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POLEMIK
4. Juni 2003

Glanz und Elend der "Rochade"

Bei diesem Artikel handelt es sich – mehr als sonst – um eine persönliche Meinung. Ich weiß aus zahlreichen privaten Gesprächen, dass viele Menschen sie im Großen und Ganzen teilen, würde aber nicht daraus schließen, für eine Allgemeinheit zu sprechen. Es ist nicht Sinn und Zweck, die nachfolgend erwähnten Personen als solche zu kritisieren, sondern einzig und allein deren Veröffentlichungen oder Wirken in der "Rochade".

Jörg Seidel

 

Nun reichts! Peter Krystufek hat wieder zugeschlagen! Man kann ihn offensichtlich nicht mit Leserbriefen stoppen und auch die "Rochade" nicht davon überzeugen, diesen Idiotien – auf unsere Kosten! – keinen Raum mehr zu bieten. Aber Krystufeks Bilder und Artikel sind nur die hässlichste Beule eines weitverbreiteten Ausschlags in Deutschlands größter Schachzeitschrift – und schlechtester! Sie hat einige Vorteile, unbestritten; der offensichtlichste ist der Preis. 96 großformatige Seiten für 5 Mark, das ist beispiellos, auch international. Wenn sie im Volksmund die "Bildzeitung des Schachs" genannt wird, dann wohl deswegen: viel Mist für wenig Geld.

Man wird hoffentlich nicht erwarten, dass die Zeitschrift für die Erfüllung ihrer Pflicht gelobt wird. Nein, fachmännische Partieanalysen, Turnierberichte, Veranstaltungskalender, gelegentlich wertvolle Theorieartikel, Leserwettbewerbe etc., das alles findet man (auch) in der "Rochade", aber das darf man voraussetzen, es ist folglich der Rede nicht wert, zumindest nicht sofern es nicht überragend präsentiert wird.

Aber es ist durchaus legitim, sich über die zahlreichen Mängel auszulassen und die meisten dieser Mängel haben einen Namen und Methode. Der "Bild"-Vergleich hinkt auf der anderen Seite aus wesentlich zwei Gründen. Erstens ermangelt es des obligatorischen (und relativ professionell gemachten – Hände weg davon, Herr Krystufek!) oben-ohne-Bildes, (wenn schon, denn schon) und der Auseinandersetzung mit dem Sexleben unserer Schachhelden und zweitens scheint so etwas wie ein redaktioneller Eingriff oder ein Lektor vollkommen zu fehlen. Deshalb kann in der "Rochade" offensichtlich jeder alles sagen. Niemand fühlt sich bemüßigt, inhaltlich zu orientieren oder auch nur helfend einzugreifen, denn einige Schreiberlinge werden ihres Werkzeuges wohl nicht Herr. Briefe russischer GM’s, die des Deutschen kaum mächtig sind, werden nicht verbessert oder die Person wenigstens auf die Peinlichkeit aufmerksam gemacht, offensichtlich nicht autorisierte Beiträge werden veröffentlicht (10/02, 77) oder lagern erst zwei Jahre, bis der erstaunte Verfasser, mittlerweile längst anderer Meinung, rufen muss: "Hilfe, ich bin in der Rochade", verbale Ausrutscher auch gestandener Mitarbeiter passieren unbemerkt (oder böswillig?) die Redaktion ebenso wie schrecklich unvorteilhafte Bilder (z.B. der schweißtriefende Barlov in 8/99, 37 oder ein völlig indisponierter Karpow in einer ganzen Bilderserie in Heft 8/02, 94f.) und selbstverblendeten Wichtigtuern wird ein Forum geboten für Spinnereien und Schweinereien. Wahrscheinlich glaubt sich das Redaktionsteam dabei als Vorreiter der Demokratie und der Meinungsfreiheit und bemerkt nicht, dass es nicht um Zensur geht – wer was zu sagen hat, dem soll die Bühne offen stehen – sondern lediglich um eine qualitative Auswahl, nicht zuletzt zum Selbstschutz der Autoren und zum Schutz der Leser! Selbstredend ist die Redaktion nicht für die Artikel der Autoren verantwortlich zu machen, wohl aber für deren Veröffentlichung! Jede Zeitschrift besitzt eine programmatische Ausrichtung, ein Statut, ein Ziel, was auch immer, und dem haben sich die Beiträge unterzuordnen. Allein die "Rochade" scheint da eine Ausnahme bilden zu wollen und bringt jeden Furz, der irgendwie in die Redaktionsstube dringt. Sie wäre demzufolge keine Zeitschrift, sondern lediglich ein Anzeigenblatt. Kein Problem damit!, nur sollte man sich dazu auch bekennen. (Daher die Aufforderung: Schicken Sie alles ein, liebe Leser, was Ihnen in den Sinn kommt und irgendwie mit Schach, oder auch nicht, in Beziehung steht; früher oder später wird man es in der "Rochade" veröffentlichen.)

Als ich mich vor ca. 2 Jahren mit ähnlichen Überlegungen via Email an Carsten Köhler, Herausgeber, wandte (leider ist die Mail einem Computerabsturz zum Opfer gefallen, aber vielleicht liegt sie ja noch in Sömmerda) und ihn mit der Idee konfrontierte, da kam die lakonische Antwort (so oder ähnlich): "Na, haben Sie’s endlich gemerkt?". Um ehrlich zu sein, so richtig kann ich’s noch immer nicht glauben.

