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17. September 2001

Reiner Nikula: "Tödliches Schach"

"Das Gegenteil von gut ist gut gemeint."
Peter Sloterdijk


Reiner Nikula, Dr. Reiner Nikula, seines Zeichens Diplompsychologe, Jahrgang 1952 und, wie eine Internetrecherche ergab, ein Schachspieler mit einer DWZ um die 2000, hat 1991 sein zweites Buch veröffentlicht: "Tödliches Schach". Ein Krimi, wie der Titel schon zu sagen versucht.

Um es vorweg zu nehmen, ich hatte jede Menge Spaß damit, weniger beim Lesen, als bei der bierseligen "post mortem"-Analyse mit einem Freund. Selten haben wir so gelacht, zwei Stunden nonstop; mein beleibter Freund erstickte fast an einem Lachkrampf. Dabei hat doch alles so bieder angefangen: "Kohnert schlenderte mit gesenktem Kopf über den Campus der amerikanischen Universität, für die er seit zwei Jahren arbeitete. Er nahm die pragmatische Schönheit der niedrigen Betongebäude auf sattgrünem, pausenlos besprengtem Rasen zwischen ausladenden Bäumen nicht wahr." (5) Schon hier weiß der geübte Krimileser, was auf ihn zukommt. Zu deutlich signalisieren die "pragmatische Schönheit", die gewollten literarischen Parenthesen und adverbialen Anfügungen Anspruch und Möglichkeiten des Autors. Immerhin, es handelt sich tatsächlich um eine schachspezifische Geschichte, nicht um eine dieser zahlreichen Mogelpackungen; man widerstrebt also dem ersten Reflex und liest weiter. Kapitelüberschriften wie "Aufbau der Schachfiguren", "Geschlossene Eröffnung", "Übermacht am Königsflügel", sinnigerweise "Damenwahl", "Zeitüberschreitung" und "Endspiel" sollen von Beginn an keinen Zweifel an der Kompetenz lassen.

Die Handlung? Ja, die Handlung. Nach einem Jahr – so lange brauchte ich, um mich an diese Rezension zu wagen – nach einem Jahr erinnert man sich nicht mehr an allzu viel und es lohnt der Mühe auch kaum. Kohnert, jener, der mit gesenktem Kopf über den Campus der amerikanischen Universität, für die er seit zwei Jahren arbeitet, schlenderte, und dabei die pragmatische Schönheit der niedrigen Betongebäude auf sattgrünem, pausenlos besprengtem Rasen zwischen ausladenden Bäumen nicht wahrnahm, jener Kohnert also nimmt an einem internationalen Schachturnier an der französischen Mittelmeerküste – so kann er gleich zeigen, dass er auch ein paar Brocken Französisch kann - teil. Dass er dabei einen Betrug plant, dass er die Hilfe eines Computers und einer riesigen Datenbank zu Hilfe nehmen wollte, macht ihn nicht sympathischer. Denn "in der strengen Hierarchie der organisierten Schachspieler, die ähnlich wie die der Freimaurerlogen bis zum Großmeister reicht, nahm er keinen Rang ein. Seine Gegner mussten ihn also für einen blutigen Amateur halten." (27) Und die Liste seiner Gegner ist beeindruckend. Zusammen mit dem vom Vater bevormundeten Stransky (der wohl Kamsky im richtigen Leben heißt), zusammen mit einem Exweltmeister (in dem wir Tal ausmachen können), vor allem aber zusammen mit dem enigmatischen Nicholson kämpft der Nobody um die Siegerehren. Wer aber ist dieser Nicholson, ein unbekannter Spieler mit Riesentalent, mehr noch mit Genie? Wer mag der Unbekannte sein, der "seinen Aufenthalt in Süddeutschland plant und mit Luis Rentero über einen Zweikampf mit einem Großmeister, wahrscheinlich Spasski, verhandelt?" - "Sie wissen, der Organisator des Turniers in Linares, übrigens geht es um zwei Millionen Dollar". Raten Sie mal!!

