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PSYCHOLOGIE
7. August 2002

Munzerts "Schachpsychologie"
Die etwas andere Besprechung eines "Standardwerkes"
(in mehreren Tonarten und leider viel zu lang)

"Stellen Sie sich einmal vor, liebe Leserin bzw. Leser, Sie hätten an Bobbys Stelle mit 13 Jahren die Partie des Jahrhunderts gespielt, mit 14 vor zahlreichen Großmeistern die Schachmeisterschaft ihres Landes gewonnen und wären mit 15 Großmeister geworden! Hätten Sie es geschafft, auf dem Boden zu bleiben?"

Dr. Reinhard Munzert

 

"Aber er hat ja nichts an!"

Hans Christian Andersen

 

"Beckerath", sagte er, "ist die trivialste Existenz, in die ich Einblick gewonnen habe."

Thomas Mann (Wälsungenblut)


Inhalt

Statt eines Vorwortes (lehrreich)
Auch dieses wird vergehen (verärgert)
Zehn von Hundert (kritisch)
  1. Zitation
  2. ICH ICH ICH (Eitelkeit)
  3. Literaturverzeichnis
  4. Banalität
  5. Sprache
  6. "Psychologische Methode"
  7. Frivolität
  8. Wichtigtuerei, Besserwisserei und Größenwahn
  9. Betrug
  10. Selbstkarikatur (eine Hitparade)
Ein Fallbeispiel (ironisch, wenn nicht gar zynisch)



Statt eines Vorwortes

Diese Besprechung enthält eine gute und eine schlechte Nachricht. Die gute zuerst, sie lässt sich anhand einer Maghrebinischen Geschichte des unvergleichlichen Gregor von Rezzori gut illustrieren:

Der Großkhan hatte befohlen, alle Bücher seines Reiches zusammenzutragen. Es waren zwanzigtausend Kamellasten. Als der Großkhan diesen ungeheuren Berg von Wälzern sah, gab er seinen Gelehrten den Auftrag, alle Weisheit, die in ihnen enthalten wäre, in einem Buche aufzuzeichnen. Die Gelehrten machten sich an die Arbeit, und eines Tages traten sie vor den Großkhan und überreichten ihm das Buch. Der Großkhan wog das Buch in seiner Hand und befahl den Gelehrten, alle Weisheit dieses Buches in einen Satz zu fassen. Die Gelehrten machten sich an die Arbeit, aber soviel sie auch von ihrer Weisheit und Gelehrsamkeit darauf verwendeten, sie mussten verzweifeln. Sie bekannten es dem Großkhan, und er ließ sie alle köpfen. Darauf befahl er, in allen Provinzen, Städten, Marktflecken, Konaks und Jurten seines Landes bekannt zu machen, dass er jeden Schriftgelehrten töten lassen werde, bis nicht einer von ihnen imstande wäre, ihm den Satz zu sagen – einen Satz nämlich, der eine Weisheit enthalte, welche zu allen Zeiten und bei jeder Gelegenheit, in allen Umständen und Wechselfällen des Lebens die größte Einsicht und weiseste Tröstung enthalte. Jahre vergingen, und die Schriftgelehrten starben unter den Schwertern der Henker wie die Stallfliegen bei Frost. Davon hörte ein Asket, der in der Einsamkeit auf einer Säule lebte, und er stieg nieder von seiner Säule und begab sich vor den Herrn der Erde.
"Weißt du den Satz", so fragte ihn der Großkhan, "in dem alle Weisheit dieser Erde enthalten ist, so dass sie bei jeglicher Gelegenheit und immer, unter allen Umständen und Wechselfällen des Lebens die tiefste Einsicht und tröstlichste Tröstung ist?"
"Ich weiß ihn", erwiderte der Asket.
"So sage ihn!" befahl der Großkhan.
Darauf antwortete der Asket: "Auch dieses wird vergehen."
[1]

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Auch dieses wird vergehen

Die eigentliche Schwierigkeit der Besprechung ist es, die schlechte Nachricht zu überbringen. Problematisch wird dies immer erst, wenn die Nachricht nicht gern gehört wird oder wenn sie den allgemeinen Auffassungen widerspricht, wenn sie zudem anerkannten Autoritäten ins Wort fällt, die Urteile wie diese über Munzerts Buch fällten: "Ein Standardwerk" (Schach-Echo), "Das beste Buch zu dieser Thematik, weltweit. Umfassend und vielfältig. Eine praktische Hilfe für Turnier- und Hobbyspieler, klassische und moderne wissenschaftliche Erkenntnisse auf hohem Niveau; alles gut und verständlich geschrieben." (Großmeister Dr. H. Pfleger), "Ein äußerst lesenswertes und wichtiges Buch, das durch seine Gründlichkeit aus der Flut der Schachpublikationen herausragt." (Die Schachwoche), "Eine bestechende Synthese aus wissenschaftlichen Erkenntnissen und Schachexperten-Meinungen." (Europa-Rochade), "Ein Standardwerk...auf festem wissenschaftlichen Fundament ruhend, das Thema glänzend behandelnd." (Dr. P. Tröger), "Der Autor hat mit diesem Buch allen Schachinteressierten einen großen Dienst erwiesen." (Schaken) ...

NEIN, NEIN, NEIN und nochmals NEIN! Nichts an diesen Aussagen stimmt! Die Wahrheit ist: Es ist ein fürchterliches, ein dummes, ein niveauloses, ein eitles Buch, es ist ein Machwerk, wertlos, Unsinn, Ballast und banal, eine Schande für Autor, Verlag und unverständigen Rezensenten, es ist peinlich, lächerlich, frivol, eine Beleidigung für jeden Leser! Man muss es entweder verschweigen oder aber, leider, ausführlich und vernichtend besprechen. Und man muss sich noch mehr fragen, was denn los ist in der Schachwelt, wenn eine primitiv geschriebene Ansammlung von geklauten und schrecklich vulgarisierten Gedanken, von Nichtigkeiten und Allgemeinplätzen, jubelnd empfangen wird anstatt es im Orkus des Unsinns zu versenken. Wie weit wollen lesende Schachspieler noch sinken, wenn sie nicht erkennen, dass hier eine verwerfliche Mogelpackung bombastisch präsentiert wird, ein Sack heißer Luft, der bei der geringsten kritischen Betrachtung hätte zerplatzen müssen?

Dabei geht es mir nicht um den Autor, um ihn geht es nie, denn selbstverständlich ist es keine Sünde, Bücher zu schreiben, wie es auch keine ist, aus Holzklammern Schaukelstühle oder aus Papier Schiffchen zu basteln, aber diese dann als Kunst verkaufen wollen, oder einen Haufen zusammen gewürfelter Banalitäten als Wissenschaft, das kann man nicht hinnehmen und hier müssen Schutzreflexe bei Autoren – im Idealfall –, Verlagen, Lektoren, Rezensenten und vor allem Lesern funktionieren, denn mit der Veröffentlichung wird der Spaß, das Hobby, die Leidenschaft, plötzlich zum Politikum. Und was, die nächste Frage, ist mit unserem akademischen Betrieb los, wenn dritt- und viertklassige Kräfte akademische Laufbahnen erfolgreich einschlagen können, Doktorentitel hamstern, Lehraufträge "erfüllen"?! Wenn derartige Titel - Buchtitel und akademische Titel - Standard sind, darüber muss man sich klar sein, dann liegt das nicht am Buch oder an der Person, sondern am Standard!

Nun könnte man es dabei bewenden lassen und den Leser auffordern, sofern er sich selbst vergewissern will - denn natürlich kann man niemandem empfehlen, das Buch zu lesen -, zur "Schachpsychologie" zu greifen und mit offenen Augen zu lesen, aber da man befürchten muss, dass die bloße Diskreditierung nicht ausreicht, überzeugend zu sein, wird man sich wohl der unangenehmen Aufgabe entledigen müssen, hart an den Fakten zu zeigen, dass dieses Buch schlecht geschrieben ist, dass der Autor von Psychologie entweder keine Ahnung hat oder mit seinem Wissen hinter dem Berg hält, dass es dem Buch überhaupt an eigenen, geschweige denn originellen Gedanken nahezu vollständig mangelt, dass es sich um eine Anhäufung von vulgärpsychologischen Banalitäten und schachspezifischen Klischees handelt, die zudem zumeist nicht geistiges Eigentum des "Autors" sind, dass der "Autor" vielmehr nichts Substantielles zu sagen hat, dass er den Leser im Anspruch seines Buches irreführt und täuscht und dass es sich, alles zusammenfassend einfach um ein schlechtes Buch handelt, dessen nahezu einziger Vorteil seine Endlichkeit zu sein scheint, auch wenn man während der Lektüre einen gegenteiligen Eindruck erlangt. [2]

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Zehn von Hundert

Wo beginnen? Vielleicht einfach mit dem Anfang. Munzerts erste Sätze lauten – und man muss das ganz konzentriert lesen, um die Flachheit, an die man sich auch schnell gewöhnen kann, nicht zu verpassen, die in jedem einzelnen Satz, in jeder Aussage sich verbirgt: "Im Leben wie im Schach spielt Psychologie eine wichtige Rolle. Beides sind schwierige Herausforderungen, für deren Bewältigung psychologisches Wissen und Geschick nützlich sind. Ebenso wie im Alltag kann man auch im Schach durch etwas Psychologie mehr Freude und Gewinn haben! Es geht auch ohne sie. Aber Psychologie macht beides leichter, erspart manche Enttäuschung und verhilft zu überraschenden Erfolgen" (8). Spätestens nach diesen "Sätzen" hätte man das Buch wieder schließen sollen um es der Materialrückgewinnung zuzuführen. Aussagen dieses Kalibers füllen den Raum zwischen den schwarzen (blauen) Deckeln, sie alle vorzuführen hieße, das Buch noch mal schreiben. Das aber ist nicht nötig, da es sich selbst vorführt. "Ich habe mich bemüht möglichst alles zu sichten, was in Vergangenheit und Gegenwart, in Ost und West über Psychologie im Schach von praktischer und/oder wissenschaftlicher Bedeutung erkannt wurde" (9).

Haken wir hier einfach ein und überprüfen, was an diesen so formvollendeten Aussagen dran ist. Ein erster Verdacht schleicht sich ein: Dass der Autor, Diplompsychologe und Doktor der Psychologie noch nicht mal weiß, was Psychologie ist!! Zwar befleißigt er sich eine Definition der Psychologie zu geben und die ist, wenn auch etwas einfach, doch korrekt – immerhin ist sie ja nicht von Munzert – aber deren Sinn scheint er nicht verstanden zu haben, denn im Sinne einer Wissenschaft wird er den Begriff nicht weiter nutzen. Andernfalls hätte klar sein müssen, dass die Frage, ob Fischer ein Schachpsychologe war (23) unsinnig ist, wie er auch permanent die Psychologie mit psychologisch geschultem Handeln verwechselt (z.B. 122). Der Unterschied zwischen psychischen und psychologischen Problemen ist ihm demzufolge ebenfalls unbekannt, weshalb psychische Probleme bei ihm unter psychologischen Problemen laufen (14. Kapitel). Psychologie ist eine Wissenschaft und keine Handlungsweise, im weitesten Sinne noch eine Verfassung. Auch die Differenz zwischen Psychologie und Psychotherapie/Psychiatrie scheint ihm nicht geläufig zu sein (253), ein Umstand, der einem praktizierenden Therapeuten keine Referenz verschafft. Sein Hinweis: "Wenden Sie sich nur an Diplom-Psychologen, jeder Scharlatan kann sich Psychologe nennen, gesetzlich geschützt ist nur der Diplom-Titel, der durch ein wissenschaftliches Studium erworben wird" (69), wird plötzlich zu Warnung und belehrt uns, dass auch Diplompsychologen Scharlatane sein können und wissenschaftliche Studien ebenso wenig vor Dummheit schützen wie Gesetze.

