keine Rolle spielt, der immer den Augenblick lebt und auf die Zukunft orientiert ist.

"Die Vergangenheit hat keine Gewalt über ihn. … Die Vergangenheit bindet ihn nicht. Er ist der Mann ohne Vergangenheit, der Mann, der dazu bestimmt ist, in einer Gegenwart zu leben, die nur die Zukunft als bestehende und richtungsweisende Realität kennt…" [31].

Diese fast unmenschliche Fähigkeit, das Geschehene permanent abzuschütteln, erlangt Bond als Spieler und bringt ihn in strukturelle Nähe ausgerechnet zum Schachspiel, dessen Wesensmerkmal es ist, vollkommen unhistorisch zu sein. Das heißt, dass eine jede Partie von jedem beliebigen Punkt an weitergespielt werden kann, ganz unabhängig davon, was bis hierher geschah, im Gegenteil zum Kartenspiel etwa, wo die Erinnerung wesentlicher Faktor ist. Der Schachspieler spielt immer die jeweilige Stellung, die Position oder, lebensnaher, die Situation. Was zuvor geschah, muss er vergessen, gelingt ihm dies nicht, so leidet er mitunter gar unter seinem Gedächtnis, das ihm Bilder vorgaukelt, die der derzeitigen Situation nicht mehr entsprechen [32]. Geschichte ist für den Schachspieler und für Bond nur aus psychologischer Sicht von sekundärem Interesse, insofern er glaubt, den Charakter oder Stil oder die Fähigkeiten seinen Gegners aus den vorherigen Zügen erschließen zu können. Sofern jedoch nur der nächste Zug zählt, von dem immer alles Kommende abhängt, ist Schach ein geschichtsloses Spiel, das sich nur nach vorne öffnet. So auch Bond, für den nur Bedeutung hat, was noch kommen wird.

Natürlich verbirgt sich dahinter eine bedenkliche Komplexitätsreduktion und was des Schachspielers Lust ist, kann außer im Spiel nur in der Fiktion funktionieren. Eine der inhärenten Verlockungen des Schachs und aller ähnlichen Spiele ist das Vermögen für einen bestimmten Zeitabschnitt die Komplexität der umgebenden Welt vergessen zu machen, um sich in eine einfache, aber in sich hochkomplexe künstliche Situation zu vertiefen. Nur solange es als Nebensächlichkeit gesehen werden kann, darf man überhaupt von Spielen sprechen. Für Bond wird diese Komplexitätsreduktion nun essentiell und wäre er nicht fiktiv, man dürfte ihn nicht wirklich zu den Spielern, sondern zu den Profis zählen. Bond ist der Mann, der die Komplexität der Umwelt vollkommen ausblenden kann oder derartige Gedanken anderen überlässt (M). Für ihn gibt es nur Grundentscheidungen zwischen Gut und Böse, zwischen Schwarz und Weiß, nur so gelingt es ihm den "jungle of the world" (Spy 98) zu vermeiden und sich auf seine Aufgaben zu konzentrieren. Eco beschreibt diese reflektive Armut treffend als Manichäerideologie und findet in ihr einen wesentlichen Grund für die Erfolgsgeschichte der an sich zweitklassigen Bücher: "Fleming sucht elementare Gegensätze. Um den primären und allgemeinen Mächten ein Gesicht zu geben, greift er zu Klischees. Um die Klischees zu treffen, bequemt er sich der allgemeinen Meinung an" [33], oder der allgemeinen Wünsche. Vielleicht ist es kein Zufall – aber es ist bedenklich -, wenn die Bond-Romane schon auf einen früheren amerikanischen Präsidenten starken Eindruck machten, sie könnten heutzutage die Bettlektüre von anderen sein, die an eine "axis of evil" glauben und als "Vertreter des Guten und der Freiheit", in quasigöttlicher Mission, in fremden Ländern Kriege führen.

