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PHILOSOPHIE
19. März 2003

Josef Seifert: "Schachphilosophie"
Ein Buch für Schachspieler, Philosophen und ‚normale’ Leute

Der Philosoph ist eine Figur, die durch die Professionalisierung des Nachdenkens über Grundfragen der Existenz und die metaphysischen Ideen aufkam. Erst seit 200 Jahren, seit Immanuel Kant, gibt es diese Professoren-Philosophen, die sich von der Kommunikation mit ihren Zeitgenossen abkehren und nur noch mit Kollegen und Schülern über selbsterfundene Probleme kommunizieren.
Peter Sloterdijk

 

Schachphilosophien sind ein seltenes Ereignis, sie sind kostbare Kleinode, von vorn herein; ihren Erscheinungsrhythmus muss man in Jahrzehnten rechnen. Jede einzelne verdient daher besondere Aufmerksamkeit.

Josef Seiferts Schachphilosophie – die letzte im deutschsprachigen Raum – erschien 1989. Ihr Verfasser ist professioneller Philosoph, akademischer Angestellter, bezahlter Denker, er ist ein "hohes Tier", Professor und Rektor und Vorstand und Mitglied und überhaupt alles, was man auf diesem Bildungswege erreichen kann. Professionell und professoral entledigt er sich denn der selbstauferlegten Aufgabe einer Schachphilosophie, die dementsprechend nicht immer leicht zu lesen ist. Ein Buch für "Schachspieler und normale Leute" ist es daher wohl eher weniger, ein Buch für Philosophen vielleicht, für akademische zumindest.

Der bewusst kühl, objektiv und - soll ich es schon wieder sagen? - akademisch gehaltene Ton will dem Schachliebhaber nicht recht schmecken. Nichts gegen Objektivität der Sache nach, aber eine Philosophie des Schachs ist immer auch, konstitutiv, die Philosophie einer Liebe und Leidenschaft; sie darf daher in gewissem Umfang Emotionen zeigen und emotional werden. Geschmackssache? Sicherlich! Wenden wir und also dem Inhalt, der geschmacksfreien Zone, zu.

Von den sechs Hauptkapiteln kann man das letzte getrost vergessen. Nicht nur dass es, das obligatorische Computerkapitel, hoffnungslos der Zeit hinterherhinkt – dafür kann Seifert nichts -, sondern vor allem ist nicht diskussionswürdig, wer sich Poppers verbalem Missgriff vom Computer als "glorifiziertem Bleistift" vorbehaltlos anschließt oder Jeanne Hersch’s albern-anmaßende Antwort auf die listige Frage, "wie sie denn wissen kann, dass Computer nicht denken": "Weil ich weiß, was Denken ist" für treffend hält. Da zeigt sich doch lediglich, dass diese Philosophengeneration vom Problem vollkommen überfordert ist. Auch Seifert fühlt sich auf dem Terrain sichtlich unwohl und hätte gut daran getan, auf den systematischen Anspruch zu verzichten und dieses ihm fremde Gebiet zu meiden, statt den Leser mit Verweisen auf eigene Leib-Seele-Veröffentlichungen zu malträtieren oder sich in Verweisungsexzesse zu begeben, auf dass niemand verstehe, was man (oder dass man eben nichts) zu sagen hat.

Dabei ist Kapitel 6 nur der krönende Abschluss einer Talfahrt: was relativ vielversprechend begann, gleitet immer mehr in Obskurantismus und Banalität ab (sieht man mal von der unbeantwortet gebliebenen Eingangsfrage "Wozu eine Schachphilosophie?" ab). So kommt es, dass das Buch dort am stärksten ist, wo "es" nicht denkt, sondern sammelt, wo Seifert der Frage nachgeht, was das Schachspiel sei und woher es seine Faszination erlange. En passant erledigt er dabei Wittgenstein – den Wittgenstein -, sowie de Groot (und später noch Ryle, ohne leider dieselbe Entschlusskraft hinsichtlich Popper aufbringen zu können) und kommt schließlich zu folgenden Gründen:

