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Reiner Nikula: "Tödliches Schach"
"Das Gegenteil
von gut ist gut gemeint."
Peter Sloterdijk
Reiner Nikula, Dr. Reiner Nikula, seines Zeichens Diplompsychologe,
Jahrgang 1952 und, wie eine Internetrecherche ergab,
ein Schachspieler mit einer DWZ um die 2000, hat 1991
sein zweites Buch veröffentlicht: "Tödliches
Schach". Ein Krimi, wie der Titel schon zu sagen
versucht.
Um es vorweg zu nehmen, ich hatte jede
Menge Spaß damit, weniger beim Lesen, als bei
der bierseligen "post mortem"-Analyse mit
einem Freund. Selten haben wir so gelacht, zwei Stunden
nonstop; mein beleibter Freund erstickte fast an einem
Lachkrampf. Dabei hat doch alles so bieder angefangen:
"Kohnert schlenderte mit gesenktem Kopf über
den Campus der amerikanischen Universität, für
die er seit zwei Jahren arbeitete. Er nahm die pragmatische
Schönheit der niedrigen Betongebäude auf sattgrünem,
pausenlos besprengtem Rasen zwischen ausladenden Bäumen
nicht wahr." (5) Schon hier weiß der geübte
Krimileser, was auf ihn zukommt. Zu deutlich signalisieren
die "pragmatische Schönheit", die gewollten
literarischen Parenthesen und adverbialen Anfügungen
Anspruch und Möglichkeiten des Autors. Immerhin,
es handelt sich tatsächlich um eine schachspezifische
Geschichte, nicht um eine dieser zahlreichen Mogelpackungen;
man widerstrebt also dem ersten Reflex und liest weiter.
Kapitelüberschriften wie "Aufbau der Schachfiguren",
"Geschlossene Eröffnung", "Übermacht
am Königsflügel", sinnigerweise "Damenwahl",
"Zeitüberschreitung" und "Endspiel"
sollen von Beginn an keinen Zweifel an der Kompetenz
lassen.
Die Handlung? Ja, die Handlung. Nach
einem Jahr – so lange brauchte ich, um mich an
diese Rezension zu wagen – nach einem Jahr erinnert
man sich nicht mehr an allzu viel und es lohnt der Mühe
auch kaum. Kohnert, jener, der mit gesenktem Kopf über
den Campus der amerikanischen Universität, für
die er seit zwei Jahren arbeitet, schlenderte, und dabei
die pragmatische Schönheit der niedrigen Betongebäude
auf sattgrünem, pausenlos besprengtem Rasen zwischen
ausladenden Bäumen nicht wahrnahm, jener Kohnert
also nimmt an einem internationalen Schachturnier an
der französischen Mittelmeerküste – so
kann er gleich zeigen, dass er auch ein paar Brocken
Französisch kann - teil. Dass er dabei einen Betrug
plant, dass er die Hilfe eines Computers und einer riesigen
Datenbank zu Hilfe nehmen wollte, macht ihn nicht sympathischer.
Denn "in der strengen Hierarchie der organisierten
Schachspieler, die ähnlich wie die der Freimaurerlogen
bis zum Großmeister reicht, nahm er keinen Rang
ein. Seine Gegner mussten ihn also für einen blutigen
Amateur halten." (27) Und die Liste seiner Gegner
ist beeindruckend. Zusammen mit dem vom Vater bevormundeten
Stransky (der wohl Kamsky im richtigen Leben heißt),
zusammen mit einem Exweltmeister (in dem wir Tal ausmachen
können), vor allem aber zusammen mit dem enigmatischen
Nicholson kämpft der Nobody um die Siegerehren.
Wer aber ist dieser Nicholson, ein unbekannter Spieler
mit Riesentalent, mehr noch mit Genie? Wer mag der Unbekannte
sein, der "seinen Aufenthalt in Süddeutschland
plant und mit Luis Rentero über einen Zweikampf
mit einem Großmeister, wahrscheinlich Spasski,
verhandelt?" - "Sie wissen, der Organisator
des Turniers in Linares, übrigens geht es um zwei
Millionen Dollar". Raten Sie mal!!