Dass Erfolg durch Affront erlangt wird, lässt sich besonders beeindruckend anhand des Frauenbildes nachweisen. Eigentlich böten Flemings Simplifizierungen, vor allem aber seine rassistischen und diskriminierenden Äußerungen genug Ursache, die Bücher in Bausch und Bogen zu verdammen, da dies jedoch nicht geschieht, müssen andere, kompensierende Mechanismen funktionieren. Was ebenso gut Grund für einen Misserfolg hätte werden können, die Stereotypisierung der Bond-Romane – wurde in Wirklichkeit ein Erfolgsgrund; die Leser warteten auf derartige Wiederholungen. Es ist zum einen die "alltägliche Diskriminierung", der "normale Rassismus", die Diffamierung der Strasse, auf die sich Fleming beruft, zum andern liegt gerade in der literarischen Präsentation der moralisch verbotenen Dinge ein Reiz für den Leser, insbesondere dann, wenn, wie im Falle des Frauenbildes, archetypische männliche Phantasien, verstärkt durch eine bedrohlich erscheinende Feminisierung der Gesellschaft, bedient werden. Für machohafte Beobachtungen wie diese, seien wir ehrlich, liest und liebt man Bond:

"A girl, sunbathing naked on the roof of a smart cabin cruiser, hastily snatched a towel. ‘Authentic blonde!’ commented Leiter” (TB 172).

Jeder Mann (in Flemings Verständnis) träumt davon, von einer fremden Schönen aufgefordert zu werden:

"Make love to me. You are handsome and strong. I want to remember what it can be like and what you would like from me. Be rough with me. Treat me like the lowest whore in creation. Forget everything else. No question. Take me” (Majesty 36),

oder von einer Ehefrau,

"always smiling and wanting to please” (Eyes 87).

"All women love semi-rape. They love to be taken” –

ist das nicht der heimliche Gedanke des inneren Mannes? Und wünscht er sich nicht, dass sie hinterher denkt:

"And I would remember him for ever as my image of a man" (Spy 154).

Bonds Heldinnen sind oft in der Jugend vergewaltigte Frauen, nun frigide und scheu und werden von ihm auch sexuell befreit. Kein Wunder wenn sie ihm und der dürstenden Leserphantasie entgegenhauchen:

"I want it all James. Everything you’ve ever done to a girl. Now. Quickly"(Diamonds 173).

Viel wurde darüber gerätselt, was das Erfolgsgeheimnis der Bücher sein könne und komplizierte Theorien wurden dafür bemüht. Ist es der vulgäre Geschmack der Masse? Sind es Archetypen, die vom "kollektiven Unbewussten unserer Zeit imaginiert" werden? Ist es die Identifikation oder der Prozess der Bewusstseinsbildung? [34] Mag dies alles eine wichtige Rolle spielen, hier jedenfalls wurde versucht darzulegen, dass die Attraktion Bonds die Attraktion des Spiels im allgemeinen und auch der des Schachs im besondern ist. Man kann Bonds Erfolg nur verstehen, wenn man den anthropologischen Erfolg des Spielens versteht. Die Spannung und die Befriedigung, die der Leser aus der Lektüre zieht ist der des Spielers sehr wohl vergleichbar. Lesen selbst wird hier Spiel und ist Teil der Spielsituation. Das setzt Identifikation mit dem Helden selbstredend voraus, erklärt jedoch nicht die Faszination zur Genüge.