  1. "Astronomische Fülle möglicher Positionen und Spiele"
  2. "Die Geregeltheit, Intelligibiltät und Logik des Schachspiels", was soviel heißt, dass Schachspieler (meist) unbewusst an den ewigen logischen, mathematischen, geometrischen intelligiblen Gesetzen genießend teilhaben.
  3. "Notwendige und frei gewählte Züge – das Schachspiel als Lösung der scheinbaren Kantischen Antinomie von schöpferischer Freiheit und notwendiger Regelhaftigkeit"; auf gut Normale-Leute-Deutsch: die faszinierende dialektische Wechselwirkung von Freiheit und Notwendigkeit.
  4. "Das Ganzheitsprinzip und die Relativität-Relationalität der materialen und positionellen ‚Werte’ beim Schachspiel", sprich den relativen Wert der Figuren entsprechend der aktuellen Stellungsanforderungen in deren Zusammenspiel und die als befriedigend empfundene Ganzheit von Raum, Zeit und Material. Saussure und Wittgenstein haben daraus sprachliche Analogien abgeleitet, zu denen Seifert "kritisch bemerkt", "dass weder Saussure noch Wittgenstein den fundamentalsten Unterschied zwischen den zwei Arten von Gestalten und sinnvollen Ganzheiten sehen, die die Sprache vom Schachspiel trennen" (32).
  5. "Die Dialektik von strenger Vorhersehbarkeit und Überraschung"
  6. "Pluridimensionalität der Regeln und Dynamik des Schachspiels: Die Kunst des Schach als Analogie zur Detektiv- und Feldherrenkunst"
  7. "Die Anziehungskraft der ‚konzentrierten Stille’ des Nachdenkens und möglicher Formen der Kommunikation" (38)
  8. "Siegesabsicht, Wettbewerb, Kräftemessen und allgemeinere Momente der Faszinationskraft des Spiels" (40)
  9. "Schach als Problemschach – Quasi-Wissenschaft und ‚rationales Rätsel’" (40)

 

Im zweiten Kapitel, dem eigentlichen, widmet sich der Autor den Schachgesetzen und deren ontologischen und erkenntnistheoretischen Aspekten. Leider wird da noch einmal im großen Stile exemplifiziert, was Abschnitt 1/3 bereits andeutete: dass hier weniger das Schachspiel metaphysisch durchdrungen und zum Denkanlass genommen wird, sondern bereits getätigte Forschungen und Veröffentlichungen auf das Schach gepresst werden. Wer über die dritte Kantische Antinomie gearbeitet hat, der sieht im Schachspiel (und anderswo) eben die dritte Kantische Antinomie oder deren Widerlegung, und wer sein Leben damit verbrachte, die unerschöpfliche Literatur zum Leib-Seele-Problem zu wälzen um sie mit eigenen Werken zu bereichern, der sieht eben im Schach (oder sonst wo) das Leib-Seele-Problem konfiguriert, und wer die "schlechthin unbezweifelbare objektive Evidenz der Erkenntnis zu erweisen (sucht), die sich auf die Realexistenz des ego cogito und auf notwendige allgemeine Wesensgesetze bezieht" (53), der wird versucht sein, sie eben auch aufs Schach (oder auf alles) zu beziehen. Wäre Seifert Taoist, so hätte er uns von Yin und Yang im Schach erzählt, wäre er Marxist, vom symbolisierten Klassenkampf, als Strukturalist die Beziehung von Signifikant und Signifikat und als Vertreter der Kritischen Theorie hätte er uns wohl vom idealen Diskurs als Schachspiel belehrt. So fügt es sich also, dass wir etwas über den ontologischen und epistemologischen Status von Schachgesetzen und -regeln erfahren, was ja, immerhin, als Beitrag zu einer Schachphilosophie, auch erhellend sein kann. Wer es denn wissen will, der liest also, dass "die Regeln des Schachspiels in ihrer Konventionalität einen radikalen Gegensatz zu Wesensgesetzen" (43) bilden, dass sie z.T. konventioneller, z.T. apriorischer Natur sind und in stetiger Wechselwirkung stehen ("Denn die notwendigen Gesetze des Schach hängen ja außer von Logik und Mathematik auch von der Dreiheit der Grundelemente des Schachspiels ab: dem Schachbrett, dessen Figuren und Regeln sowie deren weiteren Bestimmtheiten"; 49). Und dass dies schließlich die Grundbedingung für die Faszination am Schach sei: "Die innere Notwendigkeit jener ewig-gültigen Gesetze, die – stets unter der einmal gemachten Voraussetzung konventioneller Schachregeln – für das Schachspiel gelten, machen mit den einmaligen Reiz des Schachspiels aus. Das Schachspiel bringt uns in Berührung mit einer besonderen Eigenwelt notwendiger Zusammenhänge, ähnlich wie die Mathematik oder die Logik oder andere apriorische Wissenschaften" (51).