In der letzten Runde spielt Kohnert,
der übrigens fast immer betrunken ist, - was seiner
spielerischen Intuition nicht zu schaden scheint -,
gegen Fischer, äh Nicholson. Nach dem kaum noch
überraschenden Sieg über den Exweltmeister
folgt der Kampf der Kämpfe, den alle voll Spannung
erwarten. Doch Nicholson oder so erscheint nicht, statt
dessen findet man am Strand einen enthaupteten Leichnam,
also: "Es fehlt etwas, der Kopf. Der Schädel
war entfernt (sic!)...und die Kinder und die Frauen
und auch die Männer (sic!)... Weiter kam
der Deutsche nicht, weil er seinen gesamten Mageninhalt
erbrach. Kohnert hatte diese Eruption geahnt und sich
mit einer schnellen Bewegung in Sicherheit gebracht,
so dass sich die übel riechende Masse nur (sic!)
auf den Boden ergoss. Nun fühlte er sich, als sei
sein gesamter Körper schlagartig vereist (sic!).
Wie knirschend (sic!) und in Zeitlupe (sic!) bewegte
er sich zum Jeep und schrie den Polizisten, plötzlich
wieder aufgetaut (sic!), an: Fahren Sie sofort
los! Riegeln Sie alles ab! Das Festland muss verständigt
werden! (sic!) Rufen Sie den Arzt!" (171f.)
– war da doch noch was zu retten?. Dies ist der
Höhepunkt des Buches und der war nicht lustig,
oder doch? Aber die Feststellung. "Es ist sogar
unnötig, den Inselarzt herbeizurufen, um den Tod
festzustellen" (173), das ist definitiv zum Schießen.
Und Kotzen. Widmen wir uns also dem, was das Buch wirklich
zu bieten hat, widmen wir uns dem Spaß. Davon
gibt es, man wird es bemerkt haben, jede Menge. Unfreiwilliger
Humor, so nennt man das in der Literaturwissenschaft.
Lustig ist es also, weil es ganz anders gemeint war.
Aber wenn man diesem Machwerk etwas abgewinnen will,
dann muss man lachen und wer hier nicht lacht, der hat
nichts mehr zum Lachen. Etwa über die unzähligen
Stilblüten (eine Auswahl): "Kohnert stimmte
in die Melodie ein und summte die linke Hand des Klavierspielers"
(43) – und summte die linke Hand; kapiert?? Oder:
"Es erinnerte ihn sofort an eine kleine Feier bei
einer Kollegin, die eine fantastische Küche kochte"
(66). Köstlich, diese Küche! Oder: der "deutsche
Nichtmeister" oder der "Sowjet, der lächelte"
und und und. Das Buch ist voll davon und man sollte
dem potentiellen Leser nicht alle Pointen verraten.
Na gut, einer geht noch. Genießen
wir noch folgende Passage: "Kohnert blieb unklar,
wer in der komplizierten Stellung eigentlich Vorteil
besaß. Langsam packte ihn die gespannte Stimmung
der Zuschauer mit ihren vor Aufregung geröteten
Gesichtern (sic!). Es herrschte absolute Stille. Nur
das Setzen der Figuren (sic!) und das Knallen der Uhren
(sic!) war hörbar. Nach einem blitzschnellen Zug
(sic!) des Franzosen hielten einige Zuschauer, auch
Kohnert, plötzlich den Atem an. Nun konnte der
Exweltmeister in der gleichzeitigen Abwehr einer Drohung
Matt setzen. Er sah seine Chance nicht und verteidigte
sich anders (sic! sic! sic!... – Prinzip erkannt?)"
(109). Mehr Ex kann ein Weltmeister nicht sein, wenn
er übersieht, was "blutigen Amateuren"
und beliebigen Kiebitzen sofort in die Augen sticht.
Man darf sich auch an Weisheiten wie
dieser erfreuen: "Kohnert erkannte die Schachspieler,
wie alle Spezialisten (die Schachspieler oder Kohnert?