Mit dieser arroganten Selbstgewissheit macht sich das Blatt von vornherein kritikresistent. Wie viele Leserbriefe mag es gegeben haben, die diese und andere Missstände in verschiedensten Tonlagen anprangerten? Die selbstauferlegte Immunität gestattet es der Redaktion, diese Zeugnisse einer weit verbreiteten öffentlichen Unzufriedenheit mit zynischer Geste der Lächerlichkeit preiszugeben, indem man sie unkommentiert publiziert und somit dem Beschwerdeführer klar macht, wie wenig seine Meinung zählt und im Übrigen so weitermacht wie bisher. Ironischerweise scheint man auf diesen Stil auch noch stolz zu sein. Anlässlich des 70. Geburtstags von Heinz Köhler, dem Gründer des Blattes, durfte man etwa folgendes von ihm (?) vernehmen: "Auch im Ausland wird die Rochade geschätzt, vor allem wegen ihres Umfangs zum niedrigen Preis sowie dem ausgiebigen Turnierkalender" (8/01, 21). Mit dem Argument kann sich auch der Quelle-Katalog empfehlen. Merkt man denn nicht, dass da rein quantitative Kriterien für Qualitätseinschätzungen missbraucht werden? Kann denn ein niedriger Preis losgelöst vom Gegenstand ein Wert an sich sein? Diskreditiert sich das Blatt damit nicht selbst als "billig"? Im gleichen Artikel von Hartmut Metz wird Köhler weiter zitiert: "Unsere Vielfalt ist und bleibt ein Pluspunkt der Rochade, es werden Themen behandelt, die die anderen nicht bringen. Wir bieten so für viele ein Forum. Man kann es natürlich nicht allen Recht machen. Es gibt auch Beschwerden, weil wir fast alles drucken". Und lachend ergänzt er: "Manchmal ist das ein Nachteil". Beliebigkeit als Konzept! Die gesamte Attitüde wird auch in einem Erratum deutlich, in dem Köhler Daten über sich selbst in der dritten Person berichtigt (9/01, 3). Solange freilich niemand von Rang – der gemeine Leser scheint ja nicht zu interessieren – den Finger in die Wunde legt, wird sich da wohl nichts ändern. Alfred Schyla, Präsident des Deutschen Schachbundes, tat dies in seinem Dankschreiben an Köhler zwar, ungewollt, wenn er sich dafür bedankt, dass "die deutschen Schachspielerinnen und –spieler in der ganzen Schachwelt am umfangreichsten informiert sind" (9/01, 22), doch scheint weder er noch der Adressat bemerkt zu haben, dass man erneut ein quantitatives Kriterium zum Maßstab nahm.

 

Die Ärgernisse selbst haben, neben den systematischen, zumeist einen Namen [1] (in alphabetischer Reihenfolge).

 

z.B. Claus Carstens:

Für mich ist CC und seine "Hohe Schule des Computerschachs" ein Klassiker, ein Komiker, so schlecht und plump, dass er schon wieder gut ist.

Drei Dinge vor allem machen CC so attraktiv: seine Identität, seine Partien, seine Kommentare. Niemand kennt ihn, niemand hat ihn je gesehen, er taucht in keiner DWZ-Liste auf, er spielt keine Turniere und doch schickt er in ruhiger Regelmäßigkeit, mit arrogantem Lächeln, spektakulär gewonnene Gambitpartien gegen Spitzenrechner ein und seit je erhitzen sich die Gemüter, pro und contra. Die gewagtesten unter ihnen kamen gar zu dem Schluss: "CC ist lediglich eine Fiktion, ein Mythos geschaffen von der Rochade-Redaktion" (6/98, 51) oder vermuten hinter der ewiggrinsenden Maske niemand geringeres als Bobby Fischer leibhaftig (11/01, 80). Andere hingegen nehmen ihn zum allmonatlichen Ärgernis, sind "maßlos irritiert" und verärgert über seine "überhebliche Selbstdarstellung" (8/98, 89), werfen ihm mehr oder weniger direkt Ideenraub (4/99, 93) und Computermanipulation oder sonstigen Betrug vor (2/98, 63) oder aber feiern seine "brillanten" Partien und fordern "die Hochachtung aller Schachspieler, zeigt er doch das eine wie das andere mal, wie man auf unübertreffliche Art und Weise gegen die Totengräber des gepflegten Schachspiels gewinnen kann" (12/98, 72). Tatsächlich darf man an der Identität zweifeln; zu unterschiedlich sind die gelieferten Analysen, mal reißerisch und überheblich, mal ruhig, sachlich und bescheiden (4/01, 65). Wenn CC fiktiv ist, so verbergen sich hinter dem Namen vielleicht mehrere (möglicherweise ist der Artikel in 4/99, S. 29 am verräterischsten)?

Aber seien wir ehrlich: Kann, ja darf man jemanden ernst nehmen, der seine Leserschaft, ob nun bewundernd oder ablehnend, mit Worten wie diesen begrüßt: "Der Adler grüßt die Maulwürfe" (10/98, 40) und sie verabschiedet mit: "Stumm und verdattert schaut das Fahrerlager der Dreiradfahrer drein" (5/01, 21) oder der von sich selber schreibt: "Noch einmal hat der Hohepriester des Computerschachs große Schachkunst zelebriert" (6/99, 73), der seine eigenen Partien fix zu "Klassikern" erhebt etc.? Ist das nicht alles nur ein Gimmick? Vielleicht die originellste Idee der Redaktion, die es mitunter nicht unterlassen kann ein kleines verfängliches Zitat in CC’s Nähe zu platzieren: "Die Leute können ein Großmaul nicht ausstehen, aber zuhören werden sie immer" von Mohammed Ali (6/01, 73).

Inwieweit Carstens Partien genauerer Analyse standhalten, ob es sich tatsächlich um "Märchenschach" handelt, vermag ich nicht einzuschätzen, aber dass die Spiele mehr als unterhaltend sind, steht fest, wenn auch gelegentlich, wie in der folgenden Partie, in der er die berühmte "Carstens-Eröffnung" spielt, der Schalk noch hinter den Zügen wahrnehmbar ist. Trotzdem ist es hochinteressant und aufschlussreich, die Kommentare der beiden Kombattanten zu vergleichen [2], die vollkommen differieren!