Das vage Gefühl, dass der Alltagsverstand sich den Talar überzieht um unerkannt anerkannt zu werden, wird man nicht los. Nirgendwo deutlicher als im allerletzten Satz des Buches verrät sich Seiferts Doppelseele (der provinzielle Schach-Lieb-Haber in akademischer Robe?): "Das Schachspiel als Spiel bleibt also, ebenso wie sein Verstehen und die Freude an seiner unendlichen Vielfalt und analogen und symbolischen Bedeutung, für immer ein Prärogativ von Menschen und damit eine Gabe für Schachmeister und Vereinsspieler, Hobbyspieler und Turnierspieler, Schachfreundinnen und Schachfreunde, denen ich diese Ausführungen herzlich widme" (142).

 

Selbiges gilt für das Kapitel "Schach und Erkenntnis". Man ahnt es schon: Prof. Seifert hat auch auf diesem Gebiete dicke z.T. mehrbändige Werke verfasst und macht uns nun anhand des Schachs mit ihnen indirekt bekannt. Und als wollte der Talarträger den soeben geäußerten Verdacht bestätigen, schreibt er zusammenfassend: "Dieser synthetisch notwendige Charakter, der auch den meisten philosophischen Wesensgesetzen, wie auch übrigens (entgegen der Meinung Kants) den obersten ontologischen und logischen Gesetzen selbst, eigen ist, findet also eine besonders reine und klare Exemplifizierung in den notwendigen Schachgesetzen, die man aus diesem Grunde als besonders geeignete Beispiele synthetisch-apriorischer Beispiele wird ansehen können" (72).

Philosophische Verklausulierung des Banalen? Mehr zum Thema jedenfalls erfährt man bei den philosophischen Laien Suetin, Krogius, Nunn u.a.

 

