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LITERATUR
24. Mai 2005

Lucio Mauro: Il giorno del nuovo sole

In diesem rasant geschriebenen Roman, der sowohl Krimi als auch Komödie, Spionagegeschichte als auch Gesellschaftsroman sein will, prallvoll mit knalligen, schrillen Ideen und zahlreichen Wendungen und Überraschungen, findet auch das Schach seinen Platz und spielt, wenn auch nur auf wenigen Seiten, doch eine prominente Rolle. Es zeichnet sich in erster Linie durch eine selten aufzufindende Konkretheit aus. Kein Wunder, denn mit Lucio Mauro hat ein Internationaler Meister, ein 2300-Mann, zur Feder gegriffen, der offensichtlich nicht nur etwas vom Schach versteht. Unter dieser Kategorie – schreibender Schachmeister - gehört das Buch ohne Zweifel zum Besten!

Man entdeckt das Spiel in beiden Hauptteilen: im ersten, einer Art Gaunergeschichte die auf intelligenter und ironischer Basis fast alle Klischees bedient und deshalb durchaus unterhaltend ist, finden der Meisterdieb und Serienkiller Ottavio alias Settimio alias Sven Lundquist, der Mann mit den vielen Gesichtern, sowie der Pleiteadvokat ("avvocato di merda") und Möchtegern-Bankräuber Renato La Cava zu einer vielsagenden Partie zusammen:

Nach ein bisschen Geplänkel und Kraftmeierei, in dessen Verlauf der sympathische Bösewicht sich als Autodidakt outet, zu dessen scharfem Geist das Schachspiel wie die Faust aufs Auge passt und welches der gescheiterte Rechtsverdreher nutzt, sein ramponiertes Ego aufzubessern, indem er von seiner einstigen Schachpotenz schwärmt, ist die rechte Atmosphäre für ein vielversprechendes Aufeinandertreffen geschaffen. Der verbale Schlagabtausch wird fortgesetzt, während sich am Brett – "quasi meccanicamente" - ein Sizilianer entwickelt. Schließlich muss sich Ottavio doch konzentrieren und bringt als Frucht des Nachdenkens den Zug Springer g4 hervor:

"Weißt du", sagt er, "bis zu deinem neunten Zug haben wir die Züge einer nicht sehr bekannten Partie gespielt. Szily-Foltis, gespielt 1949, endete Remis. Aber ich will immer alles. Ich will entweder gewinnen oder verlieren, mit etwas anderem kann ich mich nicht zufrieden geben. Das ist der Geist des Sizilianers. Deshalb gefällt es mir, anzugreifen, vorausschauend zu spielen, immer, beim Zeitvertreib wie im richtigen Leben. Um nicht überrascht zu werden in irgendeiner Situation" (132f.).

1. e4 c5 2. Sf3 Sc6 3. d4 cxd4 4. Sxd4 Sf6 5. Sc3 d6 6. Le2 e5 7. Sb3 Le7 8.
Le3 O-O 9. Dd2 a5 ( Ottavia spielt hier das interessante 9... Sg4?! 10. O-O-O!? Chessbase und Renato (besser ist: 10. Lxg4 Lxg4 11. Sd5=+ ) Sxe3 11. fxe3+= a6 12. Sd5)

Szily-Foltis Trencianske Teplice 1949 (Big Database) nach 9. Dd2

10. a4 Sb4 11. O-O Le6 12. Tfd1 Tc8 13. Lf3 b6 14. Sc1 Lg4 15. Sd3 Lxf3 16. gxf3 Sxd3 17. Dxd3 Sd7 18. Sd5 Lg5 ½-½

Renato verliert nicht die Nerven, denkt darüber nach, was wohl Petrosjan hier gespielt hätte und entscheidet sich doch tatsächlich für (den in der Database vorgegebenen Zug) die große Rochade. Ottavio schlägt den Läufer, Weiß nimmt mit dem Bauern wieder. Auf den Bauernvorstoß a6 antwortet er mit der Zentralisierung des Springers nach d5.

Man spielt weiter,

"mehr instinktiv denn rational, aber beim 20. Zug verkomplizierte sich die Stellung des Weißen. Er hatte bereits einen Bauern weniger, und einen Turm in Gefangenschaft, auf dessen Befreiung er verzichtete und stattdessen lieber einen gegnerischen Bauern schlug. Gleich danach wurde der Turm gegen einen Läufer getauscht; Ottavio bot mit diesem Zug den Damentausch an, aber Renato verzichtete darauf indem er die Dame zurückzog. "Du verlierst, Anwalt. Vielleicht warst du mal ein Schachmeister, aber jetzt hast du mir nichts mehr zu lehren. Du bist mir in allen Belangen unterlegen. Ich könnte wetten, wenn wir das Brett verließen und die Partie blind fortsetzten, dann erinnere ich die Stellung der Figuren und alles was ich drohe, vollständig. Aber du vielleicht nicht".

