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PHILOSOPHIE
9. Januar 2002

Gedanken über ein Aussage
von Gilles Deleuze

oder Wellenreiten beim Schach?

"Die Begriffe Wichtigkeit, Notwendigkeit, Interesse sind tausendmal entscheidender als der Begriff der Wahrheit."
Gilles Deleuze

 

Obwohl dieser kurze Artikel philosophische Relevanz beansprucht, wird er nichts beweisen. Er wird nichts anderes tun, als ein paar Zitate aufeinander zu beziehen, kurzzuschließen, was offenbar vollkommen verschiedenen und vielleicht sogar ausschließenden Kontexten entstammt. Am Ende wird also nichts stehen, was einer theoretischen Idee auch nur ähnlich sähe, weniger noch, es wird gar nichts stehen; vielleicht wird es eine Art Blitz gegeben haben, eine kurze Erhellung, umgeben von nichts Signifikantem. Deswegen wird es auch nicht unter dem Vorzeichen der Philosophie vorgetragen, sondern unter deren Gegenteil: dem Philosophieren. Aber selbst der starke Begriff der Philosophie darf es sich leisten, auf mehr zu verzichten, wenn man ihn nur versteht, wie etwa Hans Blumenberg: "Philosophie ist der Inbegriff von unbeweisbaren und unwiderlegbaren Behauptungen, die unter dem Gesichtspunkt ihrer Leistungsfähigkeit ausgewählt worden sind. Sie sind dann auch nichts anderes als Hypothesen, mit dem Unterschied, dass sie keine Anweisungen für mögliche Experimente oder Observationen enthalten, sondern ausschließlich etwas verstehen lassen, was uns sonst als ganz und gar Unbekanntes und Unheimliches gegenüberstehen müsste"[1]. Tritt sie unter diesem Vorbehalt an, so will Philosophie überzeugen statt beweisen.

Ich halte Gilles Deleuze, neben dem späten Heidegger und einem Dritten, dessen Namen ich in diesem Zusammenhang verschweigen muss - denn er lebt noch und könnte jedes Werturteil schon morgen widerlegen -, ich halte Deleuze für den bedeutendsten und einflussreichsten (das ist auch als Prognose zu verstehen) Denker der Nachkriegsgenerationen, um so mehr, da sein Schaffen mit dem Foucaults und Guattaris, vor allem aber Foucaults, eng verzahnt ist, bei allen Differenzen eine Art Komplex bildet. Das alles tut jedoch nichts zur Sache.

Die Aussage Deleuzens, die ich, seit ich sie las, nie wieder vergessen konnte, obwohl sie nicht zu den wirklich einflussreichen Gedanken gehört, eher banal, eher gut beobachtet als gut gedacht und zudem noch nicht mal ganz und gar wahr und auch nicht mehr ganz jung (1985) ist, lautet:

"In den Sportarten und Gewohnheiten ändern sich die Bewegungen. Lange haben wir mit einer energetischen Konzeption der Bewegung gelebt: Es gibt einen Ansatzpunkt, oder aber man ist die Quelle einer Bewegung: Laufen, Kugelstoßen etc.; das ist Anstrengung, Widerstand, mit einem Ausgangspunkt, einem Hebel. Heute sieht man jedoch, wie die Bewegung sich immer weniger durch das Einschalten eines Angelpunktes definiert. Alle neuen Sportarten – Surfen, Windsurfen, Drachenfliegen ... – sind vom Typus: Einfügung in eine Welle, die schon da ist. Hier wird nicht mehr vom Ursprung ausgegangen, sondern von einer Bahn, auf die man gelangt. Wie kann man sich von der Bewegung einer großen Woge annehmen lassen, von einer aufsteigenden Luftströmung, wie kann man ‚dazwischen gelangen‘, statt Ursprung einer Anstrengung zu sein, das ist fundamental." [2]