Mit seinen Gedanken "Zu einer Ethik des Schachspiels" beginnt Seifert – und setzt dies im folgenden Kapitel fort – was man akademisch als "Phänomenologie der Analogetik und Metaphorik" bezeichnen könnte um dahinter die schlichte Tatsache der Sammlung von Schachanalogien zu verbergen. Prinzipiell wird das Schachspiel als "ethische Analogie" enttarnt, nicht zuletzt, weil in seinem Vollzug "immanente moralische und quasimoralische Tugenden", wie etwa die Klugheit, die Umsicht, die Demut, die Bescheidenheit eine Rolle spielen (sollen). Dabei wird von der fraglichen Prämisse ausgegangen: "Dass die Klugheit im Abwägen der Konsequenzen, die bedachte Handlungsweise des Schachspielers, nicht selber eine sittliche Qualität besitzt, hindert freilich nicht, dass die für sich allein betrachtet immer extrasittliche Fähigkeit der Klugheit, die erst durch Einsatz für das Gerechte und Gute bzw. sittlich Relevante selber sittlich gut wird, im Schachspiel geübt wird und, nachdem sie so im Spiel geübt wurde, auch in den Dienst des Lebens gestellt werden kann" (88). So weit so gut, aber wird sie es auch und kann sie es überhaupt werden? Fragen, die innerhalb der Seifertschen Schachphilosophie, wo man sich offensichtlich mit bloßen Möglichkeiten zufrieden gibt, nicht gestellt werden. Stattdessen wird im Trüben gefischt und von Analogien zu "Weltgeschehen und Weltgericht" palavert um als deus ex machina zu der Fundamentalerkenntnis zu leiten: "In dieser Sicht kann das Schachspiel über sich hinaus zu einer Betrachtung führen, indem es uns konkret und in besonders eindringlicher Form lehrt, dass alle unserer Handlungen, selbst wenn sie im besten Sinne gemeint sind, bei unbedachter und unkluger Ausführung und bei Mangel der Erwägung aller möglichen Konsequenzen unseres Handeln in der Welt großen Schaden stiften können" (89).
Interessanter wird es da, wo die "eigentlich sittliche oder unmoralische Dimension im Schachspiel" abgehandelt wird. Zwar ist durchaus nicht deutlich gemacht, was den Schachspieler - der "ja die Person des Partners nicht kalt ignorieren" darf, "er soll nicht bloß ein guter und menschlich angenehmer Spielpartner sein, sondern auch eine sittlich gute Beziehung zum Gegenüber haben" (91) - von jedem Teilnehmer einer interpersonellen Relation unterscheidet, aber dass er offensichtlich schachspezifischen Versuchungen zu Selbstsucht, Stolz und Ehrgeiz ausgesetzt ist, vor allem da es sich um ein Intellektbezogenes Spiel handelt, ist detaillierter moralphilosophischer Analyse wert, ebenso wie die Tatsache, dass es sich an sich um ein Kriegs- und Kampfspiel handelt, dessen Ziel es bleibt, den Gegner auf hochsensiblem und identitätsstiftendem Gebiet zu besiegen. Die einfache aber erhellende Einsicht des Berufsphilosophen ist überzeugend: "Die beiden Gegner greifen sich nicht ‚tätlich’ an, sondern nur geistig, und außerdem sind beide auf ein von ihnen ganz verschiedenes Drittes gerichtet, nicht aufeinander" (93).

Und schön wär’s, wenn der Spieler sich die folgenden Zeilen hinter die Ohren schriebe, um ein sittlich vollkommenerer zu werden: "Im positiven Sinn bietet sich dem Schachspieler, vor allem je größer und talentierter er ist, eine besondere Möglichkeit, die sittlichen Werte der Demut und der Freundschaft bzw. Liebe zu verwirklichen. Wenn er bei allem Kampf des Schachspiels dennoch die Person des anderen bejaht, sich an dessen Erfolgen und Intelligenzleistungen freut, diese anerkennt und den wirklichen oder potentiellen Gegner selbst zu besserem Spiel anleiten möchte, anstatt ihn einfach besiegen oder unterdrücken zu wollen, dann ist dem Schachspieler oder Meister eine Noblesse eigen... Sich die eigenen Schwächen einzuge-stehen und sie aus Liebe zur Wahrheit und in Bescheidenheit zu bejahen und anzuerkennen, macht einen Teil des sittlichen Wertes des Schachspielers aus" (93f.).

Eine weitere Gefahr sieht Seifert in der subjektiven Generalisierung, von einer intellektuellen Glanzleistung auf allgemeine intellektuelle Großartigkeit kurzzuschließen (was ja schon das beste Argument dagegen wäre). Kasparow als Kronzeuge, der angeblich "die Begrenztheit seiner eigenen Leistung und ihre Beschränkung auf das Gebiet des Schachspiels anerkennt", ist im Nachhinein, war allerdings auch schon 1989, unglücklich gewählt und zeigt nur, wie zeitrelevant Seiferts Arbeit ist. Das gilt freilich nicht für die gutgemeinte Warnung: "Es ist die Gefahr, dass die leidenschaftliche Begeisterung auf einem gewissen Gebiet uns so sehr packt und beherrscht, dass sie zu einer blinden Leidenschaft wird, in der wir andere und viel höhere und wichtigere Aufgaben unseres Lebens übersehen oder vernachlässigen…" (99). Dies kann sich durch "Zeitverschwendung" und die "hohle Art des Schachspiels" entäußern oder als "Flucht vor dem, was eigentlich zählt" oder aber als "leidenschaftliches Gehabtsein".