Das Ganze hat natürlich nur Sinn, wenn es handlungsbedeutend ist und tatsächlich wird in dieser extravaganten Szene nicht nur das derzeitige Kräfteverhältnis rekapituliert sondern es werden auch zukünftige Entwicklungen antizipiert. Wer weiß, vielleicht stellt sich Renato dümmer als er ist?

Renato akzeptierte die Herausforderung.

"Mein König steht auf g8", sagte Ottavio. "Dann habe ich Türme auf f8 und c8, Dame b6, Springer c4. Fünf Bauern: h7, g7, f7, e5, d6". "Mein König steht auf b1", antwortet Renato ohne zu zögern. "Turm auf c1, Dame a4, Springer b3, Läufer f3. Auch für mich 5 Bauern: a2, b2, g2, h2, d5. Und jetzt zieh".

Ottavio, ohnehin in gewonnener Stellung, stellt eine kleine Falle: Dd4! Scheinbar stellt er damit die Dame ein und Renato nutzt die Chance, das Gespräch auf die Dame im Spiel zu bringen. Spiel- und Handlungsverlauf werden zeigen, dass die Dame "vergiftet" ist. Tatsächlich schlägt Renato im Stile eines Anfängers auf d4 und wird danach in zwei Zügen matt gesetzt. Erst im Nachhinein wird deutlich, dass es ihm möglicherweise mehr um die Dame – Ottavios hypersexy Lebensgefährtin, taubstumm noch dazu –, denn den Sieg ging. Natürlich ist das primitiv, stellt es nur eine weitere unter Dutzenden Plattheiten dar, aber dort wo die Dummheit bewusst herbeigeführt wird, noch dazu von einem ironischen Unterton begleitet, kann sie sehr intelligent sein, wie in diesem Roman. Und selten hat man eine Schachszene sich derart konkret entwickeln sehen, ohne Fehler, ohne Lapsus!

 

Im zweiten Teil, der den Versuch einer arabischen Terrorgruppe schildert, Arafat samt dessen israelischen Vertragspartnern durch einen Atombombenanschlag zu pulverisieren, treffen die beiden sich wieder, erneut beim Schach. Renato hatte den Berufsgauner um dessen Millionen und Frau geprellt, war auf der Flucht und fand keine bessere Beschäftigung im Müßiggang als internationale Schachturniere zu besuchen. Nicht die beste Idee, wenn man inkognito bleiben will. Nicht nur wird er Leidtragender einer sensationellen Opferpartie, in der sein Gegner fast das gesamte Material gibt um Matt zu setzen, sondern Ottavio selbst und sein Handlanger stellen mithilfe des Schachs die entscheidende Falle, den mit Geld und Frau flüchtigen und verräterischen Renato einzufangen. Ottavio hat nicht Zeit noch Geld gescheut für die süße Rache:

"Früher oder später musste deine Leidenschaft an die Oberfläche kommen, jetzt, wo du nichts mehr zu tun hast, außer die Welt mit einem Schiff voller Geld und deiner Hure zu bereisen. Auch ich habe halb Europa bereist, Linares, Biel, Monte Carlo, Hastings…auf der Suche nach deiner Einschreibung" (228).

So wie Renatos soeben verpatzte Partie voller überraschender Wendungen war, so wird von nun an kein Stein mehr auf dem anderen bleiben: die Geschichte endet furios, explosiv, im wahrsten Sinne des Wortes und hält viele Überraschungen bereit. Ein grandioses Finale eines witzigen, spannenden, nur selten überzogenen Buches, von dessen Autor man noch einiges erhoffen kann. Kaum vorzustellen, dass in kommenden Werken das Schach keine Rolle spielen sollte.

Lucio Mauro: Il giorno del nuovo sole. Napoli 2000. 290 Seiten

Die Partie Mauro-Zei bezeichnet Mauro als seine schönste. Sie wurde im Informator 72 veröffentlicht.

http://sampieri.firenze.net/articoli/MAURO.HTM
http://www.luciomauro.cjb.net/

 

--- Jörg Seidel, 24.05.2005 ---


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