In der letzten Runde spielt Kohnert, der übrigens fast immer betrunken ist, - was seiner spielerischen Intuition nicht zu schaden scheint -, gegen Fischer, äh Nicholson. Nach dem kaum noch überraschenden Sieg über den Exweltmeister folgt der Kampf der Kämpfe, den alle voll Spannung erwarten. Doch Nicholson oder so erscheint nicht, statt dessen findet man am Strand einen enthaupteten Leichnam, also: "‘Es fehlt etwas, der Kopf. Der Schädel war entfernt (sic!)...und die Kinder und die Frauen und auch die Männer (sic!)...‘ Weiter kam der Deutsche nicht, weil er seinen gesamten Mageninhalt erbrach. Kohnert hatte diese Eruption geahnt und sich mit einer schnellen Bewegung in Sicherheit gebracht, so dass sich die übel riechende Masse nur (sic!) auf den Boden ergoss. Nun fühlte er sich, als sei sein gesamter Körper schlagartig vereist (sic!). Wie knirschend (sic!) und in Zeitlupe (sic!) bewegte er sich zum Jeep und schrie den Polizisten, plötzlich wieder aufgetaut (sic!), an: ‚Fahren Sie sofort los! Riegeln Sie alles ab! Das Festland muss verständigt werden! (sic!) Rufen Sie den Arzt!‘" (171f.) – war da doch noch was zu retten?. Dies ist der Höhepunkt des Buches und der war nicht lustig, oder doch? Aber die Feststellung. "Es ist sogar unnötig, den Inselarzt herbeizurufen, um den Tod festzustellen" (173), das ist definitiv zum Schießen. Und Kotzen. Widmen wir uns also dem, was das Buch wirklich zu bieten hat, widmen wir uns dem Spaß. Davon gibt es, man wird es bemerkt haben, jede Menge. Unfreiwilliger Humor, so nennt man das in der Literaturwissenschaft. Lustig ist es also, weil es ganz anders gemeint war. Aber wenn man diesem Machwerk etwas abgewinnen will, dann muss man lachen und wer hier nicht lacht, der hat nichts mehr zum Lachen. Etwa über die unzähligen Stilblüten (eine Auswahl): "Kohnert stimmte in die Melodie ein und summte die linke Hand des Klavierspielers" (43) – und summte die linke Hand; kapiert?? Oder: "Es erinnerte ihn sofort an eine kleine Feier bei einer Kollegin, die eine fantastische Küche kochte" (66). Köstlich, diese Küche! Oder: der "deutsche Nichtmeister" oder der "Sowjet, der lächelte" und und und. Das Buch ist voll davon und man sollte dem potentiellen Leser nicht alle Pointen verraten.

Na gut, einer geht noch. Genießen wir noch folgende Passage: "Kohnert blieb unklar, wer in der komplizierten Stellung eigentlich Vorteil besaß. Langsam packte ihn die gespannte Stimmung der Zuschauer mit ihren vor Aufregung geröteten Gesichtern (sic!). Es herrschte absolute Stille. Nur das Setzen der Figuren (sic!) und das Knallen der Uhren (sic!) war hörbar. Nach einem blitzschnellen Zug (sic!) des Franzosen hielten einige Zuschauer, auch Kohnert, plötzlich den Atem an. Nun konnte der Exweltmeister in der gleichzeitigen Abwehr einer Drohung Matt setzen. Er sah seine Chance nicht und verteidigte sich anders (sic! sic! sic!... – Prinzip erkannt?)" (109). Mehr Ex kann ein Weltmeister nicht sein, wenn er übersieht, was "blutigen Amateuren" und beliebigen Kiebitzen sofort in die Augen sticht.

