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3. Oktober 2001

Ernst Arthur Lutze: "O diese Schachspieler!"

"Wenn zwei zum Schluss sich kriegen, sprecht:
Ende gut - alles schlecht!"
Erich Kästner

Weiß am Zug! Matt in zwei!


Man wird von einem schmalen Bändchen, einem "Schwank in einem Aufzug" mit dem bezeichnenden Titel "O diese Schachspieler" nicht allzu viel erwarten, weder in literarischer noch in schachlicher Hinsicht, und der Autor besagten Stückes, ein gewisser Dr. Ernst Arthur Lutze, dessen Namen man nach intensiver Suche auf zwei weiteren Druckerzeugnissen, einem "Hohenzollern Anekdotenschatz. In Versen" aus dem Jahre 1905 und einem mehrversprechenderen "Lehrbuch der Homöopathie" als Herausgeber findet, enttäuscht diese Erwartungen keineswegs und wartet mit einem recht amüsanten, vor allem aber bedeutungslosen Werkchen auf, das immerhin, man wundert sich, im Schauspielhaus Berlin zur Aufführung gekommen sein soll. Ob es sich um ein und die selbe Person handelt, ist nicht klar, denn es liegt mehr als ein halbes Jahrhundert zwischen dem homöopathischen Lehrbuch und dem hier zu besprechenden Text, der 1924 bei Curt Ronniger in Leipzig erschien, einem Verlag, der sich als "Zentrale für die gesamte Schachliteratur und allen Schachbedarf" definierte und der demzufolge zum Anlaufpunkt aller auch gescheiterten Schachpoeten werden musste. Ihnen, Autor und Verlag, sowie einem findigen Buchantiquar, der die Rarität wohlweislich aufkaufte und reservierte, ist es zu danken oder zu verschulden - ganz wie man das sehen will -, dass wir uns hier mit diesem Produkt zu beschäftigen haben, denn nun gehört es einmal in die Schachliteratur, jenem weiten Feld, das bedauerlicherweise nur von wenigen Höhen überragt wird. Ein wesentlicher Vorteil von Lutzens Schwank ist zumindest die Bescheidenheit: es ist vom ersten Blick an klar, dass hier keine Höhen beansprucht werden, man muss also nichts widerlegen, man muss sich nicht streiten, es werden keine Bedeutungen hineingelegt und schließlich ist es gar gleich, ob man das Stück liest und sich darüber Gedanken macht, was letztlich auch auf den Wert der Besprechung abfärben muss.