 

Carstens - Fritz 5 [A22]
"Rochade" (7/98, 101)
[Fritz 5.32 (61s)]

Zur Sommerpause erwartet die Computerschach-Fangemeinde zwar leichte, aber doch gehaltvolle Programmkost, und so habe ich den "Primus inter pares" FRITZ5 mit einer Neuerung in "meiner" Eröffnung konfrontiert, welcher das Programm ahnungs- und hilflos gegenüberstand. Folgendermaßen verlief meine Turnierpartie auf einem K6 200 (die von Weiß verbrauchte Bedenkzeit tendierte gegen Null, da es sich um "meine" bis ins kleinste ausanalysierte Eröffnung handelte):
1.e4 e5 2.c4 Sc6 3.Sc3 Sf6 4.h4 letzter Buchzug 4...Lc5 5.Sh3=+ (–0.69) [5.g4 Ld4=+] 5...d6 6.d3 Sd4 Schwarz besetzt das Schlüsselfeld d4 / Weiß baut unbeirrt "sein" System auf, während Schwarz ohne Hilfe der Eröffnungsbibliothek lediglich stereotype Entwicklungszüge produziert. 7.Le3 0–0 8.Lg5 h6 9.f4??–+ führt zu weiteren Sorgen (-3.22) [besser ist 9.Le3=+] / f4!! ...Kühn und doch berechnend gespielt! Schwarz fällt prompt in die gestellte Falle...9...hxg5? 10.hxg5 Weiß entwickelt Drohungen in der offenen h-Linie 10...Sg4? 11.f5!! –+ (-2.71) und Weiß macht den Sack zu. Schwarz hat bereits verloren und steht ohne den Hauch einer Chance da. Die geplante Reiterattacke wird offensichtlich überbewertet und verläuft alsbald im Sande.11...Lxf5!–+ nun ist alles klar 12.exf5 Se3 13.Dh5= Droht Matt: Sf4 / Selbstverständlich! Sdc2+

14.Kd2 Te8 (+14.78) [14...Sxf5 15.Sf4 setzt den Vorteil folgerichtig um f6 16.Dh7+ Kf7 17.Dg6+ Ke7 18.Scd5+ Kd7 19.Dxf5+ Kc6!!] / Lasch fortgesetzt, Weiß sagte ein matt in 8 Zügen an! 15.Sf4+–!! ein feines Opfer. Es droht Matt Kf8 16.f6 Dxf6 17.gxf6 17...gxf6! hübsch 18.Sfd5 Züge wie diese demonstrieren eindrucksvoll die Geschmeidigkeit des weißen Aufbaus, der auf alle Widerlegungsversuche des Gegners einen Trumpf in petto hat. Sxc4+ 19.dxc4 Le3+ 20.Kxc2 Kg7 21.Dh7+ Kf8 22.Dh8# 1–0

Weiß wartet wiederum mit einer köstlichen Neuerung in dieser erstaunlichen Variante auf, der auch alle anderen Spitzenprogramme bereits zum Opfer gefallen sind. Fritz5 schallt es vonseiten seiner Mitstreiter entgegen: "Glaubst Du zu gewinnen, wo wir verloren?" Der Moment ist gekommen, innezuhalten im ausgereizten Wettkampf gegen die heutigen Spitzenprogramme im Computerschach und abzuwarten, bis eine neue Generation von noch stärkerer Software nochmals stark verbesserter Hardware zu neuem Tun herausfordert.

 

z.B. Dr. Martin Dissertori:

…ist zwar kein Mitarbeiter der "Rochade", kann aber als jener Typus eines Wirrkopfes figurieren, denen das Blatt unkontrolliert Öffentlichkeit verschafft, eine Öffentlichkeit, die ansonsten nur noch das Internet bietet. Dr. Dissertori, der sich gelegentlich auch schon mal zum Professor macht (4/98, 16) schleust seine Botschaft zumeist über Leserbriefe ein, mitunter schafft er es auch, ein Bild unterzubringen. Die Botschaft lautet: Trans Light Energy! Auch wenn es ihm nie recht gelingt, klar zu machen, worum es sich dabei eigentlich handelt, so trägt er sein skurriles Ansinnen doch hartnäckig und euphorisch immer wieder vor und koppelt dies gern mit aktuellen Ereignissen und Diskussionen, sei es nun die Abbildung einer karikierenden Schachgrußkarte, die Napoleon mit der entblößten Madame de Remusat zeigt und die Dissertori vollkommen ernst zu nehmen scheint, sei es Kasparows Weigerung Schirow im WM-Kampf zu spielen, sei es Kramniks Sieg im Jahre 2000 usw., immer und überall hat Dissertori, der 1993 über Teilhard de Chardin promovierte [3], den selben Rat und die gleiche Erklärung: "die Unterstützung der ‚Priesterinnen’ der TRANS LIGHT ENERGY ‚Chess Goddess’/Schach-Göttin Caissa" (12/98, 72). Dabei geht es, machen wir uns das noch einmal klar, "um die Mystifizierung der von William Jones in seinen Werken geschaffenen Figur der Schach-Göttin Caissa", die im Übrigen "nichts mit Erotik zu tun hat" (4/98, 16), oder doch?: "Sicher ist auch die Mythologie der Schach-Göttin Caissa mit erotischen Elementen verknüpft (2/99, 48). Vielleicht liegt da sein heimliches Problem, das er immer wieder so wortgewaltig an den Mann bringen muss? "Ich würde es jedenfalls sehr begrüßen, wenn ‚Seine Kaiserliche Hoheit’ (d.i. Napoleon) sich stets dazu entschließen konnte, seinen schachlichen Kontrahentinnen und Widersachern faire Bedingungen einzuräumen und wäre ziemlich traurig darüber, wenn dies nicht der Fall war" (ebd.).