Wer sich von Munzerts Psychologiekenntnissen vollends überzeugen will, der muss das sensationelle 17. Kapitel lesen [3], in dem der Diplompsychologe Hauptströmungen der Psychologie (Psychoanalyse, Behaviorismus, Humanistische Psychologie und Kognitive Psychologie) "erklärt" und das in den Augen eines jeden allgemein gebildeten Menschen eine Bankrotterklärung darstellen muss!! Was hier an Unterbietungsklimax sich aufbaut ist zwar typisch für dieses, aber in einem wissenschaftlichen Buch wohl einzigartig. Das ist Hauptschulniveau und selbst dort hätten es, mit entsprechenden Lexika ausgerüstet, einige besser gemacht.

Die Fakten:

1. Zitation

Dieses Buch besteht fast ausschließlich aus Zitaten. Die mögen rein materiell nicht mehr als 60 – 70 % ausmachen, ideell jedoch dürften sie sich verdächtig nahe der 100%-Marke bewegen. Mit andern Worten: Was an diesem Konglomerat lesenswert ist, stammt mit nahezu ausschließender Gewissheit nicht von Munzert, sondern sind zitierte Meinungen von kompetenteren Personen. Allerdings kann man Munzert eine gewisse Gabe, selbst aus relevanten und interessanten Texten zur Schachpsychologie nichtssagende und banale Äußerungen oder Teile davon herauszufiltern, nicht absprechen. So wird Freud in etwa mit der Aussage zitiert (158): "Das edle Schachspiel (S. Freud 1913 bzw.1982c, S. 183)" und wenig später noch (159): "das edle Schachspiel (1982c, S. 183)". Ein beliebiges anderes Beispiel (49): "Es ist genügend bekannt, wie gesundheitsschädigend Tabakwaren sind. ‚Nikotin gehört zu den stärksten Giften‘ (Hofman & Lydtin 1978, S. 237)".

Mit besonderer Vorliebe zitiert Munzert sich selbst und verweist damit von einer Banalität auf die andere. Eine ganz oberflächliche Zählung ergab auf den ersten 215 Seiten – danach habe ich entnervt aufgegeben – sage und schreibe 450 Zitate, wovon 28 auf eigene Texte verweisen – in den abschließenden Kapiteln zitiert er sich ausschließlich selbst, ja er entblödet sich nicht, aus eigenen Werken "in Vorbereitung" zu zitieren bzw. auf diese zu verweisen. Manche Zitate umfassen ganze Seiten. Das 18. Kapitel besteht nur aus Zitaten, wenn man mal Kommentare wie: "Der Dichter Jean Paul schrieb ...", oder: "noch deutlicher äußert sich der Großmeister Milan Vidmar" usw. nicht als eigenständige Leistung betrachtet. Das Buch ist also auch im Titel irreführend und man hätte einiges verziehen, wenn es denn als "Zitate zu Schachpsychologie" o.ä. erschienen wäre und Munzert sich als Herausgeber statt Autor zu erkennen gegeben hätte. Nicht genug damit, arbeitet der Schachpsychologe ausgiebig mit Doppel- und Dreifachzitationen. Insbesondere seine beiden Interviews mit Karpow und Kasparow werden bereits im Haupttext fast vollständig zitiert. Man hätte sich gut 80 Seiten sparen könne ohne dieses verwerfliche Schema. Aber ein Mensch wie Munzert, das kann man problemlos und "psychologisch" schlussfolgernd unterstellen, muss einfach dicke Bücher schreiben, um sich wohl zu fühlen und er verpasst auch nicht die Gelegenheit darauf hinzuweisen, bereits über 40 (OH OH!) Publikationen zur Schachpsychologie vorweisen zu können. Nicht der Rede wert, dass es sich auch hierbei um vielmaliges Aufkochen eines dünnen Süppchens handelt.

 

2. ICH ICH ICH (Eitelkeit)

Es sollte genügen, einen einzigen Satz zu erwähnen (125): "In der modernen Persönlichkeitspsychologie wird betont, dass es bei jedem Menschen neben relativ stabilen Eigenschaften auch Persönlichkeitsmerkmale gibt, die überwiegend situationsabhängig sind (vgl. Munzert 1983)". Dieser Satz ist gut genug, um u.a. im Abschnitt Banalität seinen Platz zu finden, denn natürlich handelt es sich um eine "Erkenntnis", die so alt ist wie das Denken des Menschen über sich selbst, und Munzert hätte hier auch Homer, Platon, Theophrast..., jeden x-Beliebigen einsetzen können, aber wir wollen das Augenmerk vor allem auf die Identifikation von "moderner Persönlichkeitspsychologie" und Munzert lenken. Man muss befürchten, dass der Mann meint, was er sagt, er glaubt sich tatsächlich als wichtigen Vertreter der modernen Psychologie (vgl. etwa Munzert: Der Steppenwolf und die moderne Psychologie http://www.gss.ucsb.edu/projects/hesse/papers/ munzert.pdf).

Diese peinliche Selbstüberschätzung äußert sich bis ins kleinste Detail. So verpasst er keine Gelegenheit, seine Rolle am Zustandekommen der Karpow- und Kasparowinterviews zu betonen. Jeder halbwegs um Objektivität bemühte Wissenschaftler hätte daraus neutral zitiert, nicht aber Munzert, der immer wieder betonen muss, wie bedeutsam seine Interviews seien (217), so dass am Ende der Eindruck entsteht und wohl auch entstehen soll, dass nicht wichtig ist, was die beiden Weltmeister sagen, sondern ihm sagen, der sich hier eine quasisokratische Stellung einräumt und die bedeutungsschweren Worte den Meistern erst aus dem Mund zieht. Immer wieder liest man: "Kasparow hat mir gegenüber auch erwähnt...", "...äußerte in einem Gespräch mit mir", "...wie er mir gegenüber angedeutet hatte" usw. (235, 240, 99, 191 u.v.a.). Es gibt lange Passagen in diesem Text, in denen in jedem Satz das Wort "Ich" vorkommt, das, man muss diese Selbstverständlichkeit offensichtlich noch einmal betonen, in einem wissenschaftlichen Text nichts zu suchen hat, denn darin sollte es um eine Sache und nicht um die Meinung eines Autoren, geschweige denn um diesen selbst, gehen. Aus diesem Buch jedoch schreit ein einziger für den Leser unerträglicher Gedanke laut hervor: "Ich bin Psychologe, Diplompsychologe und das ist das Höchste, was man erreichen kann. Ich bin ein Riese auf diesem Gebiet; schaut alle auf zu mir..." Ein beliebiger Blick in das Literaturverzeichnis bestätigt den unangenehmen Eindruck (übrigens in allen Munzert-Texten, die mir zugänglich waren). Ach, wie er es liebt, seinen Namen gedruckt zu sehen und da zu befürchten steht, dass sein Name in anderen Büchern nicht auftauchen wird - eine Befürchtung, die sich rätselhafterweise nicht bewahrheitete; Munzert wird tatsächlich zitiert, man muss sich das vorstellen -, so lässt er ihn in seinem eigenen Buch um so öfter verewigen.

 

3. Literaturverzeichnis

"..carries an impressive 18 page bibliography", merkte das British Chess Magazine an und Munzert ist eitel genug, diesen doppeldeutigen Satz stolz in seine Selbstlobesorgie aufzunehmen (390). Wäre er etwas heller, so hätte er den typisch englischen Spott verstanden. Schaut man sich dieses "beeindruckende" Literaturverzeichnis genauer an, so wird schnell deutlich, dass auch hier ernsthafte Zweifel an des Verfassers Fähigkeiten und Kompetenzen angebracht sind. Aufgeführt werden ca. 360 Titel, davon dürfte die Hälfte Zeitungsartikel sein. Hin und wieder wird ein Buch mehrfach zitiert. Besonders interessant aber ist der Anteil an psychologischer Fachliteratur, der grob überschlagen, etwa ein Viertel ausmacht. Dabei handelt es sich zum einen um einige meist einführende Grundlagenwerke der Psychologie (Maslow, Zimbardo, Watson, Skinner), Lexika und populärpsychologische Texte, kurz: Grundstudiumsliteratur für das erste Studienjahr, und auf der anderen Seite um Munzerts Ergüsse selbst, genau genommen um 23 Titel. Und da ist alles aufgeführt, was der gute Mann je von sich gegeben zu haben scheint, inklusive verschiedener Varianten, Auflagen, unveröffentlichten "Werken", Tagungszusammenfassungen etc. An eigentlicher psychologischer Forschungsliteratur ist das Verzeichnis praktisch verwaist. Hier will jemand mit großem Tamtam Wissen und Bildung simulieren und stellt sich doch selbst, wenn man hinter die Kulisse schaut, ein Armutszeugnis aus. Als wissenschaftliche Arbeit an einer Hochschule hätte der Text schon aus diesem Grunde keine Chance angenommen zu werden - wenn an unseren Hochschulen alles in Ordnung wäre.

Um nicht ungerecht zu sein: Selbstredend sind in der Literaturliste interessante Literaturempfehlungen vorhanden, das Buch hat auf 18 Seiten als Bibliographie einen gewissen einführenden Wert.

 

4. Banalität

Man muss sich leider wiederholen, aber das kann in einem an sich banalen "Werk" gar nicht anders sein. Von ein paar Allgemeinplätzen abgesehen, erfährt der Leser, wie gesagt, nichts. Besonders offenbarend ist folgender Satz: "Entgegen manchen herkömmlichen Vorstellungen bestehen nämlich zwischen Gedanken und Gefühlen deutliche Beziehungen bzw. Wechselwirkungen. Einerseits können durch Gedanken Gefühle entstehen und andererseits beeinflussen Gefühle wiederum das Denken" (91).