Sie ist in ihrer Absolutheits- und Ausschließlichkeitsgeste ("alle neuen Sportarten") unwahr, inkorrekt, denn zum einen gibt es zahlreiche neue Sportarten, die diesem Typus nicht zuzurechnen sind, zum anderen ist auch der neue Typus so neu nicht: Otto Lilienthal starb hundert Jahre vor Deleuze schon beim Gleitfliegen und frühere Weltumsegler bewunderten bereits im 17. und 18. Jahrhundert mikronesische Wellenreiter bei ihrer Kunst. In anderem Zusammenhang (Das Tao des Schachs) haben wir gesehen, dass der Gedanke selbst zu den ältesten philosophischen Beständen der Menschheitsgeschichte gehört, die alten Meister des Taoismus, die buddhistischen und hinduistischen Gründerväter vertraten ihn und selbst Jesus hatte eine Ethik des Nachgebens gepredigt (Mt. 12,13-17; Lk. 20,20-26; Lk 5,29f u.v.a.). Und obwohl dieser Gedanke seither parat, wenn auch selten präsent war, erschüttert er, nicht zuletzt ob seiner Einfachheit, doch.

Man wird sich nun fragen können, ob diese neue/alte, uralte Idee sich nicht auch im Schach finden lasse. Wenn sie banal und althergebracht sein sollte, so bitte ich dies zu entschuldigen, ich selbst habe den Gedanken erst zweimal in der Schachliteratur vorgefunden und beide Male in neuen Werken, die zudem eines gemeinsam haben: sie sind, im obigen Sinne interessant, mehr als wahr zumindest. Die Autoren der Bücher gehen neue Wege, verlassen ausgetretene schachdidaktische- und metaphysische Pfade.

Jeremy Silman legte 1999 "The Amateur‘s Mind" vor und versucht in diesem ungewöhnlichen Buch nicht das quasi-perfekte Schachdenken der Profis vorzustellen, wie dies Schmidt, Kotow, Pfleger/Treppner, Bouwmeester, Nunn [3] und sicher noch viele andere taten, sondern den Gedankenprozess des blutigen Amateurs offen zu legen, um dessen Probleme hinsichtlich des unbefriedigenden Endergebnisses zu lösen. Denn wenn man davon absieht, wenn man also nicht den Sieg oder den besten Zug oder dergleichen Kriterien anlegt, so verblüffen mitunter die originellen und schrägen Gedanken der Hobbyspieler, die in einem anderen Zusammenhang den Perfektionismen vielleicht sogar überlegen wären. Jedenfalls schreibt Silman gleich zu Beginn: "A player can’t do anything he wishes to do. For example, if you love to attack, you can’t go after the enemy King in any and all situations. Instead, you have to learn to read the board and obey its dictate. If the board wants you to attack the King, then attack it. If the board wants you to play in a quiet positional vein, then you must follow the advice to the letter" (Ein Spieler kann nicht alles tun, was er möchte. Wenn du es zum Beispiel liebst anzugreifen, dann kannst du nicht in jeder Situation dem gegnerischen König nachsetzen. Statt dessen hast du zu lernen, das Brett zu lesen und seinen Anforderungen zu gehorchen. Wenn das Brett dich den König angreifen sehen will, dann greife ihn an. Wenn das Brett dich auffordert, in ruhiger positioneller Stimmung zu spielen, dann musst du dem Hinweis aufs Wort folgen.) [4].