Vor dem Hintergrund einer noch am selben Tage stattfindenden Verlobung, die seinerzeit noch einiges wog und die man also feierlich im Familienkreise beging, entfaltet der Autor ein kleines Wirrwarr, an dem vor allem drei Personen ihren Anteil nehmen: Georg Mette, ein mürrischer und herrischer Gutsbesitzer, seine Tochter Ida, die Braut und der Herr Bräutigam, Assessor Kunitz. Letzterer ist keine schlechte Partie, zudem, wie das deppische Dienstmädchen Adelgunde sich lüstern den Mund wischend nicht müde wird zu betonen, "a feiner Bräutigam", "n' hübscher Mann", ""en hübscher Kerl" usw., allerdings mit einem entscheidenden Handicap: er ist Schachspieler!! Nun, wir alle wissen ja, was das für Kerle sind! Aber der schlägt dem Fass noch den Boden aus, denn er vergisst sprichwörtlich alles, wenn er spielt. Zweimal ließ er sich im Café schon berauben, in eine Partie versunken und dem sehr praktisch veranlagten Schwiegervater schwant Schlimmes, seine Tochter mit einem solchen Träumer zu verehelichen: "Der ist ja ein viel zu verbohrter Schachspieler und wird sich in der Ehe viel mehr um Turm, Läufer, Springer - und wie die Viecher alle heißen mögen, als um seine Frau kümmern." Ida freilich will davon nichts hören, das gute hübsche Kind, sie weiß schon, wie man den Teufel austreiben kann, man ist ja nicht umsonst Frau und verfügt über gewisse Waffen: "Das wäre eine miserable Frau, die Ihrem Manne nicht mehr Interesse für sich, als für seine Schachfiguren abgewinnen könne". Und da haben wir ihn, schon auf Seite zwei, den Hauptkonflikt des Stücks. Ein bisschen komplizierter wird es denn doch, weitere Personen betreten die Szenerie. Zu nennen ist noch Ernst, "Mettes Neffe und Pensionär"; das ist im damaligen Vokabular nicht als älterer Herr zu denken, sondern als jemand, der in Pension lebt, aufgenommen von der Familie, um seine Schulzeit zu beenden. Flink und gewitzt tritt er auf, der Ernst, wie anders auch soll er die Strenge des Onkels ertragen, der ihn bevormundet und just am Feiertage zu schweren Hausarbeiten verdonnert. "Mit der Wuppizität eines Mokkakäfers" erobert er die Bühne und versucht den dünnen Handlungsfaden durch ein wenig Situationskomik à la Till Eulenspiegel zu dehnen. Mette: "Wenn du dich nicht augenblicklich hinsetzt und machst deinen Aufsatz, dann gibt es heut Abend einen Gast weniger beim Verlobungsessen, das merke Dir!" - Ernst (ironisch): "Aber Onkelchen, darum wirst du doch nicht bei Tisch fehlen wollen!" Derart. Ernst schließlich setzt sich nieder und schreibt seinen Aufsatz über ein imaginiertes Selbstgespräch des Scipio auf den Trümmern Karthagos - ach, gäbe es doch heute noch solche Aufsatzthemen! - und da geschieht, was geschehen muss, Kunitz, der Bräutigam, tritt ein, sieht Ernst, sieht ein Schachbrett und es ist um ihn geschehen, schließlich gelte es da noch eine offene Partie zu beenden; der Jüngling ist schnell überredet, die Abbruchstellung in etwa erinnert und schon entfliehen beide ins Reich ihrer Gedanken, denn, mit kursiven Lettern gedruckt: "Wer aber einmal diese Treibhauswärme des Geistes, die im Schachspiele verborgen liegt, empfunden hat, der wird sich immer wieder danach zurücksehnen" Ernst: "Sehr richtig und schön gesagt!" Zuvor freilich tritt noch das Dienstmädchen herzu, strohdumm, wie erwähnt, und soll den Herrn Assessor mal richtig wichsen, was früher ein Synonym für Schuhe putzen war und wohl schon ein wenig anrüchig geklungen haben muss, anders sind die verhältnismäßig langen Dialoge zum Thema kaum zu erklären und sie tragen auch zur Handlung nichts weiter bei, wohl aber zur Unterhaltung: "Wollen Sie die jeehrten Stieweln ausziehen, oder soll ich jleich am Leibe wichsen?", fragt sie denn auch, aber da ist Kunitz schon im siebenten Himmel und spricht nur noch über Schachfiguren. Und Ernst sekundiert kongenial: "Ach! Welch ein Krach! Und doch, wie schwach!" Ein Diener tritt ein, um Blumen zu bringen, und während Kunitz versucht seinen jungen Gegner zu einer Wette zu verleiten, fragt der Page nach Trinkgeld. Kunitz legt mit einem energischen "Hier" 10 Mark Wetteinsatz auf den Tisch, welche der Lakai gern, wenn auch ob der Großzügigkeit verwundert, entgegennimmt und verschwindet. So funktioniert das nun: Ida tritt ein, glücklich und froh und wird brüsk vor den Kopf gestoßen: "Die Dame fängt an, mir lästig zu werden". Ist doch klar, welche Dame da gemeint war. Mette bekommt auch sein Fett weg, muss sich, als er die Beleidigung seiner Tochter sich verbittet, gefallen lassen, als "frecher Bauer" beschimpft zu werden. Von dieser einfachen Doppeldeutigkeit, wenn man so sagen darf, lebt das Stück.

