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LITERATUR
6. November 2002

Schachbotschafter I:
Philidor

Gäbe es – vergleichbar dem Friedensnobelpreis – einen Preis dafür, der Idee des Buches am besten zu widersprechen, die von Ferruccio Pezzuto geleitete Reihe "I Corti di Scacchi" ("Die Kurzen des Schachs") wäre ebenso ernsthafter Herausforderer wie Bush und Blair, die Friedensengel, in Stockholm. Gemäß der Volksweisheit "Mehrere Blätter machen ein Buch", wurden Mitte der 90er Jahre vom Verlag "Messaggerie Scacchistiche", der im Übrigen die bedeutende Zeitschrift "Torre e Cavallo" herausgibt, vier Bücher (einigen wir uns darauf, als Arbeitstitel) herausgebracht, die sich mit schachlichen Randthemen beschäftigen. Aber wie viele Seiten machen ein Buch? Da scheint es nach unten keine Grenze zu geben, besagte Bücher jedenfalls zeichnen sich, neben der attraktiven und soliden Aufmachung, dem dicken und festen Papier, den großen Buchstaben und komfortablen Zeilenabständen und dem gesalzenen Preis, eben durch ihre effektive Prägnanz aus. Stimmt das Sprichwort: Große Bücher – Große Narren? Die Umkehrung jedenfalls scheint nicht ganz problemlos aufzugehen.

 

So ein Konzept kann nur als Luxus oder vor dem Hintergrund eines echten Bedürfnisses funktionieren und letzteres zumindest dürfte wohl vorhanden sein, denn was da thematisiert wird, zählt ohne Zweifel zu den weit unterbelichteten Bereichen der Schachwelt. Vor allem muss hervorragende Qualität die Kürze kompensieren. Die Frage ist, ob ein Text vom Umfang eines mittleren Leitartikels auf Buchform getrimmt – was ihn freilich auch nicht länger macht – diese Belichtungsdefizite wird reduzieren können? Im Falle des ersten Titels der Reihe, der sich mit "Philidor: der Musiker, der Schach spielte" beschäftigt, lässt sich das ziemlich klar mit "Nein" beantworten. Nicht, dass es ein schlechtes Buch wäre, was der Turiner Musikhistoriker Corrado Rollin da geschrieben hat, das nicht, aber es leistet fast nichts über jenes hinaus, was andere vor ihm zum Thema schon geleistet haben. Dies zumindest gilt für die schachrelevanten Aussagen. Was da an Information, an Fakten, geboten wird, lässt sich in jedem besseren Lexikon nachlesen – etwa in Lindörfer oder im Sunnucks - und ist wohl, wenn man sein Literaturverzeichnis nicht vollkommen missversteht, im Wesentlichen von Schonberg (dt. Ausgabe: Die Großmeister des Schach. Berlin/München/Wien 1974, S. 27-35) abgeschrieben.

 

Philidor ist eben so ein typischer Fall, an dem sich die negative Arbeitsweise der tradierten Geschichtsschreibung exemplarisch nachvollziehen lässt; irgendwann hat sich da mal einer die Mühe gemacht zu forschen, hat eine Dissertation verfasst, die mittlerweile aber verschollen ist (vgl. S. 69) [1] und von der ausgehend, über 12 Ecken, pinselt dann einer vom anderen ab, meist ohne Literaturverweis. Man liest dann allenthalben dasselbe, allein stilistische Eigenheiten der "Autoren" machen noch die Differenz. Die arme naive Wissenschaftlerseele am Anfang der Nahrungskette ist vergessen, wahrscheinlich war der Text "zu akademisch" um gelesen zu werden oder er versäumte in seiner Selbstlosigkeit einfach sich an große Schachverlage zu wenden, statt es als Xerokopie in dreifacher Ausführung in einer Universitätsbibliothek in den Staaten "der nagenden Kritik der Mäuse" auszuliefern. Ohne eigene Forschung, ohne die nervenaufreibende Arbeit in den Archiven und Bibliotheken, auch ohne den musikwissenschaftlichen Hintergrund, ist bei Philidor eben nichts mehr Neues zu machen und wahrscheinlich erst recht nicht auf 50 Seiten, die eigentlich nur 5 sind. Daran ändert auch nichts, wenn man, wie Rollin, einen interessanten Spannungsbogen aufzuziehen versucht: "Der Mensch Philidor ist schließlich von besonderem Interesse wegen seiner Ambivalenz und man muss sich zumindest fragen, ob das Interesse am Schach nicht den Komponisten zerstreut habe und umgekehrt" (56), wenn er nicht mit antwortgebendem Material gefüllt wird. Man macht sich es dann immer leicht zu konstatieren: "Übrigens, viel untersuchende Arbeit muss noch geleistet werden und es mangelt einer umfassenden Untersuchung zu diesem Manne" (57). Na dann, Herr Rollin, frisch ans Werk: wenn schon ein Buch schreiben, dann aber richtig und nicht nur versprechen und auf andere hoffen.

Man kann schließlich darauf verzichten, all das schon Bekannte erneut zu rekapitulieren: Philidors Herkunft aus einer Musiker-Dynastie, sein Leben in Paris, Amsterdam, London, die spektakulären Blindschachpartien und die musikalischen Erfolge und Rückschläge, die Freundschaft mit Diderot und dessen legendären Brief, das vereinsamte und verarmte Sterben und all dies – das alles findet sich, wie gesagt, überall, wo sich zu Philidor überhaupt was findet (z.B. im viel besseren Buch von Susanna Poldauf: Philidor. Eine einzigartige Verbindung von Schach und Musik). Die zwei, drei musiktheoretischen und recht plakativen Einschätzungen einiger Werke sind etwa genauso belanglos - da von keinerlei empirischem Material begleitet – wie die folgende schachliche: "Aus schachlicher Sicht, jenseits des rein technischen Wertes seiner Theorie, vereinigt Philidor in sich alle Charakteristik der Spielweise des 18. Jahrhunderts" (55) und auch das haben Euwe oder Opfermann schon pointierter ausgeführt.

 

Dabei ist doch das Zusammenspiel von Schach und Musik theoretisch so außergewöhnlich energiegeladen, dass man vor allem von einem Musikwissenschaftler hierzu zündende Aussagen regelrecht fordern darf; aber nichts dergleichen, was überhaupt zu dieser Beziehung kommt, stammt von Philidors Zeitgenossen, die sich redlich den Kopf darüber zerbrachen, und zu ganz unterschiedlichen Ergebnissen kamen, ob er denn nun der bessere Schachspieler oder der bessere Musiker sei, als ob man das unvorausgesetzt miteinander vergleichen könnte. Immerhin hat sich der Verfasser hier die Mühe gemacht, in der französischen Literatur einige namhafte Zeitgenossen ausfindig zu machen, die sich, mehr oder weniger signifikant, zu Philidor äußerten: Voltaire und Diderot, Melchior von Grimm und Sainte-Beuve, auch Rousseau und die Brüder Concourt gehören noch zu den besten Fundstücken eines an sich überflüssigen Buches. Man hätte "den Kurzen" einen besseren Start gewünscht.

(Corrado Rollin: Philidor: il musicista che giocava a scacchi. Brescia 1994. 71 Seiten)

 

--- Jörg Seidel, 06.11.2002 ---

 

 

Lesen Sie weiter bei: "Schachbotschafter II: Thomas Henry Buckle"


[1] z.B.: Charles Michael Carroll: Philidor. His Life and Dramatic Art. Florida State University. Tallahassee 1960 oder: Francis Magee: A.D.Philidor. His Life in Pictures and Stories. Lincoln Center New York


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