 

"Schach, Kunst und Leben", Kapitel 5, verkommt nun fast vollständig zur "analogischen Phänomenologie"; Schach als Analogon zu Leben und Tod, zum Hermeneutischen Zirkel (Illustration), zur menschlichen Freiheit oder Determiniertheit, zur göttlichen Fügung oder Führung, zur "Realität der Geschichte als ganzer", deren "Unübersehbarkeit", zur "Sinnverwirklichung im Einzelleben", zur Liebe usw. Viel mehr als diese Aufzählung scheint der Autor nicht beitragen zu wollen und er kompensiert die Inhaltslosigkeit durch plötzlich ausgiebige seitenlange Zitationen. Prinzipiell jedoch ist anzuzweifeln und müsste zuallererst geklärt werden, ob eine philosophische/ethische/ästhetische Relevanz überhaupt aus Analogien erschlossen, ob dies die jahrhundertealte metaphysische Attraktion des Spiels erklären kann oder ob es nicht eine wesenhafte Entsprechung geben muss. Außerdem ist die Analogie das schwächste aller Elemente: alles kann schließlich für alles Analogie werden. Metapher und Gleichnis verleiten – darauf hat Hans Blumenberg in mehreren Anläufen ausgiebigst hingewiesen [1] – zur sinnfreien Sinndrift; das Bild scheint noch zu stimmen, aber der Realbezug ist bereits verschwunden.

 

Schließlich gelangt Seifert in etwas holprigem Ton zum Kern des Anliegens: "So kann das Schachspiel als Träger und Relat analoger Ähnlichkeiten und symbolischer Bedeutungen Ansatzpunkt für eine Entdeckung und Philosophie der Analogie und des Symbols werden. Ähnlich wie wir für Erkenntnistheorie und Ontologie grundlegende Sachverhalte im Schachspiel fanden, könnten wir auch ein ähnlich weites Feld für die Betrachtung einer Metaphysik der Analogie oder der Theorie symbolischer Formen, wie E. Cassirer sie vorlegte, aus einer Schachphilosophie entwickeln" (124f.). Nun endlich wird es spannend! Ja, das ist es, was die schachphilosophische Anstrengung verlangt und Cassirers "Philosophie der symbolischen Formen" wäre in der Tat ein vermutlich fruchtbringender Ansatz oder auch Blumenbergs Metaphorologie, wenn denn schon Wittgensteins Sprachspiele abgetan worden, oder Gadamers Hermeneutik oder gar Laskers – der signifikanterweise noch nicht mal Erwähnung fand! - Macheïde.

Wir lesen nun - aufs Äußerste gespannt -, was Seifert darüber zu sagen hat:

"Wir möchten hier nicht auf die unerschöpflich reichen philosophischen Aspekte eingehen, die sich hier bieten" (125).

 

Das ist mehr als ein seltsamer Satz innerhalb einer Schachphilosophie. Es ist der einzig unmögliche!

 

Anhang: Schlüsselaussagen in beiderlei Gestalt:

…dass die Schachfiguren an sich zwar Regeln unterstehen, wie die Sprache, aber – ganz im Gegensatz zu dieser – keinen Sinn und keine Bedeutung haben. Die Schachfiguren sind etwas, aber meinen nichts (9).

…ist eine Philosophie des Schachspiels im eigentlichen Sinn, d.h. des Spiels als solchem und seiner Regeln, unmöglich. Denn Philosophie bezieht sich – neben grundlegenden Fragen realer Existenz – hauptsächlich auf notwendige Wesenheiten und Wesensgesetze oder auf tief sinnvolle Modifikationen notwendiger Wesensgesetze, nicht auf empirische Naturgesetze oder gar konventionelle Regeln als solche.

Es ist durchaus möglich, dass der größte Schachmeister ein schwacher Theoretiker ist und dass ein hervorragender Schachtheoretiker ein schlechter Spieler ist. Denn die konkrete Erkenntnis des besten Zuges setzt nicht nur ein theoretisches Wissen nicht unbedingt voraus, sosehr dieses auch in gewissem Ausmaß zur Verbesserung des Spiels eine entscheidende Hilfe bietet, sondern es ist vielmehr auch so, dass das genaueste theoretische Wissen nicht genügt, um konkret innerhalb der unendlichen Vielzahl von Situationen innerhalb eines Spiels den richtigen Zug zu erkennen (81).