Unermüdlich verfolgt er seine Mission und wenn nicht in der "Rochade", dann im Internet auf der Webseite der – raten Sie mal – der "Rochade". Dort lesen wir folgende Nachrichten:

  • (1.6.01) Suche Sponsoren (und evtl. VeranstalterInnen) für "EXHIBITION- Show"-Schach-Partien von behinderten SchachspielerInnen - mit "PSI" unterstützt von PRIESTERINNEN der SCHACH-GÖTTIN CAISSA - gegen GroßmeisterInnen (diese als BlindspielerInnen): Dr.Martin Dissertori, I - 39050 St.Pauls-Eppan(BZ) an der Südtiroler Weinstraße, Luziafeldweg 11, Tel./Fax: 0039 0471 662 544, e-mail Arbeitsplatz: martin.bzgsal@gvcc.net (Internet-Web-Seite: www.translightenergy-sieg.de / leider anscheinend immer noch Probleme mit einem "Hacker")
  • (3.12.02) 2 besondere Schach - Farbfoto - Postkarten: Priesterinnen von Caissa ... - und ihrer SIEGES - ENERGIE ... - TRANS LIGHT ENERGY: Dr. Martin Dissertori, I - 39050 St.Pauls-Eppan an der Südtiroler Weinstraße (BZ), Luziafeldweg 11; Fon/Fax: 0039-0471662544 / E-Mail: martin.bzgsal@gvcc.net (Büro)
    http://ourworld.compuserve.com/homepages/rochade/boerse.htm

Es ist nur zu hoffen, dass alle "SchachspielerInnen" so weise waren abzulehnen, wie Andrea Hafenstein, der Dr. Dissertori ebenfalls antrug "Priesterin und T R A N S L I G H T E N E R G Y – M e s s a g e – Werbeträgerin" zu werden und, als Gegenleistung, dafür sogar ein Exemplar ihres Buches "Schach dem Tumor" zu kaufen [4]. Der Mann weiß offensichtlich, wie man Seelen fängt.

Man könnte eigentlich auch nur darüber lachen, insbesondere wenn man größenwahnsinnige Angebote wie diese liest: "Nach Informationen, die ich Ende März erhalten habe, versucht Garri Kasparow den Weltmeisterschaftskampf gegen seinen regulären, legitimen WCC Herausforderer Alexej Schirow … zu vermeiden, weil er die Trans Light Energy-Unterstützung fürchtet – durch die Hohepriesterin der Chess Godess-Schachgöttin Caissa, die ich Schirow für dieses Match anbiete. Nach mir vorliegenden Informationen geht Kasparow davon aus, dass er den Kampf um die Krone gegen Schirow verliert, wenn es diesem gelingt, die Trans Light Energy-Hilfestellung voll zu nützen – was ihm ermöglicht, sein eigenes Leistungspotential maximal zu entfalten, optimal zu verwerten" (7/99, 65), wir wiederholen, die "dargebotene psychomentale "PSI"-Hilfestellung voll (optimal, maximal, restlos, total) zu nutzen" (12/98, 72). Aber das Lachen bleibt einem mitunter im Halse stecken, wenn Dissertoris Briefpredigten bedenklichere Töne annehmen, etwa mit antisemitischen Nuancen: "Übrigens: Soviel mir bekannt ist, ließ Kasparow seinerzeit seinen ehemaligen Namen Weinstein aus Gründen der Magie umändern" (7/99, 65). Im darauffolgenden Monat wird das ganze Palaver durch eine dummdreiste Zeichnung unterstützt, in der Kasparow als Karikatur "des Juden" dem blonden Schirow gegenübersitzt. (8/99, 73), was Dissertori wiederum dazu zwingt – hat es Proteste gegeben? – sich nur als "Auftraggeber" der Zeichnung zu outen (9/99, 22).

Lassen wir diesen Gesamtwitz mit einem solchen enden: "Übrigens: Soviel mir bekannt ist, ließ Kasparow seinerzeit seinen ehemaligen Namen Weinstein aus Gründen der Magie umändern – weil der Name ‚Kasparow’ alle Buchstaben des Namens des damaligen Weltmeisters Karpow enthält… - und noch einige dazu… - was ihm zu folgendem auf magische Weise verhelfen sollte: Alles zu können im Schach, was Karpow konnte… und noch etwas darüber hinaus…" (7/99, 65).

 

z.B. Gedichte:

Man muss nicht viele Worte verlieren, die folgenden Zeilen sagen alles (1/00, 85):

Das Jahr 2000 so soll’s sein
Wird das Jahr des Schachs, ja das ist fein.
Schach können ist fast weltweit Pflicht
(In Sydney und in Hongkong nicht).

Mach matt den Gegner jederzeit,
Steh’ niemals schlecht, das ist gescheit.
Kauf Schachbücher, so viel es geht,
Weil dort was wirklich Kluges steht.

Nun, dass dies für diverse Schachzeitschriften nicht zutrifft, ist hiermit wohl schlagend bewiesen worden.

Wen das nicht überzeugt, der nehme dies hier:

Bei Spielbeginn ich oft bedauer’
- wenn ich es sehe, werd’ ich sauer -,
dass der Turm in der Ecke steht,
als wenn das Spiel ihn wenig angeht.

Macht er sich um die Statik Sorgen?
Gibt es Gründe, die für mich verborgen?
Usw. usw.

Es gibt, ganz klar, eine ganze Reihe von Dingen, die Schöpfer und Verbreiter solcher Reime verborgen bleiben! Immerhin konnte es einer der Hobbypoeten – einer der schlimmsten – nicht unterlassen, sein Werk durch einen Copyright-Verweis vor unerlaubter Vervielfältigung zu schützen, weshalb es auch hier keinen Eingang findet (aber es wird ausdrücklich auf darauf verwiesen: 5/98, 79). Mitunter setzen sich aufmerksame und empfindsame Leser mit gutem Grund und Argument gegen diese "Elaborate" zur Wehr und "bewundern" sehr zu Recht, "wie es diesen Autoren gelingt, jedes beliebige Metrum in jeder beliebigen Strophe ihrer beliebigen Gedichte konsequent zu brechen, um dann den Rettungsanker zielsicher auf einem Reim abzuwerfen" (1/00, 64) usw. Aber wie alle Kritik, so prallt auch diese vollkommen ereignislos an den Redaktionsgöttern ab.

Eines der besseren Reimwerke, ein seltenes, ein einmaliges Ereignis, in dem nicht nur gereimt, sondern auch gedacht wird, stammt von Uwe Beuer (man achte vor allem auf die wirklich gelungene letzte Strophe):

Unendlich Bücher über Schach
Bei mir zu Hause im Regal
Die Magazine bis zum Dach
In Wohnraum, Bad und Schlafgemach
Sind maßlos in der Überzahl.