Munzert gesteht seine banale wissenschaftliche Existenz auch sprachlich ein, was eher seine linguistischen Grenzen aufzeigt, denn einen Akt von Selbstkritik; hunderte Male beginnen seine Sätze mit Floskeln wie: "Bekanntlich ist...", "Es ist kein Geheimnis...", "Offensichtlich ist...", "Es ist bekannt..." usw. und tatsächlich ist alles, was folgt, bekannt und einer Explikation nicht würdig. Wozu dann das Ganze, wozu derartige Aussagen?: "Ohne Zweifel findet im Elektronengehirn Informationsverarbeitung statt. ... Bekanntlich fehlen Computern wesentliche Aspekte menschlichen Denkens bzw. menschlicher Leistungsfähigkeit, vor allem Intuition und Kreativität, wie sie die Spielweise von erfolgreichen Schachspielern häufig auszeichnet." Dass es sich nicht um verbale Ausrutscher, sondern um Stumpfsinn mit Methode einer Beckerathnatur handelt, zeigt die Fortführung dieses "Gedankens": "Zweifellos finden, d.h. berechnen auch Computer ‚kreative Züge‘, aber im allgemeinen auf völlig andere Weise, als dies bei vielen Schachspielern der Fall ist, die gute Möglichkeiten oft intuitiv entdecken. Natürlich lassen Computer auch die Berücksichtigung und Anwendung psychischer bzw. psychologischer Aspekte außer Acht. Insgesamt bestehen zwischen den Berechnungsweisen von Schachcomputern und menschlichem Schachdenken noch mehr Unterschiede als Gemeinsamkeiten. Die künstliche Intelligenz oder gelegentliche Dummheit von Schachcomputern unterscheidet sich bislang also weitgehend von menschlichen kognitiven Prozessen sowie deren Stärken und Schwächen" (328f.). Bitte, man zeige uns den Informationsgewinn dieses halbseitigen Abschnittes! Da werden Selbstverständlichkeiten mit wichtigtuerischer Geste aneinandergereiht, als ob er gerade das Rad erfunden hätte, ohne scheinbar von der Absurdität des Vorganges etwas zu ahnen (sollte man etwa Mitleid mit Munzert haben?). Munzert hält dieses Geplapper übrigens für Forschung, mehr noch, er glaubt sich an der Spitze der forschenden Bewegung und ist von der Zeitlosigkeit seiner Aussagen überzeugt: "Der Verfasser schrieb 1988 den ersten Artikel zu dieser Thematik; er wird nachstehend unverändert wiedergegeben" (326). Nun, da haben wir wenigstens den Erkenntnisgewinn: Die "gelegentliche Dummheit von Schachcomputern unterscheidet sich also bislang" doch nicht "von menschlichen kognitiven Prozessen", zumindest nicht von denen des Dr. Munzert und wenn doch, dann ist es die Permanenz auf menschlicher Seite, die den Computer immer gut aussehen lässt. Es bedürfte dazu keiner weiteren Beweise, aber die Schlussfolgerung aus Munzerts Überlegungen zum Neuro-Schachcomputer sind einfach zu putzig, um unterschlagen zu werden: "Neuro-Schachcomputer könnten also in mancherlei Hinsicht tatsächlich menschenähnlicher ‚denken‘. Jeder Schachfreund mag selbst erkennen, ob er diese Entwicklungen mit Freude und Ungeduld erwartet oder mit Entsetzen befürchtet. Letzterem wird es ein Trost sein, dass alles auch ganz anders kommen kann" (331).

Selbst auf die Gefahr hin, diesen ennuyierenden Abschnitt über die Verträglichkeitsmaßen auszudehnen, sollte man noch ein paar Worte zur "Methode" der Langeweileerzeugung des Autors verlieren, besser zu einer Methode, denn wenn das Spektrum des Buches reich ist, dann in der Fähigkeit zu langweilen. Eine bevorzugte Strategie ist die ideenleere Wiederholung - in Munzerts Augen "Erläuterung" - einer soeben zitierten Aussage. Karpow etwa schrieb: "Das psychologische Element ist für unser Spiel besonders wichtig geworden. Sich selber und den Gegner zu verstehen, dieses Wissen in konkreten Situationen zu benützen, zum Beispiel irgendwo der stärksten Fortsetzung auszuweichen oder den Gegner in eine ihm nicht liegende Stellung zu locken, alles das ist Psychologie, und sie wird immer wichtiger im Schachkampf." Munzerts direkt anschließender Kommentar: "Im Wettkampfschach spielt Psychologie bekanntlich eine wesentliche Rolle. Die obige Aussage Karpows unterstreicht dies" (13). Gleich darauf widerfährt Kasparows interessanter Äußerung - was hätte ein Psychologe da nicht daraus machen können! - das gleiche Schicksal. Aus: "Alle Fehler im Schach beruhen auf Mängeln des Charakters. Vielleicht sollte ich besser sagen, Merkmale des Charakters, weil es nicht immer unbedingt Mängel sind. Auch sind Schwierigkeiten nicht unveränderbar. Schwierigkeiten, die man zeitweilig beim Schach hat, können vorübergehen.", holt Munzert in einem tapferen Akt angestrengten Denkens heraus: "Der Weltmeister macht deutlich, dass man deshalb ständig selbstkritisch an seinen Unzulänglichkeiten arbeiten sollte; er selbst gibt übrigens ein ausgezeichnetes Beispiel dafür" (14). Aber es gibt auch Leute, die dazu nicht fähig sind. Wie sonst ist zu erklären, dass wenige Zeilen später, mit demselben Verfahren Krogius vulgarisiert wird? "In der Praxis ist jeder Schachspieler", schreibt Krogius, "ein Psychologe, wenngleich er das mitunter selbst nicht bemerkt". – "Diese Behauptung", schließt unser Doktor bestimmt und nahtlos an, "Diese Behauptung eines Großmeisters und Schachpsychologen ist in bestimmter Hinsicht sicherlich zutreffend. Fast alle Spieler kennen und beachten psychische bzw. psychologische Elemente des Schachs. Was ist eigentlich Psychologie?" (16), fällt ihm dann plötzlich, noch immer nahtlos, ein. Ja, darüber hätte er sich vorher Gedanken machen sollen.

Wer noch kann, für den noch ein letztes Aperçu zur Krisenbewältigung: "Allgemein lässt sich in aller Kürze zur ‚Bewältigung‘ von Krisen folgendes sagen: Entweder man zerbricht daran oder man meistert sie..." (252). Geht noch einer? Okay! "Blinde Schachspieler - nicht zu verwechseln mit Blindschachspielern - nehmen Informationen über das Spielgeschehen mit dem Tastsinn ihrer Hände auf (vergl. Bruschlinski & Tichomirow 1975, Kap. VI)" (181).

 

5. Sprache

Die sprachliche Bandbreite Munzerts bewegt sich, pointiert ausgedrückt, zwischen der eines Kindergartenkindes und einer Kindergärtnerin: "Auto, da, Brumm brumm" und "So liebe Kinder, jetzt fasst euch schön artig an den Händen". Erstem gleicht sein Weltzugang (Kasparow sagt = große Wahrheit = meine Wahrheit = aufschreiben), letzterer der naiv-belehrende Ton (Nein, mein Junge, das macht man nicht, ohne Entspannungsmethode in den Weltmeisterschaftskampf zu gehen). Ähnlich didaktisch lesen sich die Empfehlungen an den Leser: "Lassen Sie sich nicht durch Ihre Erfolge blenden und bleiben Sie Ihrer gewohnten Spielweise treu" (151) und: "Pass gut auf!" (101). Instinktiv scheint er zu wissen, dass dies nicht ausreicht und mischt ein bisschen Wissenschaftsjargon unter oder besinnt sich auf seine poetische Ader, was zu Hybridgestalten wie diesen führt: "Doch nun zum Duell der Gehirne und Nerven nach Sevilla. Hier gingen sie wieder aufeinander los mit Läufern und Türmen, mit Überraschungen und Pfeilen, die nicht die Springer, sondern die Psyche des Gegners treffen sollten" (248). Oder: "Der Leser mag selbst urteilen, ob er Fischers Verhalten als eigensinnig und rechthaberisch oder verständlich und angemessen betrachten will" (265). Selbstwidersprüche und Begriffsverfehlungen sind da kaum noch überraschend. So reißt er mit dem Hintern ein, was die linkischen Hände aufgebaut haben: "Diese Weltmeisterschaft zeigte überdies, dass der Versuch - aufgrund überwiegend psychologischer Informationen, Erfahrungen und Intuition - Voraussagen über Verlauf und Ergebnis des Wettkampfes vorzunehmen, durchaus zu vertreten ist. Bei diesem Versuch habe ich zumindest Glück gehabt" (243).

Ein Lehrstück sprachlicher Armut stellt das "Psychologische Portrait über Robert (Bobby) James Fischer" dar.

Psychologisches Gespür und sprachliche Finesse paaren sich glücklich in derartigen Einsichten: "Die Frage: Soll man beim Schachspiel den Mann bekämpfen oder die Figuren? - kann man wohl so beantworten: Am besten beides!" (123). Am besten keines, Herr Doktor, am besten keines! Ähnlich gelagert ist der folgende Fall: "Nehmen wir einmal an, ein Schachspieler, der stark unter Angst leidet...", sollte mit dem Schach aufhören, möchte man instinktiv fortsetzen, nicht aber Diplompsychologe Munzert, der nun beginnt, ein paar Pflästerchen zu verteilen, ohne zu bemerken, dass der Begriff der "starken Angst" viel zu heftig ist; er würde, wenn er denn berechtigt wäre, das Schachspiel als Ganzes in Frage stellen. Psychologisch interessant und das eigentliche Problem wäre dann, dass das Schach dazu führen kann, immer unter starker Angst zu leiden. Munzert sagt in seinem Buch, in allen seinen Texten, nichts, und auch dieses schlecht und falsch.

 

6. "Psychologische Methode"

Ein schachpsychologisches Buch kann sich, wie jedes psychologische Werk, dreier Methoden bedienen: Es kann empirisches Material (Experimente, Befragungen, Beobachtungen) sammeln und diese auswerten, so wie es Binet, de Groot, Ferschinger, Festini/Liccione, Heyken u.a. taten; es kann Introspektion und Eigenerfahrungen, Gedächtnisprotokolle u.ä. nutzen und diese mithilfe psychologischer Paradigmen und gesundem Menschenverstand interpretieren (Benkö, Krogius, Webb, Holloway) und schließlich kann es sich auf die Schachpartie konzentrieren, um hierin psychologisch relevantes Material ausfindig zu machen (Pezzi/Diversi, Hübner, Suetin). Munzert allerdings entdeckt eine vierte Methode und schlägt damit allen ernsthaften Forschern öffentlich ins Gesicht: Er nimmt sich einen Haufen Literatur, pinselt daraus ab, was er versteht und versieht dies mit einigen Anmerkungen, die meistens nichts anderes sind als die verbale Verdopplung des gerade Zitierten. Dabei verwechselt er die Wissenschaft Psychologie permanent mit dem vulgärpsychologischen Missverständnis und Klischee, das in der Psychologie die Kunst vermutet, die Gedanken des anderen erraten und lesen zu können. Die unerträglichen "psychologischen Portraits" stellen hierin die hohe Schule dar. So versteigt er sich doch tatsächlich zu Äußerungen wie dieser: "Schachpsychologische Forschung zu betreiben ist oft interessant und nicht immer einfach" (253), die der Sache nach ja nicht falsch ist, aber in Munzerts Munde eine unglaubliche Impertinenz darstellt, denn weder betreibt er Forschung in irgendeiner Form - daran ändert auch nichts, dass er sein Geschwätz dafür hält -, noch kommt auch nur ein einziger interessanter Gedanke zu Tage. Stattdessen sammelt er ein paar Zitate, in denen das Wort Psychologie vorkommt und glaubt, damit psychologisch geforscht zu haben. Trifft er dann auf inhaltliche Probleme, etwa der Widersprüchlichkeit derart "erforschter" Äußerungen, so kann man mit Sicherheit darauf wetten, dass er diese Widersprüche im Handumdrehen beseitigt, indem er erklärt, man müsse darüber ja nicht streiten, sondern könne doch alle Meinungen zugleich gelten lassen. Schließlich haben doch alle irgendwie recht und alle irgendwo auch nicht. So steht am Ende: Friede, Freude, Eierkuchen und Doktor Munzert hat es wieder mal gerettet. Und wer behauptet, um ein bescheidenes Beispiel zu wählen, dass Psychoanalyse, Behaviorismus, Kognitionspsychologie und Humanistische Psychologie antagonistische Menschenbilder beinhalten würden, der ist einfach noch nicht auf die einfach geniale Idee zu kommen, alle mit einem Wechselpfeil miteinander zu verbinden und schon ist das Problem gelöst (vgl. 365). Man könnte diese Methode mit dem im munzertschen Zusammenhang etwas hochgreifenden Begriff der Dialektisierung bezeichnen, einem Versuch, alles mit allem in Verbindung zu bringen und dies als inhärente Dialektik zu verkaufen. So entstehen große Sätze eines kleinen Geistes: "Das Schach ist ein Spiegel des Lebens und das Leben ein Spiegel des Schachs" (320). Man möchte diesem Zauberlehrling zurufen: "Herr die Not ist groß! Die ich rief die Geister, werd‘ ich nicht mehr los." Wenn sich mit dieser Universaldialektik alles erklären ließe, Herr Munzert, so lässt sich eben nichts mehr erklären! Und was hier dreist behauptet wird, als Ende einer nicht vorhandenen Ableitung, sollte der eigentliche Untersuchungsgegenstand sein. Aber ein Denker dieses Kalibers fragt nicht mehr, sondern gibt nur noch Antworten. Die sind aus intrinsischen Gründen aber sinnlos, da sie in ihrer Allgemeinheit schlichtweg auf alles anwendbar sind: "Der Mensch gestaltet das Spiel, aber gleichzeitig beeinflusst das Spiel wiederum den Menschen. Dieser wechselseitige Prozess birgt eines der Geheimnisse des Schachs", orakelt er denn aufs Neue.