Man darf sich auch an Weisheiten wie dieser erfreuen: "Kohnert erkannte die Schachspieler, wie alle Spezialisten (die Schachspieler oder Kohnert? J.S.), am abwesenden Blick und ihren Absonderlichkeiten." (25), wie z.B. dicken Pullover in sengender Hitze zu tragen oder gar Sonnenbrille und Vollbart, sogar "Grass’schen Schnauzbart" (36) – welcher Schachspieler erkennt sich da nicht wieder? Genaue Beobachtungsgabe ist ohnehin eine der Stärken des Autors und nebenbei lernt man einiges dazu: "Die meisten Spieler trugen Hemd und lange Hose, die übliche Kleidung bei internationalen Turnieren" (38). - wenn man sich mal vor Augen hält, wie abgefahren die Leute bei nationalen Turnieren rumlaufen...

Interessant sind auch die mehr oder weniger gelungenen Wortschöpfungen,: stoffelig, pröttelst, Donekes usw. Unerklärlich, wenn nicht weniger unterhaltsam bleiben die schachspezifischen Fehler. Wem z.B. ist ein Fall aus der Schachgeschichte bekannt, wo beide Blättchen der Schachuhr zugleich fielen? Dies werde, nach den Regeln des seltsamen Buches, als Remis gewertet (26). Das weißfeldrige Zentrum mag man da als Ungenauigkeit noch durchgehen lassen.

Man kann zwei ganz verschiedene Urteile über dieses Buch fällen, die je nach Stimmung unterschiedlich vernichtend sind. Zuerst die gute Nachricht: Hätte es Helge Schneider geschrieben, es wäre mit Sicherheit ein Bestseller geworden, ja, man muss den Autor solch bahnbrechender Werke wie "Zieh dich aus, du alte Hippe" fast des Plagiats verdächtigen, so authentisch lächerlich ist das Ganze. Allein, Schneider schreibt seine Werke unter anderem Vorzeichen und damit wendet sich das Blatt. Wer also darüber lachen kann, der lache – mit zwei, drei Bier vorab ist der Erfolg fast garantiert.

Nimmt man den Krimi aber ernst, so muss man von einem unerträglich schwachen Buch sprechen, das man nur als hartgesottener Schachfan – man liest alles, wo Schach drauf steht - überhaupt ertragen kann, das vor Stilblüten und belanglosen Phrasen strotzt, dem es natürlich an Spannung mangelt, das ungezählte platte und schlechte Beschreibungen von Orten, Personen, die für die "Handlung" zudem oftmals vollkommen belanglos sind, beinhaltet und das selbst im Fachdiskurs fehlerhaft ist, das vor allem aber eine peinliche sprachliche Armut in allen Belangen offen legt. Die Sprache ist nun mal des Schriftstellers Werkzeug und wenn man einem Autor heutzutage mitunter viel verzeihen muss, sprachliche Defizite dieses Kalibers und in dieser Anzahl sind unverzeihlich. Mit Nikulas eigenen Worten, dem Titel seines ersten Romans: "Ein bisschen Hirn" – aber eben nur ein bisschen. Nicht, dass man jemandem verbieten sollte, zu schreiben oder Schach zu spielen – beides ist als Hobby tausend mal besser als Weltreisen zu unternehmen oder Häusle zu bauen – aber derartige Auswürfe zu veröffentlichen, das ist ein Sakrileg, ein politischer, nein, ein kriegerischer Akt gleichsam. Denn wenn solche Bücher erscheinen und man Geld dafür verlangt, dann ist das Buch als Bildungs- und Unterhaltungsträger an sich in Frage gestellt. Also, Doktor, mach’s wie der Schuster – und bleib‘ bei deinem Leisten oder wie ein anderes altes Sprichwort sagt: "Der Schuster geh‘ zu seinem Leder und der Schreiber behalte die Feder".

Reiner Nikula. Tödliches Schach. Krimi. GRAFIT-Verlag. Dortmund 1991. 184 Seiten. DM 14,80.

 

--- Jörg Seidel, 17.09.2001 ---

 


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