Ich sammle alles über Schach
Und wollt’ sogar mal alles lesen.
Doch kam ich schnellstens nicht mehr nach –
Bei mir zu Hause liegt alles brach;
Die Ehe ist schon längst gewesen.

Ich spiel seit Jahren nicht mehr Schach,
ich muss doch meine Sammlung leiten.
Nur nachts, da lieg ich lange wach
Und weiß nicht recht und atme flach –
Und sehne mich nach alten Zeiten.
(5/00, 60)

z.B. Walter Haas:

Gero von Wilpert: Sachwörterbuch der Literatur, Stichwort Aphorismus: "kurzer, schlagkräftig und äußerst prägnant formulierter einzelner Prosasatz zur Einkleidung eines eigenartigen persönlichen Gedankens, Werturteils, einer Augenblickserkenntnis oder Lebensweisheit, durch geistreichen Inhalt und individuellen Stil unterschieden…"

"Man liebt seine Erkenntnis nicht genug mehr, sobald man sie mitteilt."

Das ist ein Aphorismus, ein guter dazu (von Nietzsche), und auch dies hier ist einer (von Rochefoucauld):

"Die wahre Beredsamkeit besteht darin, alles Nötige und nichts Unnötiges zu sagen".

Aber dies hier ist nun mal keiner:

"Unser heutiges Schachdenken muss nach vorne gehen, in die Zukunft, dorthin, wo sich Änderungen ergeben werden oder auch müssen, in welcher Richtung auch immer" (7/00, 63),

und das hier auch nicht:

"Eine schwierige Position auf dem Schachbrett ist ohne Verlust des seelischen Gleichgewichts in Ruhe weiterzuspielen. Zuweilen hat auch der Gegner eine Idee – wenn man es am wenigsten erwartet – doch es ist nicht immer die richtige. Manchmal kommt einem der Zufall zu Hilfe" (5/98, 9)

und dies hier ist erst recht keiner, auch wenn dessen Verfasser und das veröffentlichende Organ ihn dafür halten:

"Ein Schachphilosoph besitzt die Fähigkeit zu verlieren, ohne gekränkt zu sein, und zu gewinnen, ohne zu kränken. Negative Gedanken und Triumphgefühle sind bei ihm verpönt. So bleibt das seelische Gleichgewicht erhalten".

Stattdessen sind dies schlecht formulierte und peinlich banale Plattitüden, die erst dadurch Brisanz erlangen, wenn sie publiziert werden. Liegt beim Verfasser aber kein Selbstschutzreflex vor, wer soll ihn dann retten vor der Blamage? Man reagiert darauf wie auf plötzliche Zahnschmerzen, wie beim Sensodyne-Blitz: Autsch!

"Wenn zwei Elefanten miteinander kämpfen, dann ist es das Gras, das darunter leidet. Wenn zwei Blitzspieler miteinander kämpfen, dann ist es die Schachuhr, die darunter leidet" (7/00, 62).

Dass empfindsame Lesernaturen unter der elefantengleichen Wucht derartiger "Aphorismen" leiden könnten, scheint in Sömmerda noch niemandem in den Sinn gekommen zu sein. Sie alle und viele mehr entstammen der Feder von Walter Haas (der im Sommer 2000 verstarb, aber das macht ihn nicht, wie C. Köhler mir gegenüber einforderte, immun gegen sachliche Kritik). Mit hundert weiteren beglückte er die "Rochade"-Leser in einer 6-teiligen, jeweils ganzseitigen Folge "Ratschläge für Schachwettkämpfe" (4/99 – 7/00). Schon die erste Folge begann mit einem Paukenschlag, wo er nützliche Überlebensratschläge gab, wie man das unvorstellbare Drama einer verlorenen Partie verwinden könne: "Dazu sollte man mit einer Vertrauensperson die Partie nachspielen und über den unglücklichen Verlauf sprechen. Wenn man sich so seinen Kummer von der Seele spricht, ist man gezwungen, klar zu formulieren. So bringt man etwas Ordnung in das Chaos der Gefühle. … Man wird wieder aktiv, fasst neuen Mut, man gerät nicht in die Isolation – es geht weiter".

 

z.B. Dagobert Kohlmeyer:

"Rochade"-Urgestein, journalistisches Rückgrat des Blatts… derart oder ähnlich könnte man Dagobert Kohlmeyer umschreiben, dessen Englisch- und Russischkenntnisse ihm gestatten, sich überall dort herumzutreiben, wo Schach auf hohem Niveau gespielt wird. Viel mehr gäbe es nicht zu sagen, denn Kohlmeyers Artikel und Interviews zeichnen sich ansonsten nicht gerade durch Originalität, Abwechslung oder stilistische Varianz aus, sie sind immer nach dem selben Strickmuster verfasst und nutzen nicht selten die gleichen Worthülsen; man liest sie und vergisst sie und liest sie im darauffolgenden Monat erneut…, man hat sich informiert, basta. Wenn da nicht hin und wieder diese verbalen Fehlgriffe wären, vor denen sich der Mann, der sich stets als "der Reporter" oder "der Rochade-Reporter" einführt, selbst nicht schützen kann und auch sein Team scheint wenig Interesse daran zu nehmen. Wie anders ist es zu erklären, dass er sich immer mal wieder ins Fettnäpfchen setzt? Oft verrät sich hinter einem Lapsus eine gewisse Eigenliebe. Wir erfahren immer wieder, wie häufig D.K. diesen oder jenen Ort bereiste, welche mehr oder weniger prominente Person ihn kennt, zu sich ruft, zum Essen einlädt usw. – Kohlmeyer ist jemand, der seinen Bedeutungsstatus daraus ableitet, wichtige Leute wenigstens zu kennen! Als er zum Jahrtausendwechsel die 90er Jahre Revue passieren lässt, da kann er es nicht unterlassen, zu den historischen Höhepunkten das Erscheinen seiner Bücher über diese Höhepunkte dazuzuzählen: 1992, wird uns eingetrimmt, zeichnet sich z.B. durch folgendes Großereignis aus: "Der Autor ist als einziger deutscher Journalist an beiden Schauplätzen in Sveti Stefan und Belgrad. Er verfasst ein Buch unter dem Titel ‚Bobby Fischer – ein Schachgenie kehrt zurück’" (12/99, 13ff.) und empfiehlt uns dieses in aller Bescheidenheit, neben anderen Eigengewächsen, als Weihnachtstipp. Jemand schreibt ein Buch über Aljechin und heißt zufällig Dagobert – "Sachen gibt’s die gibt’s gar nicht" (2/99, 6) -, das ist freilich eine Meldung wert! Am erschreckendsten allerdings fand ich den skandalösen Nachruf Kohlmeyers auf Alexej Suetin, dem die "Rochade" – als sicherem Qualitätsträger – und das deutsche Schach, nicht zuletzt das ostdeutsche Schach, so viel zu danken hat. Der Nachruf war der "Rochade" noch nicht einmal eine ganze Seite wert und Kohlmeyer missbraucht den traurigen Anlass, wovon zu erzählen?: von sich! Die Würdigung des verdienstvollen Toten nutzt er zur Selbstpreisung! (Hervorhebung J.S.) "In meiner Jugend waren Schachbücher von Alexej Suetin erste wichtige Wegbegleiter. Sie erschlossen mir eine neue Welt. Nie hätte ich es mir damals träumen lassen, einmal Manuskripte des renommierten Autors ins Deutsche zu übersetzen. Suetins Werk "Erfolgreich eröffnen", das 1987 im Sportverlag erschien, war überhaupt das erste Schachbuch, das ich vom Russischen ins Deutsche übertrug. Später wurden wir Freunde…" (10/01, 6).