Am deutlichsten wird diese Augenauswischerei im gewichtig daherkommenden "SCHACH-Process-Model", dessen Gewichtigkeit sich schon im Sprachmix äußert. Es ist offenbar für den internationalen, interkulturellen, interwissenschaftlichen, wahrscheinlich auch intergalaktischen Gebrauch geschrieben. Was verbirgt sich dahinter? Nun, eine kleine Wortspielerei, nichts weiter, die noch nicht mal auf Munzerts Mist gewachsen ist. Vom SEEK-Modell Holdings (SEEK = Search Evaluate Know) überträgt er das Prinzip, wie alles, was ihm über den Weg läuft, im Verhältnis 1 : 1 auf das Schach und kommt mit dem überraschenden Ergebnis hervor (Schritt 1):

S Sinneswahrnehmung
C Chunks und Patterns
H Hypothesen und Ideen
A Akte einer Partie bzw. Position
C Cognitive (sic!) Analyse
H Handeln

Schritt 2 besteht dann in der allzeit bewährten "Dialektisierung", d.h. alles wird mit allem verbunden, und, Abrakadabra, schon hat man ein wissenschaftliches Modell, mit dem man sich auf internationalen Kongressen blicken lassen kann. Vermutlich hatte Munzert irgendwann mal ein Buch über Buchstaben- oder Zahlenmystik in der Hand, fand die darin abgebildeten Schemata "so interessant", "so verwirrend und geheimnisvoll" also "so wissenschaftlich" und spielt nun in seiner vulgären Art ein bisschen damit rum. Und seien wir mal ehrlich, sehen solche Wortungetüme auf den ersten Blick nicht tatsächlich vielversprechend aus, sind nicht in jedem Psychologiebuch, selbst in den Einführungswerken, in die Dr. Munzert seine Nase gesteckt hat, ähnlich komplizierte Diagramme, Tabellen und Schemata? S-C1-H1-A-C2-H2 wird zu S-C1-A-H1-C2-H2 oder gar S-A-C1-H1-C2-H2. Allerdings ist er nicht auf folgende geniale Idee gekommen: S-C2-H2-A-C1-H1. Dafür brodelt anderes Gebräu in seiner pseudoalchemistischen Küche des Unsinns.

S S S S
C1H1 C1 C1H1C2 C1A
A A A H1A
C2 H1C2 H2 C2A
H2 H2 H2

 

Oder, um die "relative Bedeutung oder Intensität der einzelnen Phasen zu betonen", kann man das noch mit Plus- und Minuszeichen kombinieren:

S-C1+-H1+-A-C2-H2

Und so weiter, und so weiter, der Phantasie sind da keine Grenzen gesetzt; man kann den Leser nur ermutigen, sich an der Forschung, an der Wissenschaft, an dieser Psychologie fürs Volk, zu beteiligen. Zeigen Sie es auch Ihren Kindern - ab 3 Jahre -, Sie werden staunen, was in diesen kleinen Köpfen schon an Forschergeist und Wissenschaftsverständnis herrscht.

Ein Einblick in die alchemistische Hexenküche. Wissenschaft la Munzert pur.

Der Gipfel der Unverfrorenheit ist allerdings der "Schachpsychologie-Förderpreis", den Dr. Munzert ausschreibt und der mit 1000 DM dotiert ist. Man kann ihn u.a. erhalten für "Anmerkungen und Kritik zum ‚Schach-Prozess-Modell'. Dieses Modell stellt eine Zusammenfassung und Weiterentwicklung aller wichtigen psychologischen Erkenntnisse und Aspekte zu schachlichem Denken, Fühlen und Handeln dar" (316), so belehrt uns der generöse Stifter im typisch bescheidenen Ton.

Hiermit werde ich mich mit meiner Weiterentwicklung und Kritik des Modells für diesen Preis bewerben und verspreche, die 1000 DM für einen guten Zweck - den Aufkauf der verruchten vierten Auflage des Buches "Schachpsychologie" und deren umweltgerechte Entsorgung - aufzuwenden. Dies ist der Vorschlag:

S Schwachsinn
C Catastrophe
H Humbug
A Armseliger Wurm
C Cheating
H Herr im Himmel hilf!

Was nun die Kombinationen der einzelnen Bestandteile betrifft, so möchte ich das der Phantasie des Lesers selbst überlassen.

Dass wir es mit einer enorm verkürzten Vulgär- und Populärpsychologie zu tun haben - die Vulgär- und Populärpsychologen mögen die Zuordnung verzeihen -, dürfte auch dem Vorletzten - beim Letzten kann man sich nicht sicher sein - klar geworden sein. Was er an Psychologie präsentiert, sind ein paar nichtssagende Ratgebungen für die Stresssituation Schachspiel und wer solche Ratschläge tatsächlich braucht, der mag an dem Buch etwas finden. Die sich dahinter versteckende Idee der Glücksversprechung (Spielstärkeverbesserung) scheitert schon an dem Fakt, dass jeder es lesen könnte. Dazu kommt, dass alles schon mal da war; Munzerts einzige Stärke im Herleitungs- und Beweisprozess ist der Autoritätsbeweis, den er ausgiebig nutzt, ohne auch nur im Ansatz zu begreifen, dass der Autoritätsbeweis eben nur eines beweist: die Autorität. Und wenn Lasker sagt, eine Schachpartie sei ein psychologischer Kampf, dann ist das für eine einfach strukturierte Seele so, weil Lasker es sagt, und wenn Suetin sagt, Rauchen und Alkohol seien schlecht für den Schachspieler, dann ist das in Munzerts Sicht so, weil Suetin es sagt. Darüber hinaus befleißigt er sich nicht ein einziges Mal, einen wirklichen Beweis, ein Beispiel etc. zu bringen, ja noch nicht einmal zur Kritik einer der Autoritäten ist er in der Lage. Wenn Hübner der laskerschen Äußerung widerspricht, dann haben eben beide Recht und es handelt sich demzufolge um ein wechselseitiges Problem.... Der Kreis ist geschlossen.

 

7. Frivolität

Nach einer treffenden Äußerung Jacques Derridas, besteht die Frivolität darin, "sich mit Spielmarken zufrieden zu geben. Sie entsteht mit dem Zeichen" - d.h., dass sie ihm von Beginn an eingepflanzt ist - "oder vielmehr mit dem Signifikanten, der nichts mehr bedeutet, ergo nicht mehr signifikant ist" (und also bedeutungslos). "Der Signifikant, der leer, unbesetzt, morsch, unnütz ist" [4] (114). "Die Frivolität...besteht darin, zu reden, um zu reden, gegenstandslos, nichtssagend" (126). Sie besteht in der unsinnigen Verdopplung des Seins und des Textes. Wenn also das Offensichtliche verbalisiert wird ohne inneren Sinn, dann ist das frivol und umso peinlicher, wenn dieses verbal verdoppelte Sein der eigene Text selbst ist. Auch hier wird aus aller Evidenz nur eine Spitze des Eisbergs sichtbar gemacht, denn schließlich wollen wir selbst Frivolität vermeiden.

Kapitel 16 etwa ist überschrieben: "Nach Sieg und Niederlage", die erste Unterüberschrift der Kapiteleinteilung lautet: "Psychische Situation nach einem Sieg", schließlich glaubt Munzert noch klären zu müssen: "Im folgenden möchte ich auf psychologische Aspekte nach Siegen und Niederlagen eingehen" und lässt dem schließlich die zweite Unterüberschrift folgen: "Psychische Situation nach einem Sieg". Das alles nimmt den Platz einer halben Seite ein. Besagtes Kapitel "Psychische Situation nach einem Sieg" besteht nun aus folgender Mitteilung: "Man muss Schachspielern nicht erklären, wie angenehm und befriedigend ein Schacherfolg ist. Ein Sieg beflügelt natürlich, gibt gute Stimmung und erzeugt Selbstvertrauen. Was kann es Ermutigenderes geben, als einen Sieg am Beginn eines Turniers oder Wettkampfes?" – Kapitelende!!!

Sichtbarstes Zeichen der munzertschen Frivolität sind die ständigen internen Querverweise, mit denen er eingesteht, immer und immer wieder dasselbe, und nur manchmal mit anderen Worten, zu sagen. "Wie in diesem Buch bereits aufgezeigt wurde..." beginnt - so oder ähnlich - folgerichtig der eine oder andere Abschnitt und tatsächlich wagt es der selbsternannte Wissenschaftler, noch einmal denselben Stuss zu erzählen. So beleidigt er seine Leser durch unendliches Wiederholen seines revolutionären Gedankens, Stresssituationen während der Schachpartie mithilfe des inneren Gesprächs zu bewältigen, etwas, was jeder normale Mensch tagtäglich macht und diese Weisheit trägt er vor sich her wie ein eitler Pfau sein Rad, präsentiert sie über zwei Dutzend mal und wahrscheinlich noch öfter. Immer wenn ein Problem auftaucht, dann wird das Geschwätz von der inneren Rede, den positiven Gedanken etc. angezettelt und man mag sich fragen, weshalb Dr. Munzert seinen Gedanken nicht innerhalb dieses hermetischen Bereiches behalten hat? Irgendwann erreicht er dann sein Ziel; die innere Stimme des Lesers meldet sich lautstark zu Wort, anfangs mit destruktiven Äußerungen - "Nein, ich halte das nicht mehr aus!, "Wieviel Dummheit verträgt der Mensch?", "Ich werfe das Buch jetzt in den Ofen..." -, später, entsprechend der munzertschen Leere, mit positivem Denken: "Halte wacker durch, starke Seele", "Nur Mut Männer, ich sehe Land" und schließlich: "Es ist vollbracht, Mama ich lebe!!"

Gipfelpunkt der Frivolität ist die Aussage auf Seite 233 (sic!) - unglaublich, aber wahr: "Es ist allgemein bekannt, dass psychologische Faktoren eine ganz wesentliche Rolle beim Schach spielen (siehe z.B. Krogius 1983, Munzert 1984 c)".

 

8. Wichtigtuerei, Besserwisserei und Größenwahn

Das Interessante am Größenwahn ist, dass meistens nur Zwerge von ihm befallen werden. Wirkliche Größe weiß um ihre Grenzen. Munzerts Größenwahn äußert sich dreierlei: es ist erstens der umfassende Anspruch, den er seinen "Forschungen" zuspricht. Nichts zeigt dies deutlicher, als die Vereinigungsbestrebungen der gesamten Psychologie und der Glaube, dies bereits geleistet zu haben. Zum zweiten, ist es der Originalitätsanspruch, den er lauthals stellt. Immer wieder behauptet er, zum ersten Mal, weltweit selbstredend, dieses und jenes geleistet zu haben, sei es nun die "psychologische Voraussage" über den Ausgang des WM-Matches, oder die bahnbrechenden Arbeiten über neueste Entwicklungen in der Neuro-Computertechnik, oder die erstmalige Vereinigung der zerstrittenen psychologischen Schulen usw. Wenn man alles kritisieren und revolutionieren will, so muss man auch alles kennen und das scheint bei Dr. Munzert gegeben zu sein, denn keiner kennt die 27 weisen Schriften des Dr. Munzert besser als er selbst.