 

Literaturnachweis:

Ian Fleming:
Casino Royale. (1953) London Pan Books 196312
Live and Let Die (1954) London Pan Books 196310
Moonraker (1955) London Pan Books 196417
Diamonds Are Forever (1956) London Pan Books 196311
From Russia, With Love (1957) London Pan Books 196310
Dr. No (1958) London Pan Books 19639
Goldfinger (1959) London Pan Books 196310
For Your Eyes Only (From a View to a Kill, For Your Eyes Only, Quantum of Solace, Risico, The Hildebrand Rarity) (1960) London Pan Books 19635
Thunderball (1961) London Pan Books 1963
The Spy Who Loved Me (1962) London Pan Books 1967
On Her Majesty`s Secret Service (1963) St. Albans Panther Books 19792
You Only Live Twice (1964) London Pan Books 19662
The Man With The Golden Gun (1965) London Pan Books 197413
Octopussy (Octopusssy, The Property of a Lady, The Living Daylights) (1966) London Pan Books 19683
Chitty Chitty Bang Bang. The Adventures of the Magical Car. (1964) London Jonathan Cape. First Omnibus Edition. 1971

Eco, Umberto/del Buono, Oreste (Hrsg.): Der Fall James Bond. 007 – ein Phänomen unserer Zeit. München 1966
Eco, Umberto: Die erzählerischen Strukturen im Werk Ian Flemings. In: Apokalyptiker und Integrierte. Zur kritischen Kritik der Massenkultur. Frankfurt 1992
Gant, Richard: Ian Fleming. The Fantastic 007 Man. New York 1966
Lycett, Andrew: Ian Fleming (1995). London 20023
Pearson, John: The Life of Ian Fleming. London 1967
Snelling, O.F.: James Bond. A Report. London 1964

 

 