Dieser Egozentrismus verrät sich oft nur im kleinen Detail, etwa wenn Kohlmeyer im Oktober 2001 über die Twin Tower schreibt: "Der RE-Reporter war dabei. Sein Foto von 1995 dokumentiert das damalige Aussehen des bekanntesten Gebäudes von Manhattan" (10/01, 1) oder stolz erklärt, dass der frühere Dreisprungweltmeister Mike Powell "sich noch gut an die Partie vor einem Jahrzehnt erinnern konnte", die er 1991 mit "dem RE-Reporter" (10/01, 28) führte.

Unangenehm sind auch verbale Ausrutscher. So unterschreibt er ein Foto, auf dem Karpow mit einem farbigen Jugendlichen abgebildet ist, prosaisch mit "Afrikaner, Karpow" (auch hierzu gab es Leserproteste, eine Erklärung oder Entschuldigung folgte freilich nie; 7/01, 100) und WGM Kachiani-Gersinska bescheinigte er gönnerisch: "Ich habe selten eine Frau Schach so gut erklären hören" (4/02, 84). Was ihn schließlich geritten hat, den Artikel "Schachgöttin Caissa mit Haut und Hirn" zu verfassen und zu bebildern, auf dem eine komplett nackte "Dame", mit Gardinenstoff dürftig verhüllt, zu sehen ist, das weiß der Teufel.

 

z.B. Peter Krystufek:

Wenn man vom Teufel spricht… Krystufek ist das rote Tuch schlechthin für – wenn die erboste Leserpost nicht trügt – Hunderte, wenn nicht Tausende von "Rochade"-Lesern, er ist als ewig wiederkehrendes Ärgernis das feste Symbol für die Mediokrität der Zeitschrift. Dabei erstreckt sich seine Unfähigkeit auf nahezu alle Bereiche, die er unbekümmert anpackt (aber das ist schon Indiz für Beschränktheit, es gehört zum Typus, nichts wirklich zu können und sich doch alles zuzutrauen). Seine Fotos – Krystufek begreift sich als Künstler – zeugen von einer ästhetischen Empfindungslosigkeit sondergleichen, seine Texte sind nicht nur vollkommen banal und informationsfrei, sondern auch in erbärmlicher Sprache verfasst und handeln ohnehin nur von ihm selbst und was ihm in seiner bescheidenen Welt bedeutsam erscheint und selbst seine Schachrätsel wurden hart kritisiert und ihm Plagiate und geistiger Raub vorgeworfen (z.B. 8/98, 89). Die Zahl der Beschwerdebriefe ist Legion, sie sind in allen möglichen Tonlagen vorgetragen und trotzdem hält es die Redaktion nicht für nötig, Krystufeks Dummheiten zu stoppen, mehr noch, scheint man sich an diesem Widerspruch, der natürlich einer gewissen komischen Komponente nicht entbehrt, zynisch zu delektieren. Die einzige sarkastische Relativierung mutet sich das Redaktionsteam zu, wenn es die ellenlangen Elaborate mit sinnigen Aphorismen flankiert, wie: "Ein Merkmal geistiger Mittelmäßigkeit ist die Sucht, immer etwas zu erzählen" von Bruyere (5/03, 28). Aber der große französische Moralist spricht hier nur die halbe Wahrheit aus: Ein weiteres Merkmal geistiger Mittelmäßigkeit ist es nämlich, der Schwätzsucht ein Forum zu bieten! Dies alles wäre nur ein marginales Problem, wenn nicht der Leser dafür bezahlen würde! Hierin ist der eigentliche Grund zu sehen, wenn schon rochadeinterne Reflektionsprozesse nicht stattzufinden scheinen, weshalb sich die Leserschaft mit vollkommenem Recht immer wieder empört. Der Leser hat nun mal das Recht für sein Geld, sei es auch noch so wenig, qualitative Ansprüche zu stellen, und die "Rochade" die Pflicht, diesen Aufforderungen nachzukommen, wenn es schon keine natürliche Abwehrreaktion gegen derartige Produkte gibt. Denn in erster Linie ist der Leser für das Blatt als Käufer interessant und von daher muss es an einer Grundzufriedenheit interessiert sein. Wieso aber funktionieren diese Reflexe bei der "Rochade" nicht? Sicher, es gibt eine ganze Reihe von Rochadeverweigerern, aus eben diesen Gründen, aber offensichtlich scheint der Verkauf "zu stimmen", vermutlich ist das Preisargument auch hier ausschlaggebend. Davon abgesehen, ist es aber ein Affront gegenüber allen seriösen Mitarbeitern der Zeitschrift, denn wenn Vogt oder Suetin oder Barlov oder Pachmann oder Uhlmann oder Metz u.a. neben Lachnummern wie Krystufek stehen, in einer Reihe als Autoren genannt werden, dann färbt die Niveaulosigkeit auch auf diese ab! Selbiges gilt natürlich ebenfalls für Anzeigenkunden, deren Produkt indirekt vom Zeitschriftenniveau diskreditiert wird. Denn man veröffentlicht in "einem Wurstblatt"! Es wäre daher sinnvoll, zum wiederholten Male, gerade von solchen Autoren und kommerziellen Inserenten endlich ein Wort des Protestes zu hören!