Die Moralität der Spieler ist allerdings ungleich wichtiger als ein Spiel wie das Schachspiel und die Spielstärke selbst. Es ist ja unermesslich viel wichtiger, ein edler Mensch als ein guter Sportler oder Schachspieler zu sein (86).

Ein Größenwahn, das Gefühl, die intelligentesten Menschen der Welt oder die intelligentesten Menschen in einem Land zu sein, weil sie alle Schachturniere gewinnen, ist gewiss für Schachmeister eine erhebliche Gefahr. Dabei bedenkt der Schachspieler nicht, dass andere Menschen weniger Zeit für das Spiel aufwenden und vielleicht nur aus diesem Grunde unterlegen spielen. Er realisiert ferner nicht, dass es neben jener Intelligenz, die für das Schachspiel erforderlich ist, viele andere und in wesentlichen Hinsichten weit überlegene Formen der Intelligenz, etwa jene des Künstlers, des Wissenschaftlers oder des Philosophen gibt (97).

Dabei ergeben sich wiederum weit über das Schachspiel hinaus faszinierende Aspekte der Erkenntnistheorie als solcher, ja eine Form des Cogito-Arguments und anderer Argumente für die unbezweifelbare Gewissheit der Erkenntnis objektiver Wahrheit (Fußnote: Siehe Josef Seifert, Erkenntnis objektiver Wahrheit, a.a.O., Teil II. Siehe auch Josef Seifert; Back to Things in Themselves. a.a.O.; dort versuche ich, eine Neuinterpretation des Cogito-Arguments als Einstieg zu unbezweifelbaren Realerkenntnissen und Wesenseinsichten darzulegen.) (57).

H. Putnam und eine Reihe anderer Autoren nach ihm (Block, Armstrong, Lewis, Smart, Fodor, Harman etc.) haben eine funktionalistische Leib-Seele-Theorie entwickelt, deren unterscheidender Gegensatz zu Ryles "linguistischem Behaviourismus" (dem sich Smart, Shoemaker, Armstrong, Lewis u.a. ausdrücklich verpflichtet wissen) und auch zur physikalistischen Identitätstheorie darin besteht, dass Putnam, wie Metzinger es treffend ausdrückt, "Personalität und Bewusstsein von Menschen über nichtphysikalische Eigenschaften des Gehirns, nämlich über ‚funktionale Zustände’, beschreibt" (127).

In manchen seiner Gestalten setzt der Funktionalismus sogar Identität zwischen Materie und Geist an. Deshalb wird er von jedem Beweis einer wesenhaften Verschiedenheit des Geistes von Hirnfunktionen oder anderen Gestalten materieller Leistung in noch stärkerem Maße getroffen als der Epiphänomenalismus. So können wir auch Jonas’ (Fußnote: Siehe H. Jonas, Macht oder Ohnmacht der Subjektivität. Das Leib-Seele.Problem im Vorfeld des Prinzips Verantwortung, Frankfurt 1981. Siehe auch J. Seifert, Das Leib-Seele-Problem, Kap. III) Kritik des Epiphänomenalismus als Kritik sowohl der Supervenienz-Theorie als auch des Funktionalismus sowie anderer Versionen des Materialismus anerkennen (129).

Der Computer ist, wie Popper sagt, bloß ein glorifizierter Bleistift, da er um nichts mehr als dieser dem Verstehen selbst nahe ist. Das leuchtet aus Searles Beispiel ebenso wie aus der von mir (1989) gegebenen Analyse der Wesensunterschiede zwischen Physischem und Psychischem ein und erfordert, wie Jeanne Hersch (1986) sagt, nichts, als zu wissen, was Denken heißt (131).

 

 

 

--- Jörg Seidel, 19.03.2003 ---


[1] etwa: "Schiffbruch mit Zuschauer", "Die Lesbarkeit der Welt" oder "Höhlenausgänge"


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