--- Jörg Seidel, 12.05.2003 ---


[1] Weiterführende biographische Lektüren sind: Gant, Pearson und Lycett.
[2] Pearson 131, vgl. auch Fleming: How to write a thriller
[3] Vgl. Gant 40ff.
[4] Lycett 105
[5] Gant 138
[6] Pearson 165
[7] Lycett 67
[8] Lycett 14
[9] in "Octopussy” wird genau dieses Leben als paradiesisch bezeichnet: "…after which their life was one endless round of parties, with tennis for Mary and golf for Major Smythe. In the evening there was bridge for her and the high poker game for him. Yes, it was paradise all right…” (37)
[10] vgl. auch "Dr. No": It brought Bond the only assignement he enjoyed, the dangerous one" (18).
[11] Umberto Eco: Die erzählerischen Strukturen im Werk Ian Flemings. In: Apokalyptiker und Integrierte. Zur Kritik der Massenkultur. Frankfurt 1984, S. 288
[12] vgl. Laura Killi: James Bond und die Kritik. In: Der Fall James Bond. S. 215
[13] zit. in: Pearson 229
[14] Fausto Antonini: Psychoanalyse von 007. In: Der Fall James Bond.
[15] vgl. James Bond - Eine Modeerscheinung. In: Der Fall James Bond. S. 15ff.
[16] ebd. S. 32
[17] zit. In: Lycett 290. vgl. auch: "My wife hates the whole James Bond business. I think she rather wishes I were a Cyril Connelly or something respectable like that. She would like me to write on a much higher level. But I have told her that I am not capable of writing on a higher level. I’ve got nothing to say at that level anyway. I am not ambitious. " (zit. In: Gant 77, vgl. 105)
[18] z.B. O.F. Snelling: James Bond. A Report. London 1964. S. 76ff.
[19] zit. in: Lycett 315f.
[20] vgl. Lycett 281
[21] vgl. Pearson 388 und Fall Bond 13
[22] vgl. Gant 30f.
[23] 1. d4 d5 2. c4 c6 3. Sf3 Sf6 4. Sc3 e6 5. e3 Sbd7 6. Ld3 dxc3 7. Lxc3 b5!; Schwarz versucht den Problemläufer auf c8 mit Tempo nach b7 zu entwickeln.
[24] 1. e4 e5 2. f4 exf4 3. Nf3 d5 4. exd5 Bd6 5. Nc3 Ne7 6. d4 O-O 7. Bd3 Nd7 8. O-O h6 9. Ne4 Nxd5 10. c4 Ne3 11. Bxe3 fxe3 12. c5 Be7 13. Bc2 Re8 14. Qd3 e2 15. Nd6 Nf8 16. Nxf7 exf1=Q+ 17. Rxf1 Bf5 18. Qxf5 Qd7 19. Qf4 Bf6 20. N3e5 Qe7 21. Bb3 Bxe5 22. Nxe5+ Kh7 23. Qe4+ 1-0
[25] Hans Blumenberg: Schiffbruch mit Zuschauer. Paradigma einer Daseinsmetapher. Frankfurt 1979 S. 13
[26] O.F. Snelling: James Bond. S. 20
[27] vgl. Furio Colombo: Bonds Frauen. In. Der Fall James Bond. S. 121f. "…die Frau ist integrierender Bestandteil der Partie, nicht bloßes Ornament. Das heißt, sie kann nur feindlich oder auf unserer Seite sein. Auf unserer Seite heißt: in unserem Bett".
[28] "in diesen z.T. antikommunistischen Machwerken, die von brutalen Verbrechen, abenteuerlichen Gewalttätigkeiten und zügellosem Sex leben, wird ein Menschenbild entworfen, das antihumanistisch ist und einem kapitalistischen Übermenschen huldigt" (Lexikon fremdsprachiger Schriftsteller. Bd. 1. Leipzig 1981. S. 528)
[29] Fausto Antonini: Psychoanalyse von 007. in: Der Fall James Bond. S. 148
[30] Gant 98f.
[31] Fausto Antonini: Psychoanalyse von 007. in: Der Fall James Bond. S. 148
[32] vgl. Nikolai Krogius: Psychologie im Schach. Frankfurt/Berlin 1991. insbesondere Kapitel über das schachliche Abbild, S. 61ff.
[33] Umberto Eco: Die erzählerischen Strukturen im Werk Ian Flemings. S. 296
[34] vgl. Antonini: Psychoanalyse von 007. in: Der Fall James Bond. S. 152f und 162f.
[35] Aber wie so oft, könnte ihm auch hier ein kleiner Fehler unterlaufen sein: Te8 war nämlich der 41. Zug und demzufolge der erste Zug nach der ersten Zeitkontrolle, weshalb die beschriebene Zeitnot technisch gar nicht bestanden haben muss, sofern die üblichen Bedenkzeitregelungen des Weltschachbundes zum Maßstab genommen werden. Herr Dipl.-Math. Alfred Pfeiffer, Chemnitz, wies darauf hin, dass es zu unterschiedlichen Zeiten und Orten verschiedene Bedenkzeitregelungen gab, die nicht mit den FIDE-Regularien identisch waren, z.B. 2,5 Stunden für 45 Züge; sollten die Moskauer Stadtmeisterschaften Ende der 50er Jahre nach diesem Zeitmodus organisiert gewesen sein, so entfiele selbstverständlich die Fehlervermutung. Die Aussage "He had sweated away a pound of weight in the last two hours and ten minutes" spricht tatsächlich für eine Bedenkzeit von 2 Stunden und 30 Minuten. Allerdings, so weist Herr Pfeiffer dankenswerter- und scharfsinnigerweise hin, "wäre es (He had sweated away a pound of weight in the last two hours and ten minutes) zugleich auch sachlich falsch, weil es die vom Gegner verbrauchte Bedenkzeit unberücksichtigt lässt. Diese wäre zur Partiedauer unbedingt hinzu zu zählen", so dass Kronsteen bereits über 4 Stunden, wenn nicht gar 4 Stunden und 40 Minuten, geschwitzt haben muss.


Dieser Text ist geistiges Eigentum von Jörg Seidel und darf ohne seine schriftliche Zustimmung in keiner Form vervielfältigt oder weiter verwendet werden. Der Autor behält sich alle Rechte vor. Bitte beachten Sie dazu auch unseren Haftungsausschluss.

 

Impressum
Copyright © 2002 by Christian Hörr
www.koenig-plauen.de