Drittens schließlich ist es der Wagemut, gegen Windmühlen zu kämpfen, den zu betonen er keine Gelegenheit auslässt (172, 231, 233 u.a.). Gern gefällt er sich auch in der Pose des Richtungsweisenden: "Das eben Gesagte", entblödet er sich nicht zu schreiben, "möchte ich auch als Anregung und Aufforderung zu weiterer integrierter Forschung verstanden wissen!" (194) und wenn das zweitrangige Psychologenvolk, so wird er sich insgeheim sagen, diese wegweisenden Aufforderungen nicht versteht, dann ist es nicht seine Schuld. Er hat, so lehnt er sich mutmaßlich jeden Abend zufrieden im Sessel zurück, er hat seine Pflicht getan. Was Dr. Munzert von den anderen hält, das offenbaren Äußerungen wie diese: "Wie Kasparow empfohlen hat, sollte man nach einer Niederlage Dinge tun, die einem Spaß machen (z.B. ins Kino gehen, etwas Gutes essen, mit Freunden zusammen sein)" (153). Hier zeigen sich zum einen hündischer Autoritätsglaube und zum anderen das mangelnde Zutrauen, dass der Leser selbst in derart primären Bereichen die Hilfe des Herrn Dr. benötigt.

 

9. Betrug

Unwissenheit schützt vor Strafe nicht; ob Munzert wissentlich blendet - wenn der Euphemismus gestattet sei - oder ob es jenseits seiner Möglichkeiten liegt, die intellektuellen Abgründe aller seiner Texte auszuloten, kann hier nicht entschieden werden. Für beide Annahmen gäbe es starke Gründe. Die Abgründe selbst werden überdeutlich, sobald man nur die wissenschaftliche Immunität aufhebt, die er sich zum einen selbst verleiht, die institutionell allerdings, und das ist das wirklich Bedenkliche, durch Doktortitel und akademische Funktion, legitimiert ist. Wir können hier nur über die moralische und intellektuelle Legitimität sprechen.

Das Buch trügt mit seinem initialen Glücksversprechen - die sprachlichen Ungeschicklichkeiten lassen wir nun unbeachtet. "Dieses Buch hilft Ihnen, mental in Form zu sein!" (5), behauptet er selbstbewusst und es dürfte mittlerweile klar sein, dass diese Aussage zu relativieren ist. Die Relativierung hätte übrigens von ihm selbst erfolgen müssen, indem er der Versprechung einen konjunktivischen Charakter verliehen hätte. Weiter: "Auch zur psychologischen Spielweise gegen Rivalen, die Ihnen am Brett gegenübersitzen, bekommen Sie psychologische Tipps. Dieses Buch kann Ihnen helfen, Ihr bestes Schach zu spielen" (5). Nun, wie ist sich ein Mensch vorzustellen, der nach der Lektüre dieses Buches zu seinem besten Schach findet? Das können doch nur kongeniale Geister sein, oder? Gesetzt den Fall, es wäre so, wie Dr. Munzert meint, und das Buch könne hilfreich sein, so scheitert dieses Versprechen immer an der Verfügbarkeit, denn auch mein "Rivale" könnte sich der Hilfe des Buches bedienen. Sich psychologisch wappnen, mit oder ohne Munzert, mit oder ohne "psychologische" Tricks, heißt zudem immer, den Gegner psychisch beeinflussen zu wollen, meine psychischen Probleme die seinen werden lassen, eröffnet also vor allem moralisch zu diskutierende Überlegungen; einer Aufgabe, der sich Munzert mit keiner Silbe widmet. Unausgesprochen wird ein Recht des Stärkeren propagiert.

Aber das Buch versucht auch per definitionem eine Täuschung, nämlich als Munzerts Buch zu gelten und doch in wesentlichen Bestandteilen nichts anderes zu sein, als eine Anthologie von mehr oder weniger relevanten Äußerungen dritter. Daran ändert auch Munzerts peinliche Rechtfertigung nichts: "Das bringt natürlich mit sich, dass viel zitiert wird. Dies liegt nicht an einer Zitiersucht, sondern an meinem Bestreben, die jeweiligen Autoren mit ihren eigenen Worten sprechen zu lassen, was stets das Korrekteste ist. Wenn Sie Zitate jedoch nicht mögen, ersparen Sie sich besser dieses Buch" (9). Der Leser war gewarnt! Zumindest, so möchte man schnippisch antworten, sind es tatsächlich die Zitate, die Anspruch auf Korrektheit erheben können und, Herr Munzert, wir mögen Zitate, aber nicht Ihre nichtssagenden Interpretationen dieser. Was bleibt: Das Buch tritt vorsätzlich unter falschem Titel und Anspruch an.

Da wundert es nicht, wenn der Autor auch vor Sinnfälschungen nicht zurückschreckt und diese in seinem Sinne funktionalisiert. Um sein Buch anzupreisen, zitiert er Kasparow: "Wie sagte mir doch Kasparow zur Bedeutung der Psychologie im Schach: ‚Je mehr Leute das wissen, umso besser ist dies für das Schach‘" (12). Aus dem Interview mit Kasparow, geht, ganz nebenbei, gar nicht eindeutig heraus, dass Kasparow diese Äußerung "zur Bedeutung der Psychologie im Schach" gemacht hat, sondern zu psychologischen Tricks, vor allem aber wird diese Aussage hier einfach auf Munzerts Buch übertragen, so dass der fälschliche Eindruck entsteht und wohl auch entstehen soll, dass Kasparow das Buch empfiehlt und diese Empfehlung mit dem allgemeinen Interesse für das Schach rechtfertigt. Dem ist aber nicht so, man darf sogar bezweifeln, dass der Weltmeister dieses Buch interessiert gelesen habe; oder aber man müsste an Kasparow zweifeln.

Im Übrigen, das sei noch einmal wiederholt, treibt Munzert mit der Zitation in großem Stile Schindluder, zitiert mehrfach, zitiert sinnentstellend, zitiert sich selbst ausgiebigst usw., ja, er scheut nicht davor zurück, einen Vortrag Fokschaners ins Literaturverzeichnis aufzunehmen, den es gar nicht gibt: "Dieser Vortrag scheint nicht schriftlich festgehalten zu sein" (376) - war Munzert im Jahre 1922 etwa persönlich dabei?

Dies ist, neben dem frivolen und sinnleeren Palaver, ein Grund, weshalb wir es mit einem so aufgeblähten Buch zu tun haben und dahinter darf man auch einen Betrug am Käufer sehen, der ein Buch mit ungerechtfertigtem Preis bezahlt. Die Hälfte des Umfanges (und Preises) wäre noch immer zuviel gewesen. Auch hier spielt das Versprechen des Buches eine Rolle, denn es wird durchaus kein wissenschaftliches Werk geboten, wie Titel, Umschlagtext, Layout etc. suggerieren, was letztlich auch dem Verlag anzukreiden ist. Ähnlich gelagert liegt das Problem mit dem Forschungs- und Originalitätsversprechen. Auch wenn Munzert nicht müde wird, von seinen Forschungen zu phantasieren, es gibt in diesem Buch nichts dergleichen, sieht man mal von einigen halbverdauten Wiedergaben tatsächlicher schachpsychologischer Forschungen ab (19. und 20. Kapitel), und wie originell der Denker Munzert ist, hat das Schach-Prozess-Modell genügend gezeigt.

Mitleidig lächeln kann man nur, wenn man Munzerts Kritiken der "vier Hauptströmungen" der Psychologie liest und spätestens hier schlagen Entrüstung und Empörung in mitfühlende Teilnahme um, denn hier entblößt sich der Autor vollkommen: Wer da noch an einen ausgebildeten Psychologen glaubt, der glaubt auch an den Osterhasen. Nur so kann man die anmaßenden Töne ertragen, die dem Leser suggerieren wollen, dass hier ein authentischer Beitrag zur Kritik der Psychoanalyse oder Kognitiven Psychologie vorläge. Wenn das Psychologie sein soll, fragt sich der kritische Leser vielmehr, wozu dann so ein Fach studieren, wo doch jeder Dahergelaufene mit ein bisschen Allgemeinbildung den Psychologen, den Wissenschaftler mimen kann? (vgl. 157 – 172).

Am Ende bleibt es ein groß angelegter, zugleich kleinlich- und kindischer Täuschungsversuch, der weder der Psychologie noch dem Schach einen Dienst erweist, beide in den Augen der Leser vielmehr diskreditiert, der den Leser peinlich berührt und dem Verlag ein Armutszeugnis ausstellt.

 

10. Selbstkarikatur (eine Hitparade)

Man will ja auch was zu lachen haben. Wenn man gewillt ist, das Ereignis Munzert locker zu sehen, so entdeckt man davon eine Menge. Vor allem der unfreiwillige Humor, meist in Form selbstkarikierender Entäußerungen, entschädigt für vieles und, wer weiß, vielleicht wird Dr. Munzert mal so berühmt wie Friedericke Kempner.

Gleich zu Beginn seiner psychologischen Forschungen charakterisiert er seine Arbeit sehr treffend: "Diese Auflistung (sic!) beruht vor allem auf den Arbeiten von Harding (1982), Kotow (19886 a, b), Krogius (1976, 1986), Soltis (1979), Suetin (1980, 1985) und Überlegungen des Verfassers" (63). Das hat er wohl richtig gesehen, auch in dieser Reihenfolge: Aufschlussreich ist der Fakt, dass kein einziges psychologisches Buch Eingang in diese Liste gefunden hat.

Über die "seltsamen Ansichten" der Klassiker der Psychoanalyse weiß er folgendes zu sagen: "Schon hier sei der Leser gewarnt. Er wird einige merkwürdige Behauptungen über sein Lieblingsspiel finden. Deshalb sei ihm (k)ein - huh, wie tiefsinnig! - ernst gemeinter Rat gegeben: Falls immer er Ärger oder Unbehagen fühlen sollte, möge er über die einfallsreichen Psychoanalytiker lächeln und frohen Mutes weiterlesen" (158). Diese sinnreiche Maxime half mir über manche Durststrecke während der Munzertlektüre hinweg.

Beim folgenden Satz hätte man einen verzweifelten Einbruch von vernichtender Selbstkritik vermuten können, aber Munzert meint tatsächlich nicht sich selbst, sondern die Individualpsychologie in der Nachfolge Alfred Adlers: "Selbstverständlich wird diese relativ einfache Betrachtungsweise dem komplexen Interesse am Schach nur in Einzelfällen gerecht" (169).

Ein Bonmot jagt das andere: "Es werden also", so charakterisiert er seine Arbeit im 18. Kapitel, "aufgrund von Zitaten aus den verschiedensten Quellen Aussagen über Aspekte, Motive und Befriedigungsmöglichkeiten des Schachs gemacht" (175).

"Wer sich ausführlich mit Prozessen der Wahrnehmung und des Gedächtnisses beschäftigen will, findet z.B. in folgenden Büchern nähere Informationen: Herkner 1986, Zimbardo 1983" (183) – denn eins ist klar, bei Munzert findet man dazu nichts und dass Herkner und Zimbardo Einführungswerke in die Psychologie allgemein sind, wird jeder Student des ersten Semesters bestätigen können.