Noch weiter geht Jonathan Rowson in seinem sensationellen und sicher nicht unumstrittenen [5] Werk "The seven deadly chess sins". Die erste- und Hauptsünde im Schach besteht bei ihm – im Denken! Das ist ein ungeheuerlicher Gedanke innerhalb des Diskurses über ein Denkspiel und er wird nur unter den bereits genannten Äußerungen verständlich. Denken heißt bei Rowson "gegen den Strom denken", heißt "Anstrengung, Widerstand, mit einem Angelpunkt, einem Hebel", heißt vor allem – was Silman nur andeutete – Wille. Der Wille als Ausgangspunkt ist fast immer falsch, man muss vielmehr seinen Willen, sein Denken lassen und sich dem "Willen der Situation" anschließen, sich mit diesem vereinen und ihn zu dem seinen machen, aber eben immer nur so lange, wie die Situation die gleiche ist. "You just have to accept that the position will transform from one thing into another" (Du hast es einfach zu akzeptieren, dass die Stellung sich von einer Situation in eine andere ändern wird.) [6]. Das setzt die richtige Bewertung der Situation selbstredend voraus. (Kein Spieler der Weltklasse beweist dieses Prinzip besser als Alexei Schirow: Dass es seine oft unflexible, weil permanent zu aggressive Spielweise sei, die ihn am großen Erfolg hindere, wie Harald Fietz nachzuweisen versuchte, ist nur die halbe Wahrheit, sein wirkliches Handicap ist seine größte Tugend; der Wille, dem Brett seinen Gedanken aufzuzwingen statt sich vom Brett leiten zu lassen.[7]) "My real aim is to try to explain and explore the idea that all chess thinking is evaluative. I have come to the opinion that evaluation is not a separate thought-process which we suddenly switch into when deemed important, but integral one which is the pilot of our thoughts, and not just the pilot, but the co-pilot, stewardess, meal, and view out the window" (Mein eigentliches Ziel ist es, zu versuchen, die Idee, dass alles Schachdenken bewertend/abschätzend ist, zu erklären und zu entdecken. Ich bin zu der Überzeugung gelangt, dass die Bewertung kein separater Denkprozess ist, in den wir plötzlich umschalten, wenn wir ihn für wichtig erachten, sondern ein umfassender ist, als Pilot unseres Denkens und nicht nur Pilot, sondern auch Copilot, Stewardess, Mahlzeit und Blick aus dem Fenster") [8]. Damit erhält die alte Kammelle von der Intuition, die man - und zu Recht - seit Jahrzehnten immer und immer wieder herunterleiert, endlich einen verständlichen Sinn für den Nicht-Top-Spieler; sie wird von Rowson mit dem Konzept der Emotionalen Intelligenz verkoppelt. Bislang war die Phrase für den durchschnittlichen Schachspieler weitestgehend praktisch sinnlos, denn die Intuition des Meisters setzte auch dessen Erfahrung, Wissen, Können und Determination voraus, und wenn jene dem Amateur intuitive Entscheidungen empfehlen, dann wird nur deutlich, wie wenig sie sich noch in den Denkprozess – der vor Jahren auch mal der ihre war – hineinversetzen können. Rowson zitiert Julian Hodgson, dessen schachliches Schaffen und sein Stil der lebende Beweis für die Anwendbarkeit des Gedankens sind, und bestätigt damit nur unsere Einschätzung: "...that chess at the higher levels is ‚like a river‘ in which you ‚go with the flow‘"(...dass Schach auf den höheren Ebenen "wie ein Fluss ist", in dem du "mit dem Strom schwimmst".) [9].

Aber mit der Welle reiten, heißt tausendfach in sie gestürzt zu sein. Der relative Wert der Aussage bleibt also: auch Wellenreiten will mühsam erlernt sein.

Gilles Deleuze (1925-1995)

 

--- Jörg Seidel, 09.01.2002 ---


[1] Hans Blumenberg: Höhlenausgänge. Frankfurt 1989. S. 22
[2] Gilles Deleuze: Unterhandlungen 1972 – 1990. Frankfurt 1993. S. 175
[3] Paul Schmidt: Schachmeister denken. Praktische Einblicke in die Gedankenwelt des Meisterspielers./ Alexander Kotow: Denke wie ein Großmeister/ Helmut Pfleger/Gerd Treppner: So denkt ein Großmeister/ Hans Bouwmeester: Schachtraining mit den Großmeistern/ John Nunn: Secrets of practical chess.
[4] Jeremy Silman: The Amateur’s Mind. Turning chess misconceptions into chess mastery. Los Angeles 1999. S. 1
[5] siehe die Fundamentalkritik von Colin Crouch: "Chess and Philosophy" in Kingpin 34, S. 37-42
[6] Jonathan Rowson: The seven deadly chess sins. London 2000. S. 59 – Man fragt sich nur, woher er die Weisheiten hat, mit seinen 23 Jahren. In der Philosophie ist es wie beim Sex: zu jungen und zu alten Stimmen sollte man misstrauen.
[7] Vgl. Harald Fietz: Verlieren ist eine Frage der Methode oder warum Schirow ein zweiter Keres werden kann. in: Rochade Europa 11/2001, S. 102-104
[8] Rowson S. 39
[9] ebd.


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