Wollte man nun alle journalistischen Untaten Krystufeks besprechen und analysieren, ein solcher Artikel würde nicht genügend Raum bieten. Man hat sich also aufzählend auf wenige Tiefpunkte zu beschränken und im Übrigen ist das meiste von entrüsteten Lesern bereits gesagt.

 

Wen, bitte sehr, interessieren Krystufeks Reisen nach Teneriffa (zu Alfred Pörzgen: eine besonders heikle Mischung; 8/98, 25f.) und das auch noch wiederholtermaßen und in mehreren Folgen (11/99, 116f. und 1/00, 101) oder nach Bad Tölz? Wen interessieren Peter Krystufeks Geburtstagsfeiern (8/99, 84f.), "Berichte", besser Selbstbelobigungen, die zudem wesentlich ausführlicher sind als z.B. Nachrufe [5] auf Suetin, Mednis, Gufeld, Pachmann, sämtlich Mitarbeiter von schachlichem Weltrang, oder Berichte über runde Geburtstage von Schachgrößen. Wer liest den literarischen Schrott mit ehrlichem Genuss, den der Dichter (4/02, 64) oder Historiker (5/02, 81) Krystufek verzapft? Wen erfreuen Krystufeks dilettantische bildnerische Kunstwerke, meist sinnloses kindisches Gekritzel mit schwarz-weißen Karos unterlegt?

Wer findet seine erotischen Fotos erotisch oder auch nur ansehenswert? Darunter versteht Krystufek ein mehr oder weniger attraktives Model in lächerlicher Pose und kariertem Look(1/98, 78), die er im Übrigen auch auf CD-ROM veräußert (5/02, 15). Wer will wissen und gehört es zur Informationspflicht einer Zeitschrift, uns darüber aufzuklären, dass das "Schach-Topmodel Regina", das so top nicht aussieht [6], ein Autogramm von Erich Däniken erhält (6/02, 77) oder seltener Essen geht (6/02, 96)? Und was hat das alles mit Schach zu tun? Doch Krystufeks Selbstbespiegelungen kennen keine Grenzen; selbst einen "Grappa di Scacchi da Scacchi-Topmodel Regina" lässt er ausschenken (11/01, 65). Fast könnte man gespannt sein, was dieses malade Hirn noch so ersinnt, um die schachmediale Aufmerksamkeit auf sich zu lenken.

Genug! Wird es reichen, den Verantwortlichen klar zu machen, dass es sich um eine Missachtung von Leser und Autoren handelt, wenn man weiterhin drittrangigen Figuren und Egomanen Raum gibt? Werden sie zudem verstehen, dass Schmierfinken wie Krystufek jegliche Achtung massenweise entzogen wird, dass sie sich öffentlich lächerlich und unglaubhaft machen, dass man bereits mit Fingern auf ihn und "Topmodel Regina" zeigt? Werden sie verstehen, dass sie ihr Blatt vollends diskreditieren, es zum Wurstblatt verkommen lassen, zur Eulenspiegelei, zur miserabel gemachten Satirezeitschrift und dass man jetzt schon über die "Rochade" lacht? Realisieren die Herren in Sömmerda, dass Leserschaft verprellt wird?

 

Dabei handelt es sich nur um sechs von zig möglichen Beispielen ganz unterschiedlicher Natur. Man hätte ebenso über eine unselige Leserbriefkultur schreiben können und darüber, wie diese präsentiert wird, oder über die "Okkasionellen Rundbriefe" (die man simplizistisch auch hätte "Gelegentliche Rundbriefe" nennen können), die Kolumne mit dem einprägsamen Namen "Buddhibalâçrita", die nun exakt vom andern Ende her den Rahmen dieses Organs sprengt, indem hochwissenschaftliche, extrem spezialisierte Randthemen, meist der Schachgeschichtsforschung, in bewusst akademischem Kauderwelsch vorgetragen werden, im äußersten Fall sogar lange und unübersetzte Zitate aus dem Schwedischen oder Chinesischen (!) enthaltend, als gehörten diese Sprachen zur Allgemeinbildung. Man hätte über einige [7] von Gerhard Schendels Artikeln sprechen können, oft ellenlang, tausendfach verästelt, die aber nicht immer einen Schachbezug aufweisen können und zudem hin und wieder diverse Verschwörungstheorien insinuieren oder über Helmut Wietecks historische Forschungen, denen offenbar gelegentlich die Akkuratesse fehlt (4/02, 92). Man hätte über die Beiträge Alfred Pörzgens schreiben können, den manche (zusammen mit Krystufek) für einen "Büttenredner und Schwätzer" (8/99, 73 und 2/00, 71) halten und der uns entweder mit Getratsch oder Skandalgeschichten (von kotzenden Großmeistern u.ä; 10/01, 94.) unterhält. Man hätte auch über eine langweilige Interview-"Kultur" sprechen können, die stets die gleichen und belanglosen Fragen zu kennen scheint. Es wären Worte über die Rubrik "Büchertipp" zu verlieren, von Buchbesprechungen, die immer zum selben Resultat gelangen, in denen – von bestimmten Rezensenten – in immer wiederkehrenden monotonen Formulierungen, so gut wie nie ein kritisches Wort über das zu besprechende Werk zu finden ist und die demzufolge vollkommen irrelevant werden, da sie dem potentiellen Leser keinerlei Anhaltspunkte für oder gegen einen Kauf geben (Gerade von Tipp also keine Spur). Ähnlich gelagert könnte man sich über die "CD-Tipps" und die Computerschachrubrik entäußern, in der Chessbase-Produkte stets so enthusiastisch besprochen werden, dass einem mitunter seltsame Gedanken kommen. (Vielleicht liegt hier der wahre Grund, weshalb gewisse Werbekunden sich die Niveaulosigkeit kritiklos gefallen lassen: man sonnt sich in den Lobhudeleien der Produktbesprechungen? [8]) Die Frage des Designs und der Bildqualität wäre diskutabel; schon vom äußeren Erscheinungsbild her macht die "Rochade" keinen besonders attraktiven Eindruck [9]. Man könnte weiterhin fragen, ob es tatsächlich notwendig ist, oft seitenlange Berichte vom letzten Turnier in Hintertupfingen zu veröffentlichen, oder ob das nicht eher in eine regionale Zeitschrift oder gar Klubzeitung gehört. Man könnte nach dem Nutzen der Veröffentlichung von verbandsinternen Streitereien und "offenen Briefen" oder von verbalen Schlagabtäuschen streitsüchtiger Leser fragen und vieles mehr.