Die verdienstvollen Autoren Djakow, Petrowski und Rudik, die 1927 als erste auf die Idee kamen, empirisches Material zu sammeln - etwas, was Munzert nicht im Traum einfiele -, werden mit dem Verdikt bedacht: "Diese Autoren waren jedoch in Vergessenheit geraten; wie es oft geschieht, wenn sich Forscher nur schlecht in der Geschichte ihres Fachgebietes auskennen" (188), was in Munzerts Mund tragikomische Züge annimmt, ganz gleich, wie er das meint.

Hin und wieder glaubt Munzert, uns auf seine geistige Tauglichkeit aufmerksam machen zu müssen: "Um Missverständnissen vorzubeugen: Natürlich glaube ich nicht, dass der Spieler eine Akte im Kopf hat" (193).

Hinsichtlich der Gehirnforschung und der Kognitiven Wissenschaften konstatiert der belesene Forscher: "Leider gibt es meines Wissens (könnte es daran liegen??) noch keine entsprechende Literatur zum Schach." Ganz abgesehen davon, dass dies völliger Unsinn ist und den Ignoranten Munzert kennzeichnet, kann dem abgeholfen werden: "Eigene vorläufige Überlegungen des Verfassers werden erst in eine spätere Arbeit Eingang finden" (208). Eins steht so sicher fest wie das Amen in der Kirche: Auch nach dieser "späteren Arbeit" wird es keine Literatur zum Thema geben.

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Ein Fallbeispiel (ironisch, wenn nicht gar zynisch)

Mehrere Texte Munzerts haben sich lauthals für eine minutiöse Analyse angeboten, am Ende gewann der folgende in die "Schachpsychologie" aufgenommene Artikel die interne Nonsenshitparade. Wer nicht genug bekommen kann, der greife sich einen anderen Text, das Ergebnis ist immer vergleichbar. [5]

 

Die Bedeutung des Schachs für eine Vereinheitlichung der Psychologie (362–371)

In diesem richtungsweisenden Aufsatz unternimmt der Diplompsychologe die übermenschliche Bürde, die verschiedenen Schulen der Psychologie in einem heroischen Akt vereinen zu wollen und beendet damit den jahrzehntelangen leidigen Streit innerhalb der Wissenschaft; den es, müßig zu erwähnen, in dieser Form gar nicht gegeben hat. Man muss ihn für den Wagemut wahrlich bewundern, denn was die größten und genialsten Köpfe des Faches nicht zu leisten vermochten (oder nicht wollten??), gelingt dem Meister des Wortes in prägnantem Stil. Von erhobener Warte aus, die er sich, wie wir sahen, durch langjährige Forschung und revolutionierende Veröffentlichungen erkämpft hat, wagt er den großen Blick und konstatiert: "In der internationalen Psychologie gibt es nebeneinander mehrere große Strömungen. Dies sind vor allem Kognitive- und Handlungspsychologie, Psychoanalyse, Humanistische Psychologie und (Neo-) Behaviorismus. Diese Richtungen haben unterschiedliche Vorstellungen vom Menschen (Menschenbilder) und Theorien über sein Erleben, Verhalten und Handeln entwickelt." (362). Besonders dankbar muss man dem Meister sein, uns über den geheimen Sinn des Wortes "Menschenbild" aufgeklärt zu haben. Vor dem Angesicht dieses Verdienstes mag man den etwas groben Blick auf sein Fach verzeihen, insbesondere die Vertreter der Gestalt- und Ganzheitspsychologie, der Analytischen Psychologie, der wegweisenden Feldtheorie, der Kritischen Psychologie, der Transpersonalen Psychologie, um nur einige weitere Hauptschulen zu benennen, sollten nachsichtig mit der Nichterwähnung verfahren, denn hier, meine Herren und Damen, geht es um das ganz ganz Große und das lässt sich nun mal nur mit einem gröberen Raster bearbeiten. Und schließlich entschädigt doch der letztendliche Erkenntnisgewinn für uns alle die kleinen simplizistischen Einschränkungen. Seien wir also nicht kleinlich und lauschen weiter den weisen Worten: "Zur Erläuterung der verschiedenen Menschenbilder" - so fährt der Herr Doktor fort - "möchte ich den Leser bitten, über folgende Fragen nachzudenken:" - und wir werden der Bitte selbstverständlich Folge leisten. "Was für ein Mensch sind Sie? Halten Sie sich für jemand, der sein Leben bewusst und aktiv gestaltet, der plant und zur Erreichung seiner Ziele vernünftige Handlungen ausführt? Oder sehen Sie sich vor allem von unbewussten Motiven, Wünschen und Ängsten getrieben? Streben Sie nach Wachstum Ihrer Persönlichkeit und Selbstverwirklichung? Werden Sie von äußeren Reizen, von Belohnungen und Bestrafungen der Umwelt gesteuert? Oder trifft alles gemeinsam auf Sie zu? Wie würden Sie sich charakterisieren?" - An dieser Stelle empfehle ich dem werten Leser, die Lektüre für ein, zwei Wochen zu unterbrechen und sich der Kontemplation über diese schwerwiegenden und erschütternden Schicksalsfragen hinzugeben, denn seien Sie ehrlich: Noch nie zuvor hat jemand so tief in Ihre Seele geschaut! Wenn es Ihnen auch so geht und Sie können in diesen orakelhaften Fragen keine Erläuterung der verschiedenen Menschenbilder ausmachen, so versuchen sie es noch einmal, denn es kann nur an unserem mangelnden Verständnis liegen. Das darf uns von der weiteren Lektüre freilich nicht abhalten und schließlich sind Heilsbotschaften immer etwas geheimnisvoll. Wichtig ist doch die Konklusion und die kann man nicht präziser ausdrücken, als in diesen Worten: "Mir scheint die bisherige Uneinheitlichkeit der Psychologie stark mit dieser Vielfalt der Menschenbilder in Zusammenhang zu stehen" (363), und wie er das so sagt, wird einem das auch glasklar. "Was die einen Psychologen hervorheben, ignorieren oder vernachlässigen die andern. Trotz mancher Gemeinsamkeiten betont jede Position andere Aspekte des facettenreichen menschlichen Wesens, seiner Motive, Kognitionen und Emotionen, seines Handelns, seiner Interaktion mit der Umwelt sowie seines Lernens und seiner Entwicklung." - Da ist wirklich alles drin, Reinhard - hätte ich in einem Anfall von brüderlicher Zuneigung beinahe gesagt. Und jetzt kommt’s: "Jede dieser vier Richtungen für sich allein genommen wird allerdings - so behaupte ich - der Komplexität des Menschen und der vielfältigen Formen menschlichen Erlebens, Verhaltens und Handelns nicht gerecht". Was kann man da tun?? Wir als Normalsterbliche müssen das wohl hinnehmen, denn es bedarf eines Geistesriesen, diese Gigantenarbeit der Vereinheitlichung zu vollbringen, eines Mannes napoleonischer Gestalt, der nicht nur intime Kenntnisse der verschiedenen Theorien besitzt - da fällt einem eigentlich nur einer ein -, und der zugleich die abstrahierende Fähigkeit in sich vereint, den gesamten psychologischen Bereich zu überblicken und auf griffige Formeln zu bringen, ein Mann, der die Fähigkeiten eines Wundt, Ebbinghaus, Lewin und Bühler glücklich vereint. Bislang hat sich zu dieser Titanenarbeit noch keiner bereit gefunden: "In der Psychologie hingegen", so lautet der nüchterne Befund, "wird bislang leider kaum versucht, die wesentlichen Erkenntnisse und Konzepte der Hauptströmungen zu verbinden". Dieses "bislang" lässt uns allerdings jetzt schon hoffen, den unerträglichen Zustand endlich zu beenden: "Es existiert noch kein umfassender Ansatz, der den Menschen nicht nur als eine Einheit betrachtet, sondern ihn auch ganzheitlich zu beschreiben und zu verstehen vermag". Damit kann er nur meinen, dass die ganzheitspsychologischen und transpsychologischen Versuche einer Vereinheitlichung als gescheitert gelten müssen und wer wagt da zu widersprechen? "Diesen desintegrierten Zustand der Psychologie halte ich für wenig zufriedenstellend" (364) Sie nicht? Dabei müsste das doch nicht so sein: "Eine Verbindung der Hauptströmungen der Psychologie ist möglich und vorteilhaft – Grand Unification of Psychology", heißt die Zauberformel, die Freud, Wundt, Lewin, Köhler, Piaget, Hoftstätter und Wertheimer, Adler, Allport und Ach, Watson, Skinner und Maslow, Holzkamp, Klix, Leontjew und Rubinstein zu Brüdern macht und mitten drin "The big brother", mehr noch, der Vater dieser großen glücklichen Wiedervereinigungspartie; Diplompsychologe Dr. Reinhard Munzert. Er ist es, der als einer der ersten, "als einer der wenigen deshalb entsprechende Integrationsbemühungen unternommen" (364) hat, niedergeschrieben in dem wegweisenden Diskussionspapier "The Grand Unification Theory – Nur ein Traum für Physiker? Diskussionspapier, vorgelegt am handlungspsychologischen Symposium in Gerolstein 1988" (371) und man kann es nur mit der allgemeinen Horizontüberschreitung der Anwesenden erklären - aber das zeichnet paradigmatische Texte ja aus, dass sie von der scientific community nicht als solche erkannt werden -, dass die Herren Professoren den wahren Wert der Thesen nicht sofort erfassten und die Frohe Botschaft in allen Gazetten verbreiteten (oder sollte Neid eine Rolle spielen? - denn, um ehrlich zu sein, Munzert gebührt ein Lehrstuhl plus Professur für "Vereinheitlichung der Psychologie"). Man muss sich doch nur folgende Analyse vor Augen halten: "Zwischen den wichtigsten theoretischen Positionen der Psychologie bestehen keine unüberbrückbaren Gegensätze, vielmehr verbindet jene mehr als bislang angenommen wird" (364). Punkt! Aus! Nur bösartig gesinnte Neider wollen Beweise und Konkretisierungen, als ob es nicht genügt, wenn der Meister den bloßen Sachverhalt immer und immer wieder betont. Warum das alles so ist? Nun, weil Munzert es sagt!! Und wem das nicht reicht, dem sagt er es auch noch mal: "Ich bin der Ansicht, dass die Aussagen der einzelnen Richtungen über den Menschen durchaus komplementär und miteinander verträglich (kompatibel) sind. Daher" - man muss den tiefen Sinn dieses "daher", dieser wasserdichten Herleitung einfach verstehen - "Daher habe ich eine Initiative zur Integration und Vereinheitlichung der Psychologie vorgeschlagen", und mehr noch, er hat auch schon einen zünftigen Namen für das Projekt gefunden: "Grand Unification Perspective of Psychology, abgekürzt GUPers (dem internationalen Ansatz und ähnlichen Bemühungen in der Physik entsprechend wurde eine englische Bezeichnung gewählt.) Ziel der Initiative ist es, die großen Strömungen der Psychologie zusammenfließen zu lassen. Dieses Vorhaben strebt einen integrativen Ansatz an, der Komponenten aller Hauptrichtungen enthält. Die erste wichtige Basis dieser Integrationsbemühungen", so wird der Leser weitsichtig noch einmal erinnert, "ist", wie kann es anders sein, "ein gemeinsames Menschenbild" (364). Der visionäre Gehalt dieser bahnbrechenden Überlegungen ist gar nicht dingfest zu machen, vielmehr lässt sich nur vage erahnen, was da auf uns zukommt: "Möglicherweise" - und fast möchte man meinen, ganz sicherlich, sofern uns Herr Munzert an der Spitze der Bewegung erhalten bleibt, "Möglicherweise gelingt es in den nächsten Jahren oder Jahrzehnten" - oder sogar Jahrhunderten - "Kognitive- und Handlungspsychologie, Psychoanalyse, Humanistische Psychologie und Behaviorismus" - (haben wir eines vergessen? Nein, alles da!) - einander näher-, vielleicht sogar zusammenzubringen" (364). Das kann der Meister natürlich nicht alles selbst leisten, er gibt nur die Richtung vor und das wissenschaftliche Fußvolk muss sich jetzt in die Spur begeben und rotieren, aber die Aussichten sind verlockend: "Auf der Grundlage der GUPers könnte - gemeinsam vorangetrieben durch Vertreter der verschiedenen Richtungen - eine große einheitliche Theorie der Psychologie mit einem umfassenden Menschenbild geschaffen werden: The Grand Unification Theory of Psychology (GUTPsych)" (365).
Das Ganze sieht in einer schönen wie anspruchsvollen schematischen Abbildung noch besser aus, als es klingt:

Das bedeutet, dass aufgrund eines gemeinsamen Menschenbildes die vier Hauptströmungen der Psychologie, das sind: Kognitive- und Handlungspsychologie, Psychoanalyse, Humanistische Psychologie und Behaviorismus, friedlich vereinigt werden können, und zwar in einer, auf einem gemeinsamen Menschenbild basierenden und alle Grundströmungen vereinigenden Vereinigung, der "The Grand Unification Theory of Psychology", kurz: GUTPsych, was so viel heißt wie: The Grand Unification Theory of Psychology, die sich anschickt, alle vier Hauptströmungen der Psychologie, also: Kognitive- und Handlungspsychologie, Psychoanalyse, Humanistische Psychologie und Behaviorismus, zu vereinigen und zwar auf der Grundlage der GUPers, mit anderen Worten, der The Grand Unification Perspective of Psychology...

Das ist natürlich wissenschaftlich recht anspruchsvoll und man muss bezweifeln, dass der gemeine Schachspieler da noch wird folgen können, aber es ist nun mal Wissenschaft, lieber gemeiner Schachspieler, und also nichts für Dich, sondern eher was für Herrn Doktor Munzert und seinesgleichen. Am Ende zählt allein der Gewinn und der verspricht enorm zu sein: "Als Vorteil einer vereinigten Psychologie sehe ich vor allem folgende Gesichtspunkte" - schweigen wir still, hier gibt es was zu sehen, was eigentlich unsichtbar ist, für blinde Erdenwürmer: "Defizite und Schwächen der einzelnen Positionen können gegenseitig ausgeglichen werden. Es entsteht eine erhöhte Beschreibungs- und Erklärungskraft. Außerdem ergeben sich verbesserte Anwendungs- und Forschungsmöglichkeiten. Die Kompetenz zu vernetztem Denken und Handeln wird bei entsprechend ausgebildeten Psychologen (sic!) gesteigert. Schließlich wäre eine einheitliche Psychologie ein starker und attraktiver Partner für andere Wissenschaften (siehe dazu ausführlich Munzert, in Vorbereitung)" (366).

Um die dienende Besprechung nicht umfangreicher zu machen als den bahnbrechenden Artikel selbst, wollen wir uns nun nur noch auf die schachspezifischen Überlegungen des Meisters beschränken. Ein so umfassendes theoretisches Modell muss sich selbstredend auch auf das königliche Spiel ausdehnen lassen und dabei muss der Schachbezug noch gar keine Rolle spielen, es genügt der personale durchaus: "hic Munzert, hic salta". "Nach ersten allgemeinen Überlegungen zur Möglichkeit einer Verbindung wesentlicher psychologischer Strömungen (Munzert 1983, S. 317/318; siehe auch Schmidt 1985 [6]) ergab sich der primäre Anstoß zur Integration aus meiner [7] Beschäftigung mit dem Schach und seinen psychologischen Aspekten (vgl. Kap. 17 dieses Buches) [8]" (366). Hier kann sich Munzert auf bereits vorhandene Forschungen von Munzert und Munzert & Munzert stützen, und er tut gut daran, den ignoranten Leser an frühere bahnbrechende, aber leider noch unverstandene Leistungen zu erinnern. Dass die folgenden Zeilen wortwörtlich bereits im sagenumwobenen 17. Kapitel zu finden sind, muss lobend erwähnt werden, denn vom Guten kann man nie genug bekommen. Der metaphysische Wert dieser originellen Zitationsart ist unschätzbar, denkt er doch die komplizierten Gedanken eines Jorge Luis Borges zu Ende, die in der modernen Philosophie noch heute diskutiert werden [9]. Es zeichnet Munzert nur aus, dass er bescheiden genug ist, die Erneuerung der Philosophie, die ihm hier en passant gelingt, gar nicht erwähnt. In seiner Erzählung "Pierre Menard" hat Borges einen imaginierten Autor mit sprachphilosophischen und logischen Ambitionen erfunden, der die krudesten Texte veröffentlichte und sich entschloss, den Don Quijote neu zu schreiben, nicht um-, sondern tatsächlich neu zu schreiben, "ohne eine Tautologie zu begehen". Diesen scheinbaren "'Unsinn' zu rechtfertigen ist der Hauptzweck der Notiz" (38) [10]. Er versucht folglich nachzuweisen, dass, obwohl die beiden Bücher sich in keiner Silbe unterscheiden, "Menards Quijote subtiler als der von Cervantes [11]" ist. "Der Text von Cervantes und der Text von Menard sind Wort für Wort identisch, aber der zweite ist nahezu unendlich viel reicher" (43). Um wieviel reicher muss der Text Munzerts erst sein, wenn es sich nicht um den klassischen Text eines anderen Autoren, sondern um den klassischen Text desselben Autoren handelt, mehr noch, wenn das klassische Ursprungswerk nicht nur dupliert, sondern tripliert wird? Man wagt die erkenntnistheoretischen Konsequenzen dieses unerhörten Aktes gar nicht zu Ende zu denken, aber wir greifen sicher nicht fehl, wenn wir diese Leistung als eines Don Quijote voll und ganz würdig erachten. Um das noch einmal klar zu machen: Das folgende Zitat ist ein Zitat aus Munzert 1984c [12], welches bereits in Munzert 1993 [13] verwandt wurde (das ist das hier besprochene Exemplar) und nun aus diesem Buch selbst in diesem Buch selbst zitiert wird. Die tradierte Sprache versagt, dem komplexen Gedankengang gerecht zu werden. Der Satz lautet nun wie folgt: ""‘Der Leser wird eventuell erkannt haben, dass sich die Ansichten der einzelnen psychologischen Richtungen über das Schachspiel gegenseitig nicht ausschließen. Insgesamt ergeben sich Ähnlichkeiten, Übereinstimmungen und Ergänzungsmöglichkeiten hinsichtlich der unterschiedlichen psychologischen Betrachtungsweisen dieses Spiels. Jede dieser Strömungen erklärt andere Aspekte des schillernden Schachs. Jede allein ist sicher zu wenig, alle gemeinsam liefern vermutlich jedoch eine einigermaßen zufrieden stellende Erklärung der Motivation zur Beschäftigung mit dem Schach, bei dem ja stets mehrere Motive gleichzeitig befriedigt werden können usw.‘"" (367). Sollte dem einen oder anderen (unaufmerksamen) Leser es so erscheinen, als habe er das schon mal irgendwo gehört, so muss man ihm leider bescheinigen, nicht richtig aufgepasst zu haben, denn es kommt auf die feinen Differenzen an, es ist die feine sprachliche Klinge, die Munzert führt und die man nur bewundern kann. Das Kraut wird schließlich ganz fett, wenn er fortfährt: "bereits in der ersten Auflage des vorliegenden Buchs (1988 a, S. 174)" - und, so dürfen wir hinzufügen, auch in der dritten Auflage (1993 a, S. 174) - "ergänzte ich dazu: """‘[14] Am Beispiel der Motivation kann man gut erkennen, wie die gemeinsame Berücksichtigung der Erkenntnisse mehrerer psychologischer Strömungen dazu beiträgt, ein bestimmtes Phänomen besser verstehen und erklären zu können‘""" (367). Das ist so evident, dass man sich nicht mit Beweisen und ähnlichem Ballast abgeben muss und auch die Unbestimmtheit des Phänomens erklärt sich quasi von selbst. """‘Meines Erachtens wird für die Zukunft ein stärkeres Aufeinanderzugehen der einzelnen psychologischen Schulen zu erwarten sein... Möglicherweise bietet das Schachspiel den Psychologen ein hilfreiches Beispiel, an dem sie erkennen können, wie einzig einzelne Vorstellungen vom Menschen sind‘""" (367). Na dann mal an die Arbeit, Ihr Psychologen, Ihr. """‘Jedes dieser Menschenbilder‘""" – schreibt Euch das hinter Eure Psychologenlöffel - """‘ist für sich allein zu einfach, um der Vielfalt psychischer Erscheinungen gerecht zu werden! - Auch beim Schach!‘""" (367)!! Jawohl: Auch beim Schach! – einfach genial!