Währenddessen nimmt die Partie einen eigenartigen Verlauf. Sie erreicht abgebildete Position, die wider Erwarten, doch keine Schlussposition ist. Ernst, dieser Filou, findet einen raffinierten Trick, sich aus der Schlinge zu ziehen und beruft sich dabei auf das offizielle Regelwerk. Sollte der Sinn des Ganzen also nicht nur im Spaß, sondern auch eine Kritik beinhalten, Kritik am Regelwerk des Deutschen Schachbundes bzw. dessen Lücken? Und die Idee ist gar nicht mal so unoriginell! Wenn "Artikel 9 der Spielregeln des Deutschen Schachbundes" lautet: "Man kann den das gegenüberliegende Randfeld erreichenden Bauer in jede beliebige Figur verwandeln", warum soll es dann nicht möglich sein, einen neuen König zum Leben zu erwecken? Das klingt doch logisch, oder? Gesagt, getan und statt des eben zelebrierten Matt in sechs für Schwarz, setzt Weiß nun Matt in zwei. Märchenschach! Aber warum nicht in einer märchenhaften Geschichte. Und wer weiß, vielleicht macht die "neue" Regel sogar Sinn, ist sie überdenkenswert?

Zurück zur Handlung, zurück zum Finale. Ida weint, die gerade noch beschworenen Waffen der Frau sind schon stumpf - heutzutage hätte sie noch einen verführerischen Strip probiert, aber Anno 24 war diese Lösung noch nicht bühnenreif, noch nicht "menschenmöglich" -, sie gibt auf, mit ihr der Vater, denn: "Wir haben alles Menschenmögliche aufgeboten; aber die beiden sind ja für die ganze Außenwelt wie abgestorben." Und hätte die alte Amme - wir haben sie noch nicht eingeführt und werden es auch nicht tun, da sie nur diesen einen lichten Moment hat -, nicht die radikale Lösung in petto, es wäre wohl ein Trauerspiel geworden. Laut Regularien gibt es wohl sechs verschiedene Arten eine Partie zu beenden, Margarete aber findet eine siebente, vielleicht die originellste: "Sie wirft mit schneller Handbewegung das Schachbrett mit den Figuren vom Tische. Es fliegt", das nur noch nebenbei, "der noch immer ahnungslos wichsenden Adelgunde an den Kopf". Nach der Rauferei kommt "Herr Assessor Kunitz!", wie ihn Ida schwer verstimmt nennt, endlich zur Besinnung und antwortet. "Sie ? ? ? ! ! !"

Naja, machen wir es kurz: die beiden kriegen sich und lieben sich, alles klärt sich als Irrtum auf ... "beim Happy End wird ausgeblendt", wie Tucholsky einst schrieb, wenn auch mit einem bitteren Nachgeschmack. Kunitz muss geloben, "von jetzt ab jede Woche nur einmal Schach zu spielen". Das ist hart, aber findig wie die Burschen waren, wird es auch da einen Ausweg geben; man könnte ja jede Woche drei, vier Tage durchgehend Schach spielen oder so. Wir wissen also nicht, ob die Ehe eine glückliche wird werden können; in moderner Horrormanier - wie die Hand, die aus dem Grab kriecht, nachdem man das Monster erschlagen glaubt -, bückt sich Kunitz und hebt besorgt und symbolträchtig die Figuren auf. Idas letzte Worte, noch lachend, denn sie weiß nicht, was wir vermuten, sie weiß noch nicht was auf sie zukommen wird, in der ehelichen Gemeinschaft mit einem Triebtäter: "Ja, Du warte, ich werde Dir helfen aufbauen! (Zum Publikum). Er ist und bleibt doch ein unverbesserlicher Schachspieler!" -

Der Vorhang fällt, das spärliche Publikum klatscht frenetisch - da sitzen ohnehin nur Unverbesserliche mit schwarz-weiß karierten Krawatten - leidgeprüfte Frauen schauen vorwurfsvoll von der Seite ihre Männer an, die den Nachbarn schon zur nächsten Partie herausfordern; kann man sich so den Theaterabend in Berlin vorstellen? 

Dr. Ernst Arthur Lutze: O dieses Schachspieler. Schwank in einem Aufzug. Leipzig 1924. Verlag Hans Hedewig's Nachf. Curt Ronninger. 32 Seiten

 

--- Jörg Seidel, 03.10.2001 ---

 


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