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LITERATUR
20. Februar 2008

This Crazy World of Chess – Maybe!

This reminds me of an old joke about the difference between a diplomat and a lady: If a diplomat says "yes”, it means maybe. If a diplomat says "maybe”, it means no. If a diplomat says "no”, he’s no diplomat. If a lady says "no”, it means maybe. If a lady says "maybe”, it means yes. If a lady says "yes”, she’s no lady.

Larry Evans

 

Wahrer Glaube braucht den Zweifel, nur im ultraskeptischen Bedenken [1] kann sich religiöse Hingabe bewähren – alles andere ist Alter-Oma-Glaube oder Gebrauchs- und Fertigreligion. Jedes ernst zu nehmende Glaubenssystem kennt mindestens ein Werk, das seine Existenz durch den absoluten Widerspruch legitimieren kann. Larry Evans will dieser Antichrist sein, sein neuestes Buch verspricht mit messianischer Geste vollmundig dieses für die Schachwelt noch fehlende Schlüsselwerk darzustellen, es preist sich selbst als "the most controversial book on chess ever written" an und verspricht dem Leser das ultimative Blasphemieerlebnis: "After reading this book, you’ll never look at chess the same way again!"

In 101 Artikeln will er die Welt des Schachs bloßlegen, aber schon Nummer 1, ein bislang unveröffentlichter Brief Fischers, der schon wegen seiner gestelzten Sprache wenig authentisch wirkt, sollte eine Bombe vorstellen und zündet nicht. Es folgen in schnellem Fluss verschiedene Fischer-Memorabilia sowie Kasparow-Devotionalien und daraufhin mündet es im Mittelteil in ein Happy-FIDE-slapping (zum Drogenthema und über strukturelle Inkompetenz), das zweifelsohne straffrei ausgehen sollte, verrinnt danach in diverse Interviews und mindere Artikel über verschiedene Betrugsphänomene im Turnierschach, und mäandert zu guter Letzt in viele kleine unschuldige Geschichtchen und Anekdötchen aus, die vom marktschreierisch verkündeten Anspruch so weit entfernt sind wie der Big Bang von der Milchstraße. Es geht eigentlich nur um Skandale und Skandälchen, Intrigen und Kabale auf dem kleinen Schachplanet, der in weiten elliptischen Bahnen den Stern Wirklichkeit umkreist. Das meiste davon ist noch nicht mal Anti-, sondern Pro-Chess, vor allem, wenn es um den pädagogischen Wert des Schachspiels geht. (Hier hakt auch die Politik ein und wenn wir Evans glauben können, so dürfte sich der mutmaßlich nächste Präsident der USA – Barack Obama – in die Reihe der Schachliebhaber einreihen; das ist nach dem jetzigen doch auch schon was – for a CHANGE.)

Die eigentliche Perle unter den Glossen, die nichts anderes sind als wieder abgedruckte Zeitschriftenartikel, dürfte ausgerechnet der einzige Nichtschachtext sein, ein Alltagsbericht während des Länderkampfes der USA in der UdSSR 1955, wo Evans sich als aufmerksamer Beobachter erwies und erstaunt die Wahrnehmungsunterschiede der sowjetischen von der amerikanischen Bevölkerung aufzeichnete und nebenbei ein kleines historisches Dokument fabrizierte.

Zeitungsartikel sind in der Regel und im günstigsten Falle lediglich informativ und auch das nur, solange sie aktuell sind. Das lässt sich über die hier vorliegenden Aufsätze kaum sagen; zudem verlangen sie oft Insiderwissen und es ist schwer abzusehen, wie ein Leser, der nicht schon in die szeneinternen Tücken eingeweiht ist, mit all den Namen, Orten, Daten umgehen soll. Zu allem Überdruss wimmeln die Beiträge – eben ihres Pressecharakters wegen – vor zahllosen Wiederholungen.

Ist es nun gelungen oder nicht? Kurz und gut, das Beste, was man zu diesem Buche sagen kann, bleibt: Es ist ein ideales Klo-Buch, bedingt unterhaltsam und lehrreich für die tägliche Fünf-Minuten-Terrine. Wollte man diplomatisch darauf antworten, so müsste die Antwort wohl lauten: Maybe!

Larry Evans: This Crazy World of Chess. New York 2007

 

--- Jörg Seidel, 20.02.2008 ---


[1] d. h. entweder in der Mystik: Meister Eckhart vollbrachte das Kunstwerk durch völliges Eingehen in Gott, diesen selbst abzuschaffen, auf ihn verzichten zu können oder im Pantheismus: Spinoza annullierte Gott, indem er ihn zugleich zur Natur erhöhte und degradierte.


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