Ja, Dr. Munzerts unermüdliche Arbeit trägt die ersten Früchte!! Schon Karpow musste bekanntlich Lehrgeld zahlen, als er nicht auf Dr. Munzerts Hinweis hörte (242) und sich nicht befleißigte, eine Entspannungsmethode (autogenes Training, Progressive Muskelentspannung, Biofeedback-Verfahren) zu erlernen (42ff., 216 ff.); wer nicht hören will, muss fühlen, das Ende vom Lied war der von Dr. Munzert in einem kühnen Akt von Prophetie vorausgesehene Verlust des Weltmeistertitels inklusive der endgültigen Lösung des Rätsels Karpow ("Oder man erkennt, dass er gar kein Rätsel ist", 284). Aber nun steht auch fest: "Die praktischen Anwendungsmöglichkeiten eines integrierten Vorgehens haben sich ebenfalls im Bereich des Schachs auf eindeutige Weise gezeigt. Die von mir entwickelte allgemeine und sportpsychologische Handlungsberatung (vgl. Munzert 1983, 1988c) wurde bereits erfolgreich im Gebiet des Schachs angewandt (Munzert 1988 d, 1991 b, c)" (367). Wir glauben dies besser ungesehen, bevor uns die munzerttypische Beweisflut verschüttet. Nicht verschweigen dürfen und können wir freilich diesen wie in Marmor gehauenen Lehrsatz, der von nun an in jedes Psychologiebuch, das auf sich hält, aufgenommen werden muss, den Generationen von Studenten interiorisieren sollten, denn selten in der Menschheitsgeschichte wurde ein so tiefgründiger und schwieriger Gedanke - man vergleiche nur das hilflose Gestammel eines Kant, Hegel, Heidegger - derart prägnant und einfach ausgedrückt; mit anderen Worten: Inhalt und Form gehen kongenial zusammen: "Der Ansatz der Handlungsberatung (und Erlebnisbewältigung) lässt sich zusammenfassend folgendermaßen charakterisieren: Er geht davon aus, dass fast jeder Mensch durch Optimierung seines Planens und Handelns, Erkennen der eigenen Stärken und Unzulänglichkeiten, Verständnis und Annahme seiner Vergangenheit, Kenntnis der relevanten Motive und Ziele sowie wichtiger Einstellungen und Gewohnheiten, Trainieren seiner Informationsverarbeitung und eines geeigneten Umgangs mit Gefühlen, Verbesserung des inneren Redens und des (bildhaften) Vorstellens sowie der Selbstbeobachtungsfähigkeit - kurz zusammengefasst: seiner Handlungs- und Bewältigungskompetenz - in die Lage versetzt wird, effektiver zu handeln, zufriedener zu leben und das eigenen Potential besser zu verwirklichen" (immer noch 367). - Was für ein Satz!! Hätte doch Thomas Mann ihn noch lesen können, er würde beschämt seinen Nobelpreis abgegeben haben. Und wie komplex! Das beste Beispiel für die Bestätigung der These(n) dürfte unser geliebter Dr. Munzert selbst sein, denn einen solchen Satz kann man nur schreiben, wenn man das alles schon hinter sich hat. Nun ist selbst mit dieser zeitlosen Formel das Ende der Fahnenstange nicht erreicht, im Stile eines Edmund Husserl, und besser als der, treibt Munzert seine Forschungen zu weiteren Höhen und, lieber Leser, es hilft nichts: Wer hohe Berge erklimmen will, der muss schwitzen! Während wir die Schönheit dieser einsamen Bergwelt - 6000 Fuß über dem Meer, wie Nietzsche sagte -, genießen, dürfen wir nicht vergessen, dass der Mount Everest des Gedankengebirges des Geistesriesen Munzert noch immer nicht erklommen ist: Es bleibe zurück, wer Atemprobleme hat, nur die wahren Wissenschaftler, die es mit Leib und Seele sind, können noch folgen. Ob sie aber den Anblick der letzten Weisheit ertragen werden? Wer mag das wissen? Noch nämlich ist diese Ausgeburt des Denkmöglichen nicht benannt und da trennt sich die Spreu vom Weizen, denn titanische, schöpferische Kräfte muss derjenige aufbringen, der hierfür noch einen Namen findet. Hammelwade? Schnürbein? ... Nein, Nein, Nein! Mit donnernder Geste, wie einst Rumpelstilzchen, tritt Munzert auf, es kreißt der Berg, und gebiert die Frage aller Fragen und die Lösung aller Lösungen: "Gibt es also eine griffige, konzeptionelle Fusion", so fragt er, "die nichts Wichtiges außer acht lässt?" Gib zu, Leser, du windest Dich umsonst!! Wie sollte dir auch ad hoc gelingen, worum der Meister lange, sehr lange gerungen hat? "Nach langem erfolglosen Suchen sah ich endlich eine viel versprechende Kombination." Bist Du bereit, Leser? Hast Du Dich vollkommen entleert, die Frohe Botschaft würdig zu empfangen. Wenn nicht, dann halte inne, versuche vielleicht eine Entspannungsmethode (autogenes Training, Progressive Muskelentspannung, Biofeedback-Verfahren) oder verbessere Dein inneres Reden, tu jedenfalls etwas, denn der Sphinx schaut man nicht ungestraft und unvorbereitet ins Auge. Stille jetzt!! Ruhe! ... Vernehmet die Worte!

"Ich möchte ein psychologisches Menschenbild vorschlagen", - Heil, Heil - "welches den Menschen primär als" - der Atem stockt, was kann es sein?? - "als ‚Integriertes Informationsverarbeitungs- und Handlungssystem‘ (II&HS) betrachtet" - Es ist vollbracht, vollbracht!! Der Heiland ist uns erschienen und er hat das Wort gesagt, ein zauberhaftes, märchenhaftes Wort, so weich und doch klar, so reich und zart, so... einfach: "Integriertes Informationsverarbeitungs- und Handlungssystem", "Integriertes Informationsverarbeitungs- und Handlungssystem", "Integriertes Informationsverarbeitungs- und Handlungssystem" – nicht satttrinken kann man sich daran. Und erst die Abkürzung: II&HS. Du bist zu bescheiden, Meister, wenn Du fortfährst: "Darin ist schon viel enthalten, was den Menschen aus einer psychologischen Perspektive kennzeichnet", denn darin ist bereits alles enthalten, zumindest, was den Menschen, was Dich, aus einer psychologischen Perspektive kennzeichnet. Wir folgen Dir, wenn Du weiter sprichst: "Dieses Konzept empfehle ich gleichzeitig als Basis-Einheit für einen umfassende Sichtweise des Menschen und eine vereinheitlichende Psychologie, die unterschiedliche Vorstellungen menschlichen Denkens, Wollens, Fühlens und Handelns verbindet" (368). Hier verstummt der Chronist: "Es kann auch eine zusammenfassende und gleichzeitig möglichst umfassende psychologische Betrachtungsweise der menschlichen Natur angeboten werden: der Mensch als ‚Lernendes, kreatives, Befriedigung anstrebendes, integriertes Informationsverarbeitungs- und Handlungssystem‘. Diese Konzeption schlage ich auch als erstes gemeinsames Menschenbild der Hauptströmungen der Psychologie vor. Ich erachte dies als besten Weg zwischen der (mich?) verwirrenden Vielfalt der Vorstellungen vom Menschen einerseits und der einäugigen Auswahl eines reduzierten Menschenbildes andererseits. Diese übergreifende Konzeption eröffnet einen fruchtbaren Ansatz für weiter integrative Forschung und Anwendung" (369).
(Hat da jemand gerufen: "Es lebe die verwirrende Vielfalt"?? Nieder mit dem Ketzer!!)

 

Leser dieser denkwürdigen Zeilen; es ist vollbracht! Hören wir noch einmal die beruhigende Stimme des Meisters Munzert, auf dass auch der letzte Keim des Zweifels ausgetrieben werde: "Am Ende dieses Kapitels möchte ich feststellen, dass ein umfassendes psychologisches Menschenbild möglich ist, und dieses angemessener, vollständiger und realistischer erscheint, als diejenigen Konzeptionen, welche bislang jeweils in den verschiedenen Strömungen der Psychologie [15] vertreten werden" (371). Nun wird schlussendlich deutlich, dass Freud & Co., Watson & Co., Pribram & Co.., Bühler & Co. nur arme Würstchen waren; ungebildet und naiv rannten sie menschenbildnerischen Chimären nach, deren eventuell darin enthaltene Wahrheit nun endlich von Meister Munzert befreit und auf eine neue vereinigende Stufe gehoben wurden. Bleibt noch was zu sagen? Höchstens noch dies: "Wenn einmal die Geschichte der Vereinheitlichung dieser Wissenschaft geschrieben wird - wer weiß -, vielleicht spielt dann Schach darin sogar eine Rolle" (370)!? Oder gar der Dr. Munzert??

Munzert schreibt zu diesem Bild (S. 225), welches ihn in bezeichnender Geste beim Autogrammjagen zeigt:
"Im Gespräch: Ex-Weltmeister Anatoli Karpow und Schachpsychologe Dr. Munzert"

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Erwähnte Literatur:
- Abrahams, Gerald: The chess mind
- Benkö/Hochberg: Vincere a scacchi con la psicologia
- Binet, Alfred: Das Gedächtnis der Schachspieler. Eine psychologische Studie über das Blindspiel
- De Groot, Adrian: Thought and Choice in Chess
- Ferschinger, Rainer: Kreativität im Schachspiel. Experimentelle Untersuchungen zur Psychologie des Schachspiels unter besonderer Berücksichtigung der Kreativität
- Festini/Liccione: Psicologia degli scacchi
- Heyken, Enno: Leistungs- und Interessenentwicklung bei Schachspielern
- Holloway, Wilf: Winning Chess Psychology
- Hübner, Robert: Der Wettkampf Lasker-Schlechter im Jahre 1910
- Hübner, Robert: Laskers psychologische Spielweise
- Krogius, Nikolai: Psychologie im Schach
- Pezzi, Franco/Diversi, Massimo: Sadoscacchi
- Suetin, Aleksei: Moderne Denkmethoden des Schachspielers
- Vajnstein, Boris: Lasker. Filosofia della lotta
- Webb, Simon: Schach für Tiger

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--- Jörg Seidel, 07.08.2002 ---


[1] Gregor von Rezzori: Maghrebinische Geschichten. Hamburg 1958
[2] Aus ganz persönlicher Sicht gebe ich noch folgendes zu bedenken: in meinem Leben sind mir bislang fünf Bücher als unlesbar begegnet, davon waren vier schachspezifische Titel, wobei der Gesamtanteil von schachspezifischen Titeln in meinem Lesekanon weniger als zehn Prozent beträgt. Sie sind also unter den grottenschlechten Titeln weit weit überrepräsentiert. Es handelt sich um: 1. Munzert, 2. Nikula: Tödliches Schach, 3. Studier: Emil Joseph Diemer – Ein Leben für das Schach im Spiegel seiner Zeit (im Übrigen ein ebenfalls in der Schachpresse gelobtes Buch), 4. Yaffe: Alekhine‘s Anguish und 5. Das Nichtschachbuch: Krupp: Führung und Verführung durch Sprache. Bei dieser Einschätzung geht es überhaupt nicht darum, ob ich den Meinungen der Autoren zustimme oder nicht, sondern allein um qualitative Faktoren bzw. um deren Abwesenheit.
[3] vgl. Fußnote [8]
[4] Die Archäologie des Frivolen. Berlin 1993
[5] vgl. etwa: Mentale Verfahren zur Förderung der Innovationskompetenz http://www.wissensmanagement.net/ online/archiv/2001/03_0401/innovation.htm, oder: "Der Steppenwolf und die moderne Psychologie" (den ich versuchshalber und anonym mehreren Lehrern für Deutsch und Gesellschaftskunde vorgelegt habe, er wurde mit Note 3 und 4, Niveau 10. Klasse, bewertet. http://www.gss.ucsb.edu/projects/hesse/papers/munzert.pdf, oder: Relativität im Schach. Emanuel Lasker und die psychologische Seite des Schachspiels. In: Emanuel Lasker: Gesunder Menschenverstand. Hollfeld 1999. S. 179 – 217; oder: "Würzburger Schule. In: Lück (Hrsg.) u.a.: Geschichte der Psychologie. Ein Handbuch in Schlüsselbegriffen. S. 82-87; oder: Psychologische Portraits Kasparow und Karpow. In: Pfleger u.a.: Die Schach-Revanche Niedernhausen 1986. S. 20 – 42 oder ... die Liste ist lang, das Fazit kurz: Munzerts Flachheiten sind flächendeckend, wo Munzert hinlangt, da wächst kein bemerkenswerter Gedanke - es ist davon auszugehen, dass es keinen einzigen lesenswerten Artikel dieses Autors gibt.
[6] Man kommt nicht umhin, diesen Literaturverweis auf eine externe Quelle als leicht störend im Gesamtfluss zu empfinden.
[7] Endlich wieder "auf dem Boden".
[8] vgl. Fußnote [3]
[9] z.B. Gilles Deleuze: Differenz und Wiederholung. München 1992
[10] Jorge Luis Borges: Fiktionen. Frankfurt 1994. S. 35-45
[11] Fußnote nur für Dr. Munzert: Cervantes ist der Verfasser des "Don Quijote" und Don Quijote ist die Hauptfigur des Romans "Don Quijote" von Cervantes.
[12] Die Psychologie des Schachspiels und der Schachspieler. Schach Magazin 64, Nr. 2-4
[13] Schachpsychologie. Hollfeld 1993. S. 174 (das 17. Kapitel)
[14] drei der vier Anführungszeichen von J.S., um die Vieldimensionalität optisch besser sichtbar zu machen
[15] das sind: Psychoanalyse, Behaviorismus, Humanistische Psychologie und Kognitive Psychologie


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