J.S.), am abwesenden Blick und ihren Absonderlichkeiten."
(25), wie z.B. dicken Pullover in sengender Hitze zu
tragen oder gar Sonnenbrille und Vollbart, sogar "Grassschen
Schnauzbart" (36) – welcher Schachspieler
erkennt sich da nicht wieder? Genaue Beobachtungsgabe
ist ohnehin eine der Stärken des Autors und nebenbei
lernt man einiges dazu: "Die meisten Spieler trugen
Hemd und lange Hose, die übliche Kleidung bei internationalen
Turnieren" (38). - wenn man sich mal vor Augen
hält, wie abgefahren die Leute bei nationalen
Turnieren rumlaufen...
Interessant sind auch die mehr oder weniger
gelungenen Wortschöpfungen,: stoffelig, pröttelst,
Donekes usw. Unerklärlich, wenn nicht weniger unterhaltsam
bleiben die schachspezifischen Fehler. Wem z.B. ist
ein Fall aus der Schachgeschichte bekannt, wo beide
Blättchen der Schachuhr zugleich fielen? Dies werde,
nach den Regeln des seltsamen Buches, als Remis gewertet
(26). Das weißfeldrige Zentrum mag man da als
Ungenauigkeit noch durchgehen lassen.
Man kann zwei ganz verschiedene Urteile
über dieses Buch fällen, die je nach Stimmung
unterschiedlich vernichtend sind. Zuerst die gute Nachricht:
Hätte es Helge Schneider geschrieben, es wäre
mit Sicherheit ein Bestseller geworden, ja, man muss
den Autor solch bahnbrechender Werke wie "Zieh
dich aus, du alte Hippe" fast des Plagiats verdächtigen,
so authentisch lächerlich ist das Ganze. Allein,
Schneider schreibt seine Werke unter anderem Vorzeichen
und damit wendet sich das Blatt. Wer also darüber
lachen kann, der lache – mit zwei, drei Bier vorab
ist der Erfolg fast garantiert.
Nimmt man den Krimi aber ernst, so muss
man von einem unerträglich schwachen Buch sprechen,
das man nur als hartgesottener Schachfan – man
liest alles, wo Schach drauf steht - überhaupt
ertragen kann, das vor Stilblüten und belanglosen
Phrasen strotzt, dem es natürlich an Spannung mangelt,
das ungezählte platte und schlechte Beschreibungen
von Orten, Personen, die für die "Handlung"
zudem oftmals vollkommen belanglos sind, beinhaltet
und das selbst im Fachdiskurs fehlerhaft ist, das
vor allem aber eine peinliche sprachliche Armut
in allen Belangen offen legt. Die Sprache ist nun mal
des Schriftstellers Werkzeug und wenn man einem Autor
heutzutage mitunter viel verzeihen muss, sprachliche
Defizite dieses Kalibers und in dieser Anzahl sind unverzeihlich.
Mit Nikulas eigenen Worten, dem Titel seines ersten
Romans: "Ein bisschen Hirn" – aber eben
nur ein bisschen. Nicht, dass man jemandem verbieten
sollte, zu schreiben oder Schach zu spielen – beides
ist als Hobby tausend mal besser als Weltreisen zu unternehmen
oder Häusle zu bauen – aber derartige Auswürfe
zu veröffentlichen, das ist ein Sakrileg, ein politischer,
nein, ein kriegerischer Akt gleichsam. Denn wenn solche
Bücher erscheinen und man Geld dafür verlangt,
dann ist das Buch als Bildungs- und Unterhaltungsträger
an sich in Frage gestellt. Also, Doktor, machs
wie der Schuster – und bleib bei deinem Leisten
oder wie ein anderes altes Sprichwort sagt: "Der
Schuster geh zu seinem Leder und der Schreiber
behalte die Feder".
Reiner Nikula. Tödliches Schach.
Krimi. GRAFIT-Verlag. Dortmund 1991. 184 Seiten. DM
14,80.

--- Jörg Seidel, 17.09.2001 ---
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