Stattdessen eine letzte allgemeinere Frage: Legen sie sich, die Verantwortlichen der Redaktion, Rechnung darüber ab, welchen Eindruck Deutschlands größtes und damit in gewissem Sinne repräsentativstes Schachorgan in der Öffentlichkeit verbreitet, von einer Szene, die seit ihren klassischen Zeiten enorm viel Wert auf ihr Selbstbild legt, die glaubt, einer Beschäftigung nachzugehen, die das innere Potential besitzt, Menschen zu vervollkommnen und deren Eigenschaften zu veredeln und dass diese Zeitschrift dem unbedarften Leser ein genau gegenteiliges Bild vermittelt?

Es steht mehr auf dem Spiel als nur eine partiell niveaulose Zeitung. Sie ist – ob man das in Sömmerda wahrhaben will oder nicht - wesentlicher Teil der Wahrnehmung des Schachs und seiner Anhänger in der Öffentlichkeit. Diese Zeitschrift repräsentiert uns! Wollen wir, die Schachspieler, unseren Sport bewerben, Kinder und Jugendliche gewinnen, die Vorteile des Spiels auf verschiedensten Gebieten glaubhaft machen, dann brauchen wir auch eine große Zeitschrift, die auf der Höhe dieser Anforderungen steht. Die "Rochade" jedenfalls kommt in ihrem jetzigen Zustand dafür nicht in Betracht!

 

 

--- Jörg Seidel, 04.06.2003 ---


[1] Die Auflistung dieser Namen bedeutet keine Gleichstellung! Sie bezieht sich zudem ausschließlich auf das Erscheinen in der "Rochade", nicht auf weitere (schachliche oder literarische oder sonstige) Aktivitäten der Genannten, die in ihrem Wirkungsbereich tüchtige Funktionäre und vollkommen integre Persönlichkeiten sein können und in der Tat – soweit zu sehen ist - wohl meist auch sind! Sie ist zudem nicht systematisch, viel mehr – bis auf ein, zwei Ausnahmen – willkürlich und könnte m.E. um viele weitere Namen bereichert werden (womit die Prominenz relativiert wäre).
[2] Ich habe die Partie von Fritz5.32 (61s.) analysieren lassen und an Schlüsselstellen noch die Stellungsbewertung von Fritz eingefügt (grün); Kommentar Carstens ist rot.
[3] http://www.we-are-church.org/suedtirol/1-02/15.html
[4] Andrea Hafenstein bat mich seinerzeit um Rat, wie sie sich diesem Brief gegenüber verhalten solle.
[5] Was es heißt, einen Nachruf von Niveau zu verfassen, hat Stefan Löffler in seinem erstklassigen, informativen, kritischen und unterhaltsamen – ja unterhaltsamen und sogar witzigen – Artikel anlässlich des Ablebens von Ludek Pachman gezeigt! Wo der veröffentlicht ist? In "Chess"!! June 2003, S. 47ff.
[6] und es trotzdem bis auf die Titelseite der "Rochade" schaffte (Februar 1995)
[7] Die meisten seiner Artikel sind durchaus informativ und lesenswert. Aber immer wieder auch so was: Artikel über Seeungeheuer Nessie wird legitimiert durch: "….weswegen es wiederum bisher noch nicht möglich war herauszufinden ob das Monster Schach spielen kann. Schade! Es wäre eine tolle Sache, wenn dereinst einmal ein Schachmatch Nessie gegen den Rest der Welt arrangiert werden könnte". Schendel googelt gern und wenn er was findet, was ihn interessiert, dann wird der Bezug schnell hergestellt: "In Nevada zum Beispiel, nur 90 Meilen nordwestlich von Las Vegas, dem Austragungsort der letzten Schach-WM, befindet sich ein Salzsee…." (7/00, 71), und um den geht es Schendel nachfolgend, nicht ums Schach. Das erinnert an den Biologiestudenten, der sich zum Thema "Regenwurm" auf die drohende Prüfung vorbereitet und just zum Elefanten befragt wird: "Ehm, der Elefant hat einen Rüssel, der aussieht wie ein Regenwurm. Der Regenwurm ist…".
[8] Dieser erfrischende Gedanke stammt von Christian Scho. Siehe auch unser Gästebuch: http://www.koenig-plauen.de/gbook/gbook.php (Eintrag vom 5. Juni 2003)
[9] "Die "Rochade" ist die "Bild"-Zeitung unter den Schachzeitungen, sagen manche Leute. Richtig ist auf jeden Fall, dass das Erscheinungsbild eine Katastrophe ist – Texte, die man mit der Lupe lesen muss und Bilder, die einem Fotografen die Tränen in die Augen treiben. Man muss sich das nicht antun, aber unglücklicherweise hat ja nur die "Rochade" den Regionalteil mit Turnierausschreibungen und Ergebnisdienst... Die Zeitschrift "mit Anspruch und Tradition", nämlich "Schach", glänzt dagegen mit ausführlichen Turnierberichten und Hintergrundgeschichten". http://www.schachfreunde-hannover.de/literat.html


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